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Vor den Kopf gestoßen

Noch keine drei Jahre ist es her, als der marxistische Dissident und mit Berufsverbot belegte Belgrader Professor Ljubomir Tadic auf ei- nem informellen Symposion von osteuropäischen Freunden gefragt wurde: „Sag mal, Ljubo, wir Balten wollen unabhängig werden, die Ukrainer wollen weg von Moskau - und glaubst du denn wirklich, der Vielvölkerstaat Jugoslawien ist mehr als ein Provisorium, das 1918 entstand, weil keines der Völker sich damals in der Lage sah, einen eigenen Nationalstaat zu errich- ten?" Tadic lachte und antwortete mit einer Gegenfrage: „Kennt ihr aus der Geschichte einen einzigen Staat, der zu Friedenszeiten zerfal- len und aufgelöst worden ist?"

Heute lehrt Tadic noch immer nicht an der Universität, er hat keine Zeit, sagt er. Er ist ein entschiedener Gegner des kommunistischen Prä- sidenten Serbiens, Slobodan Milosevic', er kann das derzeitige jugoslawische Staatsoberhaupt Bo- risa v Jovic, ebenfalls ein Serbe, nicht leiden, er will auch nicht an die Macht bei den anstehenden freien Wahlen in Serbien, erklärt er. Aber eines verbindet ihn doch mit seinen Gegnern: die jugoslawische Idee.

Nein, er wolle die Konföderati- onspläne, die kroatische und slo- wenische Politiker als einzige Al- ternative zur derzeit verfahrenen innenpolitischen Situation vor- schlagen, nicht akzeptieren. Es ginge nicht, diesen Vielvöl- kerteppich in Kleinstaaten auf- zulösen - in einen ganz losen Bund konföderativer souveräner Teile mit eigener Wirtschafts-, Außen- und Verteidigungspolitik.

Und es gibt nahezu keinen ser- bischen Intellektuellen, auch weni- ge bosnische, mazedonische oder montenegrinische, die den Konfö- derationsvorstoß aus dem Norden verstehen. Ihr Grundgedanke da- bei: Die derzeitigen sechs jugosla- wischen Teilrepubliken stehen nicht mit den ethnischen Grenzen der einzelnen Völker im Einklang. National homogene Republiken exi- stieren nicht. Würde man Jugosla- wien auflösen, würde sich die Fra- ge der Grenzen in aller Härte stel- len; es ginge nur die Föderation zu reformieren. So sehen es die weni- gen kritischen Geister Süd- jugoslawiens, die noch nicht dem Chauvinismus verfallen sind, wie leider immer mehr Bürger.

Die Mehrzahl der neuentstan- denen serbischen Parteien legt sich dagegen ein noch hegemonistische- res Mäntelchen um als die derzeit allein regierenden Kommunisten um Slobodan Milosevic". Gemein- sam attackieren sie die Nordrepu- bliken des Separatismus und gar einer „faschistoiden Innenpolitik"; denn diese würden alles daran- setzen, daß das serbische Volk „in seiner Einheit zersplittert" werde.

So erklärte letztens der serbische Ministerpräsident Radmilovid im Fernsehen, man könne die Pläne Kroatiens und Sloweniens nicht einmal als hypothetische Diskus- sionsgrundlage heranziehen, weil bei einer Konföderation seine Landsleute „in einem unsicheren Zustand in anderen Staaten zurück- gelassen" würden. Die Belgrader Tageszeitung „Politika" über- spannte den Gedanken und be- hauptete: „Serbische Landsleute könnten dann einem kroatischen Terror wie in der faschistischen Ustascha-Zeit zum Opfer fallen." Eine unglaubliche Demagogie, wenn man weiß, daß die albanische Minderheit Serbiens wie auch die ungarische der Republik seit neue- stem keinerlei Minderheitenrechte mehr genießt, beide Völker von der derzeitigen Zukunftsfrage vollkom- men ausgeschlossen wurden, ein brutaler Polizeiterror alltäglich im Kosovo für Schlagzeilen sorgt.

Ein nicht minder wichtiger Grund für die Aufrechterhaltung des Sta- tus quo, der jedoch nur andeu- tungsweise ausgesprochen wird, ist die verheerende Wirtschaf tslage im Süden Jugoslawiens. Zum Großteil werden marode Betriebe in den Südrepubliken durch eine erhöhte Steuerabgabe in Kroatien und in Slowenien mitfinanziert. Fürchtet Belgrad bei einer Konföderation leer auszugehen, so befürchten wiederum Politiker kleinerer Völ- ker, daß sie im Falle einer Verab- schiedung Sloweniens und Kroa- tiens von der jugoslawischen Staats- idee überhaupt keinen Verbünde- ten mehr hätten gegenüber einem serbischen Hegemonialismus. Ein Alptraum aller Albaner und Maze- donier, die beide darauf drängen, daß sich Slowenien und Kroatien auch weiterhin für das Schicksal des Vielvölkerstaates verant- wortlich zeigen mögen.

Und zur „verantwortlichen Schicksalssitzung" lud letzte Wo- che dann Staatschef Borisav Jovic. Das Parlament tagte - für Minuten. Und löste sich nach Meinung vieler für immer auf. So wie Anfang des Jahres der „Bund der Kom- munisten", als man sich zum 13. Parteikongreß treffen wollte und sich untereinander so zerstritt, daß man nicht einmal eine gemeinsame Begräbnisfeier gestaltet bekam.

Die Parlamentarier Jugoslawiens nahmen sich vor, eine Lösung zur Frage Konföderation oder Födera- tion zu finden, auf einer Marathon- sitzung , meldeten noch Anfang letz- ter Woche die Zeitungen; Ende der Woche waren sie schon wieder eine Spur klüger: Auf parlamentarischer Ebene könne man zu dieser Schick- salsfrage „keine Kompromisse" erwarten. Als wäre das Hohe Haus nichts anderes als ein Kindergar- ten, beschlossen die Herren Dele- gierten, ihr „parlamentarisches Spiel" einmal auszusetzen.

So einfach machen es sich die Politiker bei unserem südlichen Nachbarn. Finden sie keine Me- dizin, denken sie, ihre Krankheiten könnten sich auch im Wald oder auf der Straße von alleine lösen. Und wie es scheint, bricht Jugosla- wien schlicht auseinander: In den Wäldern von Kosovo üben sich paramilitärische Freischärler vor den Augen der Polizei, die Slowe- nen beginnen ihr eigenes Geld und eigene Pässe zu drucken, die Kroa- ten strömen zu Hunderttausenden nach Zagreb, um ihrem Natio- nalhelden Fürst Jelacic ein neues Reiterstandbild zu setzen; diesmal zeigt die Speerspitze nicht nach Budapest, sondern Richtung Bel- grad. Und die Moslems in Sarajevo träumen schon von einer moslemi- schen Republik „im Herzen Euro- pas", wie sie stolz verkünden. Und das Parlament schaut weg.

Im Machtvaküum regiert das Chaos. Staatspräsident Jovic gibt dem „Chaos" schon einen anderen Namen: „Wir stehen im Bürger- krieg". Welch ein Staatspräsident, der in anderer Funktion vor noch gar nicht langer Zeit Dissidenten, die die Gefahren eines Bürgerkrie- ges an die Wand malten, als „Agita- toren staatsfeindlicher Propagan- da" verhaften ließ.

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