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Warnung vor Jugoslawien

In dem Augenblick, da ich diesen Brief schreibe, ist mein Herz voll Kummer und Wut. In den letzten paar Tagen haben wir einen der letzten und tragischen Akte im jugoslawischen Drama erfahren. Es ist nun gänzlich klar geworden, daß die jugoslawische föderative Armee (die den offiziellen Titel .Jugoslawische Volks-Armee” trägt - welch schwarzer Humor!) versucht, Slowenien zu besetzen: Starke Truppenkonzentrationen in unserer kleinen Republik zwischen den Alpen und der Adria, gefährliche Provokationen nur wenige Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, der tragische Fall eines Zivilisten, der unbewaffnet versucht hat, ein gepanzertes Fahrzeug zu stoppen, und unter dessen Rädern den Tod fand...

Die Masken sind also endgültig gefallen. Die nackte Wahrheit des föderativen, zentral istischen, vereinigten Staates Jugoslawien ist - Gewalt. Nach der Beseitigung sämtlicher National- und Menschenrechte der albanischen Bevölkerung in der Provinz Kosovo, nach dem Aufblitzen eines schrecklichen Bürgerkriegs in Kroatien, versuchen nun finstere jugoslawische Kräfte den Prozeß der Demokratisierung in Slowenien zu stoppen und das natürliche Recht der Slowenen auf Selbstbestimmung (ihrer Zukunft) auszuradieren.

Wer muß sich schämen? Sicher, niemand ist gänzlich unschuldig, aber es ist offensichtlich, daß das Blutvergießen in Jugoslawien das Resultat der aggressiven nationalistischen Politik des Serbenführers Milosevic ist, zusammen mit der konservativen

Ideologie der föderativen Armee, die begierig ist, das repressive System wiederherzustellen. Eine gemeinsame Bezeichnung für die beiden Strategien ist - Stalinismus.

Die Unterstützung West-Europas und der Supermächte für die „Notwendigkeit der Aufrechterhaltung eines vereinigten Jugoslawien” beruht auf einer falschen Analyse der Situation: Aus Angst vor der Re-Bal-kanisierung der Balkan-Halbinsel unterstützen sie die Quelle all dieser blutigen Zusammenstöße.

Einen solchen Staat nicht!

Wenn Panzer der einzige Weg sind, Jugoslawien zu retten, dann brauchen wir einen solchen Staat nicht!

Erlauben Sie mir ein paar persönliche Worte: Ich wurde geboren und bin aufgewachsen in Belgrad, in Serbien; ich bin stolz, zweisprachig zu sein - Slowenisch und Serbo-kroa-tisch; und ich habe nach wie vor eine Menge Freunde und Verwandte verstreut in ganz Jugoslawien. Deshalb blutet mein Herz wegen all dieser tragischen Konflikte. Es ist nicht leicht für mich niederzuschreiben, daß eine Auflösung Jugoslawiens der beste Weg wäre, einen desaströsen Bürgerkrieg mit viel Blutvergießen zu verhindern. Aber, bedauerlicherweise, ist es ein Faktum.

Alle Vorschläge, die von den Republiken Slowenien und Kroatien zur Neudefinierung Jugoslawiens gemacht wurden (in Sinne einer losen Assoziierung unabhängiger Staaten, basierend auf der Gleichheit aller konstituierender Teile), wurden abgelehnt. Konfrontiert mit der Bedrohung, in einem repressiven föderativen Staat leben zu müssen, hat die große Mehrheit der slowenischen Bürger ihre Stimme für ein unabhängiges Slowenien abgegeben bei der Volksabstimmung im Dezember 1990.

Vergessen wir nicht, daß der Erste Weltkrieg auf dem Territorium des heutigen Jugoslawien ausgebrochen ist. Es ist unsere Verantwortung im Hinblick auf künftige Generationen, nicht zuzulassen, daß sich eine solche Tragödie wiederholt. Der Blutzoll in der Geschichte aller jugoslawischer Nationen war stets zu hoch.

Liebe Kollegen, ich gebe meine persönliche Garantie, daß das slowenische P.E.N.-Zentrum sein Bestes tun wird, die in der Charta festgeschriebenen Ziele zu erreichen und im Geist des Internationalen P.E.N. zu agieren: Wir werden den Kampf für Frieden und Demokratie, für die nationalen Rechte aller Nationen und für die Menschenrechte aller Individuen fortführen, unabhängig davon, ob es sich um Slowenen oder Serben, Kroaten oder Albaner handelt.

Wir haben weiter vor, die toleranten und guten Beziehungen zu allen anderen jugoslawischen P.E.N.-Zen-tren (dem mazedonischen, serbischen und kroatischen) fortzuführen und zu vertiefen; eine solche, offene Kooperation ist jetzt wichtiger und notwendiger denn je, in Zeiten nationalistischen Wahnsinns und fanatischen gegenseitigen Hasses, die die Atmosphäre im heutigen Jugoslawien bestimmen.

Völlig überzeugt davon, daß am Ende die Feder stärker sein wird als das Schwert, senden wir Ihnen diesen Brief mit der Bitte, auch Ihre Freunde über unseren Kummer und unsere Wut zu informieren. Danke!

Der Brief ist in englischer Sprache verfaßt und mit 29. Mai 1991 datiert. Übersetzung von Harald Klauhs.

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