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Brennt bald der ganze Balkan?

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Europa braucht für seine eigene Glaubwürdigkeit und Stabilität eine Lösung des Kosovo-Konfliktes. Das internationale Zögern nützt nur den Serben.

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Europa braucht für seine eigene Glaubwürdigkeit und Stabilität eine Lösung des Kosovo-Konfliktes. Das internationale Zögern nützt nur den Serben.

Normalerweise sind diese Sommermonate "Gurkenzeit" für die Medien - heuer aber brennt es im Kosovo. und jeden Tag muß von weiteren Kampfhandlungen, von weiteren Toten, von nun schon Hunderttausenden von albanischen Flüchtlingen berichtet werden. Die serbische Entschlossenheit, die UCK, die Kosovo-Befreiungsarmee zu zerschlagen, funktioniert unaufhaltsam - die Albaner müssen offensichtlich immer weiter zurück weichen.

So schafft in diesen hochsommerlichen Wochen die serbische Führung um Slobodan Milosevic' für sich selbst günstige Voraussetzungen für die Verhandlungen auf politischer Ebene, zu denen es ja doch eines Tages kommen muß. Eines Tages nach den Sommerferien, wenn die internationalen Spitzenpolitiker sich im wohlverdienten Urlaub erholt haben und mit neuen Kräften antreten, um die Probleme der Innen- und Außenpolitik wieder n den Griff zu bekommen. Das Töten und Sterben im Kosovo geht bis dahin unbehindert weiter.

Milosevi'c darf hoffen Geht man davon aus, daß seinerzeit die internationalen Anstrengungen und Initiativen um den Bosnien-Krieg zu beeenden einsetzten, nachdem die Nato das serbische militärische Vorgehen bremste und damit offensichtlich in Belgrad wie in Pale ein Umdenken einleitete, gibt es keinen Vergleich mit der Lage im Kosovo. Denn die politischen Entscheidungen, die einen entsprechenden - bereits vorbereiteten - Schritt der Nato möglich machen würden, können offenbar erst nach den Sommerferien getroffen werden.

Wenn wir hingegen die "Realitäten" betrachten, die im Dayton-Abkommen als Ausgangsposition für die Aufteilung des bosnisch-herzegowinischen Territoriums galten, dann hat Milosevic' allen Grund zur Hoffnung.

Im Fall von Bosnien-Herzegowina wurde den international als Aggressoren eingestuften serbischen "Siegern" mit einer Reduzierung von zwei Prozent ihrer Eroberungen das Gebiet der damit entstandenen "Republika Srpska" zugeschlagen, ein Ziel um dessentwillen Serbien diesen in jeder Hinsicht verbrecherischen Krieg entfacht hatte. Das militärische fait accompli wurde mit anderen Worten von den amerikanischen und internationalen Verhandlern auf politischer Ebene akzeptiert.

Wenn wir diese Situation auf die aktuelle Lage im Kosovo übertragen, dann bedeutet es, daß Milosevic', dank seines erfolgreichen militärischen Eingreifens, mit internationaler Unterstützung für sein angebliches Vorhaben, den Albanern im Kosovo eine "erweiterte Autonomie" innerhalb Serbiens und Jugoslawien einräumen zu wollen, rechnen könnte.

Was heißt Autonomie?

Die Konsequenzen für die Zukunft Bosnien-Herzegowinas auf der Grundlage des Dayton-Abkommens, soweit es die Friedensmodalitäten betrifft, sind noch nicht klar. Die Konsequenzen einer möglichen Entwicklung für Kosovo, wie hier skizziert, sind hingegen absehbar. Selbst dann, wenn die Albaner - ähnlich wie die bosnische Führung unter Präsident Izetbegovic' in Dayton - in die bevorstehenden Verhandlungen eintreten müssen vor dem Hintergrund absoluter militärischer und politischer Ohnmacht, so kann "Autonomie" niemals das Problem Kosovo lösen. Das muß den verantwortlichen Politikern in Europa und den USA deutlich gemacht werden - manche von ihnen wissen es sehr genau und würden entsprechend handeln. Andere unter ihnen wissen es auch, wollen es aber nicht wahrhaben. Eine kleinere Gruppe unter diesen Politikern versteht die balkanischen Belange überhaupt nicht, weil sie lediglich an ihre internen Interessen zu denken in der Lage sind, die Balkan-Problematik als lästig einstufen und meinen, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen, wenn sie die serbischen Optionen unterstützen. Offenbar gibt es noch immer irgendwo eine Vision vom "starken" Serbien als Stabilitätsfaktor in dieser Region.

Es ist zwar schon unzählige Mal gesagt, geschrieben, an die Wand gemalt worden, aber offenbar muß es immer wieder wiederholt werden: Kosovo ist ein Schlüssel für die Stabilität am Balkan! Wenn es dort nicht zu einer auch die albanische Bevölkerung befriedigenden und befriedenden Lösung kommt, dann bleibt Kosovo ein Krisenherd; wenn es ein Krisenherd bleibt, dann kriselt es von Serbien bis Griechenland, von der Türkei über Zypern und Albanien bis Prishtina und von Sofia bis Skopje.

Innerhalb von Milosevic''s Rumpf-Jugoslawien haben 600.000 Montenegriner eine eigene Republik mit einer albanischen Minderheit. Außerhalb dieses Jugoslawien haben zwei Millionen Mazedonier einen unabhängigen Staat mit einer 30 bis 40prozentigen albanischen Minderheitsbevölkerung. Der an Kosovo angrenzende Staat Albanien hat die - ganz gleich, was die jeweilige politische Führung dort möchte oder nicht möchte - die Funktion eines Mutterlandes. Innerhalb Serbiens ist einer zwei Millionen zählenden nicht-slawischen Minderheit das Selbstbestimmungsrecht völkerrechtlich nicht zu verweigern, wenn es in beidseitigem Einverständnis ausgehandelt wird. Das müßte das Ziel der Verhandlungen auf internationaler Ebene mit Milosevic' sein - sonst nichts.

Herbe Enttäuschung Der erste Schritt allerdings sollte mit allem internationalen Nachdruck - wer wird es wagen, die Verantwortung für weitere Gewalttaten und Vertriebenenströme im Kosovo zu tragen? - einen Waffenstillstand im Kosovo erreichen. Für die Menschen dort wird es unverständlich bleiben, daß weder ihre Disziplin des "passiven Widerstandes", die seit 1989 befolgt worden war, noch das bewaffnete Aufbegehren der UCK oder die Verbrechen der serbischen Waffengewalt an der Zivilbevölkerung ein internationales Engagement gegen Unrecht und Blutvergießen motivieren könnten.

Nicht zuletzt Europa braucht für seine eigene Glaubwürdigkeit und Stabilität eine Lösung des Kosovo-Konfliktes - auch das sollte den verantwortlichen Politikern immer wieder vor Augen gehalten werden. Der Balkan ist kein Fremdkörper in unserem Kontinent, sondern ein Teil Europas, mit europäischer Geschichte - und Zukunft.

Es wird kaum einen Albaner geben, der nicht erkennnt, daß das internationale Zögern, die wiederholten Verhandlungen auf diplomatischer Ebene in Belgrad und Prishtina, die Drohungen gegenüber Milosevic', denen nichts folgt - nur die eine Konsequenz zeigen: Sie geben den Serben Zeit, um ihre militärischen Ziele im Kosovo und damit die für sie günstigste Voraussetzungen für "politische" Verhandlungen zu schaffen.

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