Der Mythos des Amselfelds

1945 1960 1980 2000 2020

Slobodan Milosevic spielt wieder einmal mit dem Feuer des serbischen Nationalismus.

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Slobodan Milosevic spielt wieder einmal mit dem Feuer des serbischen Nationalismus.

Unruhen im Kosovo - wieder einmal, wie so oft, seit Belgrad 1989 die Autonomie des Gebiets zwischen Altserbien, Montenegro, Albanien und Mazedonien sistiert hat. Wie so oft, seit einst Unruhen im Kosovo und in Mazedonien die Balkankriege auslösten und das Ende des Osmanischen Reichs einleiteten.

Um die Jahrhundertwende deckten die Vilajets Iskodar (Shkoder), Manastir (Bitolja) und Yanya (Joanina) den äußersten Nordwesten des Osmanischen Reichs, in etwa die Gebiete, die von den Europäern seit Römerzeiten "Albanien" genannt wurden, im Süden und Südosten weit über das spätere Staatsgebiet hinausreichend. Das Vilajet Kosova reichte von der Südgrenze des von Österreich-Ungarn besetzten Sandjak Yeni Pazar (Novi Pazar) bis nach Köprülü (Veles) und Gradsko. Seine Hauptstadt war Uskub (Skopje), die Hauptstadt der heutigen Republik Mazedonien. Die Menschen in diesen Gebieten sprachen südslawische oder griechische Dialekte - oder albanisch, im Inneren Albaniens wie im Kosovo.

Als die Nachbarn sich anschickten, die Beute untereinander aufzuteilen, als die Montenegriner nach Shkoder, die Serben nach Durres, die Griechen nach Argyrokastro, die Bulgaren nach Skopje vorstießen, fürchteten die Albaner, zwischen ihnen zerrieben zu werden. Denn sie wollten ebenso unabhängig werden, wie es Serben, Montenegriner, Bulgaren seit 1878 waren. Sie fanden Unterstützung bei den Großmächten, vor allem Österreich-Ungarn und Italien, die Serbien nicht zu stark werden lassen wollten.

Schon 1878, zur Zeit des Berliner Kongresses, hatten Vertreter der Albaner in Prizren die Vereinigung aller albanischen Siedlungsgebiete gefordert - in einem Staat, der bis nach Montenegro und Mazedonien reichen sollte. Er blieb ein Wunschtraum.

Während der Balkankriege und des Ersten Weltkriegs hatten die wechselnden Führungskräfte der Albaner genug zu tun, ihre streitenden Clans unter einen Hut zu bringen und die Grenzen im Norden und Süden, gegen Montenegro und Griechenland, abzusichern. Das Amselfeld (Kosovo polje) im Osten blieb zunächst in der Hand der Serben, denen es die geheiligte Kultstätte der verlorenen Schlacht von 1389, des Untergangs des mittelalterlichen großserbischen Reichs, bedeutete.

Als 1916 Österreich-Ungarn erneut nach Serbien vorstieß, diesmal weit nach Süden und bis nach Albanien, plante man in Wien die Etablierung eines Groß-Albanien einschließlich des Kosovo. Damit kam man aber dem Bundesgenossen Bulgarien ins Gehege, der ebenfalls die Absicht hatte, seine Herrschaft über Mazedonien hinaus nach Norden vorzuschieben. Nach deutscher Vermittlung zog sich Österreich aus dem Kosovo zurück, die bulgarischen Truppen räumten ihrerseits ihre Stellungen in Albanien.

Die Friedensverhandlungen zogen Albaniens Grenzen etwa dort, wo sie auch heute noch verlaufen. Kosovo blieb beim Sieger Serbien, nun dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Ohne Rücksicht auf die Albaner, die damals schon die klare Mehrheit im Gebiet besaßen.

1939 waren 60 Prozent der Bevölkerung des Kosovo Albaner, 1981 schon 77 Prozent und heute sind es etwa 90 Prozent - nicht ohne Gründe. 1939 überfiel Mussolini Albanien, 1941 Hitler Jugoslawien. König Viktor Emanuel III. wurde als König von Albanien eingesetzt, und nach dem Zerfall Jugoslawiens besetzten italienische Truppen das Kosovo ohne Mitrovitza.

Namhafte albanische Politiker stammten aus dem Kosovo. Sie halfen mit, als nun eine intensive Aussiedlung serbischer Bewohner aus dem Kosovo ins deutsch besetzte Serbien einsetzte. Und als Hitler nach dem Ausscheren Italiens durch seinen Sonderbeauftragten Hermann Neubacher ein "aus eigener Initiative unabhängiges Albanien" entstehen ließ, saßen Kosovo-Albaner mit in der Regierung in Tirana. Auch dieses "relativ neutrale" Albanien sollte das Amselfeld mit einschließen. Es bestand kaum ein Jahr.

In der Volksrepublik Jugoslawien erhielt Kosovo Autonomiestatus wie die Vojvodina mit ihrer ungarischen Bevölkerung. Titos Traum, die nationalen Unterschiede in der "jugoslawischen Nation" verschwinden zu lassen, mußte Illusion bleiben. Seit serbischer Nationalismus die Kosovo-Albaner in ihren Rechten beschneidet, verschärfen sich auch wieder die Gegensätze.

Wenn der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic' die Absicht hat, durch "Siege" im Kosovo von seinen innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, spielt er mit dem Feuer.

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