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Die verfeindeten Brüder

Die Außenminister der sechs Balkanstaaten konferieren bis heute in Belgrad. Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren kamen die Außenminister Albaniens, Bulgariens, Griechenlands, Jugoslawiens, Rumäniens und der Türkei an einen Tisch. Es lag nicht am widerspenstigen Albanien, das sich von allen Weltereignissen abschließt und noch immer Stalin hochleben läßt, daß ein solches Gipfeltreffen bisher scheiterte.

Jedes Land boykottierte auf seine Weise die Zusammenarbeit mit dem Nachbarn.

Die NATO-Partner Griechenland und Türkei fanden bis heute keine Einigung, wie in der Ägäis die Grenze für beide Seiten zu-friedenstelllend gezogen werden soll. Die Zypernkrise erschwert seit 1974 die Beziehungen zusätzlich.

Die beiden blockfreien Länder Albanien und Jugoslawien haben aufgrund ideologischer Differenzen nie eine gemeinsame Sprache gefunden.

Nur zwischen den Warschauer Pakt-Staaten Bulgarien und Rumänien herrscht relatives Einverständnis, das bei näherem Hinsehen auch getrübt ist.

Alle sechs wiederum benehmen sich untereinander wie verfeindete Brüder. Tirana schimpft auf Belgrad, da es die Rechte der albanischen Minderheit in Kosovo mit Füßen tritt. Sofia hält unverändert daran fest, daß es keine makedonische Nation gebe, was Belgrad und Skopje in Rage versetzt.

Athen beschuldigt andererseits Skopje, territoriale Ansprüche auf das griechische Makedonien samt Thessaloniki zu hegen; und Ankara, das seinen Armemern alle Rechte abspricht, fordert von Sofia Minderheitenrechte für die türkischstämmige Volksgruppe, die zwangsbulgarisiert wird. Die nationale Frage - ein unbewältig-tes Erbe, das bisher jegliche Zusammenarbeit auf dem Balkan blockierte.

Auch jetzt herrschte nicht die Einsicht vor, daß in der buntscheckigen Vielvölkerecke, in der nicht weniger als zwölf Nationen auf engstem Raum leben, die nationale Vielfalt zu akzeptieren und gegenseitig den jeweiligen Minderheiten mehr Rechte zuzugestehen sei, um die Spannungen zu verringern. Die nationale Frage ist zu brisant. Sie wurde in Belgrad ausgeklammert, wie Diplomaten aller Konferenzpartner beteuerten.

So standen auf der Tagesordnung lediglich Themen wie Ausbau der Transportwege, Schaffung eines Energieverbundsystems und gemeinsame Anstrengungen zum Schutz der Umwelt. Wie man einem atomwaffenfreien Balkan — wobei nur in den NATO-Staaten Griechenland und Türkei Atomwaffen stationiert sind — näherkommen könnte,wurde als sekundärer Themenschwerpunkt betrachtet.

Dennoch ist das auf dem Balkan schon ein Erfolg. Gerieten doch Albanien und Jugoslawien vor kurzem darüber in Streit, wie die einzige Eisenbahnverbindung der Skipetaren mit dem Ausland gewinnbringend genutzt werden könne.

In ernsthafte Drohungen artete ein Streit zwischen Jugoslawien und Rumänien aus. Ceausescu — so Belgrad — sei durch „Stromklau“ am gemeinsamen Donaukraftwerk am Eisernen Tor Jugoslawien 30 Millionen Dollar schuldig geblieben. Zur selben Zeit bezichtigte Schiwkow Parteifreund Ceausescu, bei Nordwind in grenznahen Fabriken giftige Abgase abzulassen und gefährliche , Chemikalien in Flüsse zu leiten, die nach Bulgarien fließen.

Ist dieses Außenministertreffen Vorstadium für mehr Verständnis? Gastgeber Jugoslawien hofft das. Und Raif Dizdarevic, bis vor kurzem Jugoslawiens Außenminister, erklärte vieldeutig: „Alles, was den Konferenzverlauf hätte stören können, wurde ausgeklammert. Wir sind um Einigkeit bemüht.“ Endet somit das erste Gipfeltreffen am Balkan seit Kriegsende in Worthülsen?

Ein Fehler hat sich in FURCHE 7/1988 auf Seite 5 eingeschlichen: Das erste Bild der amerikanischen Präsidentschaftsanwärter zeigt nicht George Bush, sondern Pat Robertson. Wir bitten um Entschuldigung.

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