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RANDBEMERKUNGEN ZUR WOCHE

DER LÄRM BLIEB SIEGER. Die „lärmfreie Woche” ist zu Ende. Der Lärm hat sie in ihren letzten Tagen siegreich geschlagen. Jaulend zogen die „Schlurfraketen” durch Wiens Strafen, aber auch andere Fahrzeuge liefen es nicht an Ausdruckskraft fehlen. So wie am kurz zuvor abgehaltenen „Verkehrssicherheitstag”, der allein in Wien zwei Todesopfer forderte, zeigt sich auch hier: alle Plakataktionen und Aufklärungsvor- fräge im Rundfunk helfen nichts, helfen nicht viel. Das ist nicht nur politisch bedeutsam. Die Unwilligkeit, sich belehren, erziehen zu lassen, ist ein charakteristisches Merkmal nicht nur für den neuen mobilen Mob, der motorisiert in allen Altersstufen und Gehaltsklassen vertreten ist. Rücksichtslosigkeit herrscht auf der Strafte, das heiftt, hier kommt die Beziehungslosigkeit, die Konfliktlosigkeit der Menschen im Heute eben besonders sinnstark zum Vorschein. Nun liefte sich zumindest gegen den wahrhaft mörderischen Lärm energisch und erfolgversprechend Vorgehen. Das Parlament könnte den Behörden die Möglichkeit geben, durch empfindliche Strafen die Bevölkerung vor den Lärmsündern zu schützen. Die Industrie könnte geräuschmildere Motoren produzieren. Beide Aktionen setzen aber wieder eine Erziehung, eine gewisse Menschenbildung voraus: die erste setzt eine Beeinflussung der Volksvertreter im Parlament voraus, eine Erweckung ihrer Anteilnahme, da sich leider vielfach zeigt, daft ein Gros von Parlamentariern nur in Bewegung zu bringen isf, wenn die Partei es befiehlt oder wenn ihr Interessenverband eine Intervention verlang). Für „allgemeine Belange”, wie Kultur und andere Menschlichkeiten, erhitzt man sich nicht. Die zweite Aktion ist noch schwieriger: lärmfreie Motorfahrzeuge verkaufen sich schlecht. Erziehung der Jugend, der schulentlassenen Generation, müftte also hier bereits einsetzen. Um die aber drückt man sich weithin, verlegen und hilflos herum. Der siegreiche Lärm sollte unsere Demokraten besinnlich machen: Wie will man sich eines Tages gegen andere lärmende Laute zur Wehr setzen, wenn man nicht heute schon gegen diese Ueberflutung mit unartikulierten Fanfaren des Zorns, der Wut, der Verachtung des Nächsten, ankämpff?

GAUDEAMUS, einstmals der Schlachtruf für sorglose Heiterkeit und ungeschriebene Studienverlängerung, hat in unserer Zeit ernstere Töne angesetzf. Zwar schlotj auch die 17. Karfell- versammlung der österreichischen katholischen Hochschulverbindungen des CV in Baden dieser Tage mit Kommers und Gaudeamus, die Tage vorher aber waren todernsten- Beratungen mit Hochschulexperten und Mandataren, der Hoch- schülerschaff zur Situation der österreichischen Hochschulen gewidmet. Ihr Ergebnis: der dringende Ruf nach dem Abschluft der Erneuerung der veralteten Hochschulstudienordnung, darunter besonders der Lichtung des Lehrstoffes, Verstärkung des stark gelockerten Kontaktes zwischen Lehrern und Studierenden auch im Mdmmutbefrieb von heute, Erhöhung des Aufwandes auf allen Linien und Begabtenförderung durch ein großzügiges Studienförderungswerk. Der letzten Forderung wurde ein Schwänzchen angehängt, das nicht überall „oben” gern gehört werden wird: primo loco müsse die Familie in die Lage versetzt werden, aus eigener Kraft „ihren Studenten’ zu erhalten! Der Weg dorthin ist freilich noch weif. Ehe nicht ernstzunehmende Familiensfeuerpolifik das Fürsorge- und Butferbrotsystem abgelöst hat, werden die „Alten Herren” unserer Studierenden kaum herzhaft in das Gaudeamus einstimmen.

18.000 TOURISTEN… In der westdeutschen Presse häufen sich seit einiger Zeit die Reiseberichte vom Besuch westdeutscher Touristen und Urlauber in der Sowjetunion. Die Sowjetunion verstärkt von Jahr zu Jahr ihre Propaganda in Westdeutschland: Verbringt euren Urlaub in der Sowjetunion! Obwohl für die Reisenden im eigenen Wagen nur zwei Routen zugelassen sind, eine nach Moskau und eine an das Schwarze Meer, und die Preise keineswegs billig sind (muft doch jeweils bei Einzelreisen ein russischer Begleiter mitgenommen werden), steigen die Zahlen der westdeutschen Urlauber in der Sowjetunion ständig. Das eben in Bonn abgeschlossene deutsch-russische Kulturabkommen wird vielleicht ebenfalls dazu beitragen, diese Frequenz zu erhöhen. 1958 haben 18.000 westdeutsche Touristen die Sowjetunion besucht. Die Gründe sind natürlich verschieden. Interessant ist jedenfalls eine Perspektive, die sich aufdrängt: Es gibt nicht wenige wohlhabende Westdeutsche, die in die Sowjetunion fahren, um das Gruseln zu lernen — oder es sich abzugewöhnen: Wie muft wohl, so denkt da mancher Geschäftsmann von Rhein und Ruhr, das Leben da drüben sein? Man kann ja nie wissen … Man wird sich vielleicht etablieren können.…Wenn etwas passiert, kann ich wenigstens sagen, daft ich persönlich ja gar nichts gegen die Sowjetunion habe… Tragische Schizophrenie der übersatten und zugleich ängstlichen Wirtschaffswunderwelt: die rechte Hand bezahlt die Aufrüstung der Bundesrepublik und die stark intensivierte antisowjetische Propaganda, die linke Hand greift nach dem Kaviar und Krimsekt. Beide Füfte aber tre ten auf die Pedale: Auf, zur Urlaubsfahrt in das grofte, schöne, gefährliche Land des groften Bären.

DIE POLNISCHE REGIERUNG hat der Errichtung eines Tofenmals zum Gedenken an 7000 Deutsche zugestimmt, die in dem ehemaligen polnischen Konzentrationslager Lamsdorf in Oberschlesien gestorben sind. Die Initiative ging von dem ehemaligen Lagerarzt aus, der jetzt in Westdeutschland lebt. Dieses Ehrenmal wird das erste deutsche Denkmal in einem Land des Ostblocks sein. — Es ist bekannt, daft in den letzten Jahren öfter polnische Politiker und prominente Persönlichkeiten in Bonn vorgesprochen haben und daft sich Warschau seit der Veröffentlichung des Rapacki-Planes mehrfach um Kontakte mit Bonn bemühf hat. Obwohl eine der Regierung Dr. Adenauer so nahestehende Zeitung wie der „Rheinische Merkur” sich ebenfalls mehrfach für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Warschau eingesetzt hat, beharrf das Auswärtige Amt starr auf der Brentano-Doktrin: keine diplomatischen Beziehungen zu Staaten, die Pankow anerkennen. Diese Selbsffesselung trägt nicht wenig dazu bei, daft Moskau die Völker Osteuropas immer wieder gerade auch in seine Deutschlandpolitik einspannen kann. Der Nach folger Dr. Adenauers wird sich der dringenden Aufgabe gegenübersehen, hier neue Wege zu gehen. An deutsch-polnischen neuen Beziehungen hängt die ganze neu zu begründende Begegnung der Deutschen mit den Völkern Osteuropas.

GENF UND TIRANA. Ein früh international heift werdender Sommer kündigte sich mit der Reise Chruschtschows nach Albanien an. Heule weift es bald alle Welt: Tirana und Genf gehören zusammen. Während in Genf die sowjetische Diplomatie zäh und höflich mit ihren westlichen Berufskollegen spricht, donnern von Albanien her die Drohreden Chruschtschows gegen Griechenland und die Türkei, aber auch an d!e Adresse Roms und der Wesfmächte. Die Nahziele dieser wortreichen Raketen-Reden sind bekannt: vom roten Gibraltar aus, von dem albanischen Raketen- und U-Boof-Sfüfz- punkt der Sowjets, versucht Chruschtschow die Entstehung eines Mittelmeerpaktes zur Verstärkung der westlichen Verteidigung zu lähmen. Die strategische Ueberlegung ist dabei offenkundig, denn von griechischen, türkischen, vor allem aber von italienischen Raketenbaser nichf zuletzt von Südtirol, können die Industriezentren des russischen Raumes erreicht werden. Zur Unterstützung seiner Reden hat der ebenso vitale wie wendige erste Mann der Sowjetunion eine Konferenz von Ministern der Ostblockstaaten einberufen, die durch der. Besuch Marschall Peng Teh-huais, der direkt aus dem groften Peking in das kleine Tirana kam, bedeutsam ist. Zur weiteren Stützung seiner ernsten Absichten haben östliche Agenten in Laos, im empfindlichen Grenzraum zwischen den chinesischen und Indischen Interessen, Unruhen hervorgerufen und tasten gegenwärtig den ganzen Nahen und Fernen Osten nach Einbruchsstellen ab. Nun, Chruschtschow hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen, und Genf ist noch nicht ganz Vergangenheit…

USA HOLEN IN SÜDAMERIKA AUF. Das „Komitee der 21 “ hat in Buenos Aires seine diesjährige Tagung beendet. Brasiliens Präsident Kubitschek hatte v r einem Jahr den Anlaft zu seiner Gründung gegeben: die „Operation Panamerika” soll die 21 Staaten Amerikas in wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit gegen die Offensive Moskaus in Südamerika verbinden. Bei diesen Tagungen wollten die Vertreter der lateinamerikanischen Staaten vor allem Kredite von den USA, wobei sie freundlich-drohend auf die Gefahr kommunistischer Machtübernahmen in ihren Ländern und auf die Wirtschaftsoffensive Moskaus hinweisen. Dieses Jahr haben die Nordamerikaner beachtliche politische Fortschritte erzielt, und zwar gerade durch Zurückhaltung und konkrete wirfschafts- politische Arbeit. Die USA arbeiten am Aufbau einer interamerikanischen Förderungsbank und an den Bemühungen um eine Preiskonsolidierung in Südamerika. Sie haben jedem lateinamerikanischen Land das Recht eingeräumt, im Fall einer plötzlichen Wirtschaftskrise eine be sondere Aufjenministerkonferenz der 21 einzuberufen. Die neue Politik der Partnerschaft, vor 25 Jahren durch Roosevelt begründet, beginn! ihre Früchte zu tragen. Die Nordamerikaner haben gelernt, in Südamerika wirksamer als je zuvor aufzutrefen: durch höfliche Beachtung der politischen Eigenheiten seiner Länder und Völker, durch kluge wirtschaftliche Stützungs- polifik. Die Südamerikaner wiederum sehen, daft Moskau seine groft angekündigfen Wirtschaffshilfen nicht leisten kann. Gerade im Hinblick auf die innenpolitische Krise in Argentinien und anderen Ländern Südamerikas ist dies wichtig: die Zusammenarbeit der Lateinamerikaner m!f Washington wird immer mehr ein ruhender Pol. um den die innenpolitischen Hitzewellen und Gewitter kreisen, den sie aber nicht so leicht zerstören können, da von ihm die Wirtschaft und die Zukunft Südamerikas abhängen.

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