Es fehlten die Polizisten

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Im Kosovo wiederholen sich die bereits in Bosnien begangenen Fehler. Die Wirklichkeit ist zu vielschichtig, als das man ihr mit roher militärischer Gewalt gerecht werden kann.

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Im Kosovo wiederholen sich die bereits in Bosnien begangenen Fehler. Die Wirklichkeit ist zu vielschichtig, als das man ihr mit roher militärischer Gewalt gerecht werden kann.

Nach der Rückkehr von etwa 800.000 kosovo-albanischen Flüchtlingen in ihre Heimat und der Flucht von mehr als 200.000 Serben und Roma bilden die Kosovo-Albaner wieder die überwältigende Mehrheit im Kosovo. Übersehen wird, daß hier noch viele andere Volksgruppen ihre Heimat haben. Damit das so bleibt würde es großer Anstrengungen der internationalen Übergangsverwaltung brauchen.

In der verkürzten Version der Medienberichterstattung entsteht zunehmend das Bild eines materiell wie ethnisch vollkommen ausgebombten Kosovo: unter dem Schutz einer multinationalen Militärpräsenz (KFOR) kehrten die albanischen Flüchtlinge zurück, während die schuldbewußten Serben schleunigst das Land verließen. Bei genauerem Hinsehen gestalteten sich die Dinge aber weitaus komplizierter.

Allein in der südwestlichen Region Kosovos um Prizren machen ethnische Minderheiten mehr als 13 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die noch verbliebenen Serben sind dabei nur eine Minderheit unter anderen Minderheiten. Für sie hat sich die Welt auf den Kopf gestellt: Einst die politisch dominierende Klasse, leben sie heute in hermetisch abgeriegelten Enklaven oder in streng bewachten orthodoxen Klöstern und sind auf den Schutz der KFOR angewiesen. Trotzdem müssen sie in ständiger Angst leben: Entführungen, Morde, ja sogar Granatangriffe sind an der Tagesordnung. Kein Wunder also, daß die Serben in Orahovac auf die Ankunft ihrer orthodoxen Brüder mit dem russischen Truppenkontingent hoffen. Und in der Logik der Vergeltung auch kein Wunder, daß diese Ankunft seit mehr als einem Monat durch albanische Massenproteste und kilometerlange Straßenblockaden verhindert wird. Im neuen Kosovo gibt es scheinbar keinen Platz mehr für Serben, gleichgültig ob sie an Greueltaten beteiligt waren oder nicht. Die meisten der verbliebenen Serben wollen inzwischen nach Serbien oder Montenegro auswandern, doch selbst zur Ausreise fehlt die Sicherheit.

Noch prekärer ist die Lage der wenigen hundert Roma und Ägypter (letztere sind albanisch-sprachige Zigeuner, die die Bezeichnung und damit ihre Herkunft "gypsy" von "Egypt" herleiten). Wenn sie nicht selbst Opfer von Gewalt und Vertreibung der serbischen Angriffe waren, werden sie heute von der albanischen Bevölkerung als Kollaborateure gebrandmarkt und dadurch Ziele neuer Aggressionen.

Ebenso von Abneigung geprägt ist das Verhältnis der Kosovo-Albaner zur Volksgruppe der Goraner, slawisch-sprachigen Moslems, die in den höher gelegenen Bergregionen im Süden des Kosovo leben. Da es Politik des Milosevi'c-Regimes war, sich die Zusammenarbeit von nicht-albanischen kosovarischen Volksgruppen mit gewissen Begünstigungen zu erkaufen, flossen beträchtliche staatliche Förderungen für Straßen, Elektrizität und Arbeitsplätze in dieses Gebiet. Zuletzt blieben goranische Siedlungen von den Verwüstungen der serbischen Offensiven im Frühjahr beinahe vollkommen verschont, was zur ihrer Verachtung durch die leidgeprüften Kosovo-Albaner beiträgt.

Dem Zorn ausgesetzt Etwas besser ist die Situation der Turbesh einer Minderheit von serbisch-sprachigen Moslems, deren verstreute Dörfer sich in der Region rund um Prizren befinden. Obwohl auch sie keine Ziele serbischer Angriffe waren und ihre Siedlungen daher auch weitgehend intakt geblieben sind, finden sie heute größere Akzeptanz unter der albanischen Mehrheitsbevölkerung, nicht zuletzt weil viele Turbesh auch albanisch sprechen können. Konfliktpotential gibt es natürlich auch hier, vor allem wo einzelne Individuen der Kollaboration bezichtigt werden und dem Zorn der Betroffenen ausgesetzt sind.

Schließlich lebt in und um Prizren noch eine größere Anzahl von türkisch-stämmigen Familien (drei bis fünf Prozent), die weder in Konflikt mit der serbischen Staatsmacht lag, noch Probleme mit der albanisch-sprachigen Bevölkerung bekam. Die meisten sprechen gut albanisch und in der regionalen Hauptstadt Prizren spricht sogar jeder zweite Albaner etwas türkisch.

Dieser kurze Streifzug durch die (noch?) multi-ethnische Landschaft des südlichen Kosovo zeigt, daß das Kosovo keineswegs rein ethnisch-albanisch geworden ist. Doch der Geist des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Volksgruppen wird durch Feuer des Hasses und der Rache täglich mehr zerstört.

Kam das unerwartet?

Anhaltende Übergriffe auf ethnische Serben und Roma, Morde und -Massaker, haben die Angst unter den verbliebenen Serben, vor allem jenen, die - weil reinen Gewissens - auf das Verständnis der geschundenen Mehrheitsbevölkerung hofften, soweit gesteigert, daß der Massenexodus beinahe abgeschlossen ist. Die wenigen verbliebenen Serben haben, von der KFOR abgeriegelt und von internationalen NGOs am Leben erhalten, keine Chance auf wirtschaftliche Selbsterhaltung. Wenn sich ihre Situation nicht entscheidend verbessert, werden sie bald ihre Koffer packen und unter dem Schutz eines verzweifelten UNHCR und einer überforderten KFOR in ein am Boden liegendes Serbien auswandern.

Der dümmliche Haß der Brandstifter und die passive Zustimmung der Mehrheitsbevölkerung wird sicherstellen, daß sie keinen Grund mehr haben jemals zurückzukehren.

Kam das alles unerwartet? Fast drei Monate lang bombardierte die NATO Serbien (und ihr Bauernopfer Montenegro). Während dieser Zeit verschwendete niemand einen Gedanken daran, daß sich der entfachte Haß in das Gegenteil umkehren würde? Das ist unglaubwürdig. Hätte man die Lippenbekenntnisse zu einem multi-ethnischen Kosovo (einschließlich Serben) ernst genommen, wäre genug Zeit gewesen den Einsatz einer starken internationalen Polizeipräsenz vorzubereiten, oder zumindest die OSZE-Verifikatoren für eine schnelle Rückkehr in das Kosovo bereitzuhalten. Doch was getan wurde, war zu wenig und zu spät. In den ersten zweieinhalb Monaten nach Abzug der serbischen Truppen habe ich keinen einzigen (!) nationalen oder internationalen Polizisten gesehen, in einem Gebiet das etwa 400.000 Menschen und noch genügend Potential für ethnische Spannungen umfaßt.

Und all das, obwohl man aus dem mittlerweile vierjährigen Einsatz in Bosnien die Lehre gezogen hat, daß es für die dauerhafte Sicherung des Friedens und dem Aufbau einer demokratischen multiethnischen Gesellschaft viel mehr als den Einsatz roher militärischer Gewalt braucht.

Der Autor war von Juni bis September 1999 für Catholic Relief Services (CRS) im südlichen Kosovo tätig.

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