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"Es ist jetzt sehr hart"

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Auch einer Minderheit wie den Katholiken kommt beim Aufbau im Kosovo eine wichtige Rolle zu: Nosh Gjolaj, Pfarrer von Pristina, über die derzeitige Lage.

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Auch einer Minderheit wie den Katholiken kommt beim Aufbau im Kosovo eine wichtige Rolle zu: Nosh Gjolaj, Pfarrer von Pristina, über die derzeitige Lage.

Im Kosovo leben heute rund 75.000 Katholiken. Der katholische Bischofssitz ist Prizren - de jure Teil der makedonisch-kosovarischen Diözese Skopje-Prizren, de facto mit einem residierenden Weihbischof für den Kosovo aber eigenständig. In Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, zählt die Pfarre St. Antonius 5.000 Katholiken. Zwei Salesianer Don Boscos sind hier tätig.

Die 11-Uhr-Messe in St. Antonius bietet ein buntes Bild: Mehr als 200 Menschen sind in die überfüllte Kirche gekommen, die überwiegende Mehrheit der Kirchenbesucher sind Jugendliche und junge Paare im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Pfarrer ist der 51jährige Pater Nosh Gjolaj. Er stammt aus Podgorica in Montenegro, studierte in Ljubljana und leitet die Pfarre seit sieben Jahren. Vorher war der Geistliche 16 Jahre in seiner Heimatstadt Podgorica tätig.

Während des Kriegs im Kosovo harrte er als einziger Vorsteher einer religiösen Gemeinschaft in Pristina aus und ging erst nach dem Ende der Bombardierungen für eineinhalb Monate zu Verwandten nach Amerika, um dort wieder neue Kräfte zu sammeln. "Jetzt braucht ihr mich nicht als toten Körper", sagte damals der erschöpfte Priester.

dieFurche: Welche Rolle spielt die katholische Kirche heute im Kosovo?

P. Nosh Gjolaj SDB: Derzeit eine sehr große Rolle, besonders spirituell und nicht nur für Katholiken. Die Kirche ist offen für alle, die guten Willens sind. Sie ist heute auch bedeutsam, damit das Land nicht die Identität verliert. Jahrzehntelang hat sie die nationale Substanz bewahrt.

dieFurche: Wie sehr hat die katholische Kirche in den Jahren des serbischen Drucks und im Krieg gelitten?

Gjolaj: Die alte katholische Kirche von Pristina wurde schon in der Tito-Zeit zerstört, ihr Platz wurde aus dem Zentrum in die einstige Wildnis vor der Stadt verlegt. In den letzten zehn Jahren war es uns nicht erlaubt, im Kosovo überhaupt neue Kirchen zu errichten. So hätte die Gemeinde von Klina dringend eine Kirche benötigt, der Bau wurde ihr aber nicht gestattet.

dieFurche: Wie war die Situation in Pristina?

Gjolaj: Vor drei Jahren sind einmal nach der Messe Männer in den Pfarrhof gekommen, haben mir einen Gewehrlauf in den Mund gesteckt und von mir verlangt, ich solle den Menschen, die noch in der Kirche waren, sagen, sie müßten in fünf Minuten die Kirche verlassen und nach Knin in Kroatien übersiedeln. Das wollte ich aber nicht tun, und als sie sahen, daß die Leute die Kirche verließen, zogen sie auch ab. Im Krieg mußten dann 85 Prozent der Katholiken flüchten, innerhalb von fünf Minuten hatten sie zu packen, mehrere wurden geschlagen. Inzwischen sind die meisten wieder zurückgekehrt. Zwei Wochen lang haben wir 40 Studenten im Keller der Kirche versteckt. Die meisten waren Katholiken, aber es waren auch Moslems darunter.

dieFurche: Wie ist das Verhältnis zu den anderen Glaubensgemeinschaften?

Gjolaj: Die USA hatten ein Treffen zwischen Orthodoxen, Moslems und Katholiken arrangiert. Unser Bischof hat mich und einen anderen Geistlichen aus Prizren dafür ausgesucht. Zwei Fragen sollten behandelt werden: Was haben wir gegeneinander? Und: Wie soll man Brücken bauen, um einander zu vertrauen? Der katholische Vertreter aus Prizren ersuchte den orthodoxen Priester, es möge doch der Satz geändert werden: "Das Kosovo ist das heilige Land der Serben." Die Katholiken waren seit den ersten Jahrhunderten hier, die ältesten Kirchen sind griechisch-orthodoxe und nicht serbische, weil die Serben erst viel später kamen.

Der Vertreter der Moslems ersuchte die Orthodoxen, sich für die Massaker und für die von ihnen unterstützte Politik zu entschuldigen. Die Orthodoxen hatten zu der Begegnung ein fertiges Programm in serbischer und englischer Sprache mitgebracht und wollten, daß wir es unterschreiben, aber wir haben es zurückgewiesen, weil überhaupt nicht darüber gesprochen worden war und wir nicht wußten, was darin stand. So hatte die Begegnung kein konkretes Ergebnis, man schüttelte sich lediglich die Hände und lächelte. Der orthodoxe Bischof des Kosovo sagte sogar einer französischen Zeitung, die katholische Kirche stehe Terroristen nahe. Daraufhin sollte die Begegnung auf höherer Ebene fortgesetzt werden, in Wien trafen sich kurz vor dem Krieg der orthodoxe und der katholische Bischof des Kosovo sowie der höchste Vertreter der Moslems. Doch zwei Tage später begannen die Bombenangriffe.

dieFurche: Gibt es jetzt noch Orthodoxie im Kosovo?

Gjolaj: Es gibt noch mehrere Gemeinden im Norden und Süden, in den serbischen Siedlungsgebieten. Was die Bauwerke betrifft, tut den alten Kirchen niemand etwas. Aber es gibt "politische" Kirchen, und die werden zerstört. Die neue orthodoxe Kirche in Pristina wurde vor dem Krieg fast fertiggestellt. Unser Bischof protestierte gegen den Bau, weil er auf dem Universitätsgelände steht. Außerdem mußten alle in Pristina mehr Steuern zahlen, um diese Kirche zu finanzieren. Als ich jetzt in den USA war, sah ich auf CNN einen Bericht, in dem die neue Kirche gezeigt wurde, und es hieß, sie mußte gebaut werden, weil die Albaner die alte zerstört hätten. Das stimmt nicht, die alte steht immer noch in der Stadt. In Klina durfte zwar keine katholische Kirche gebaut werden, aber vor zehn Jahren wurde ein Monument zerstört und aus seinen Teilen außerhalb des Ortes eine neue orthodoxe Kirche gebaut.

dieFurche: Und wie sieht Ihr Verhältnis zu den Moslems aus?

Gjolaj: Die Beziehungen zu den Moslems sind sehr gut. Wir sind eine Minorität, aber wir fühlen uns nicht als solche. Die meisten Moslems mögen die Katholiken, weil sie sagen: Unsere Vorfahren waren auch katholisch. Einige kommen zu uns in die Messe, andere, vor allem die Intellektuellen, lassen ihre Kinder das Bekenntnis selbst wählen.

dieFurche: Und die Situation derzeit? All die schweren psychischen Wunden der Menschen müssen für einen Seelsorger schwer zu ertragen sein ...

Gjolaj: Es ist jetzt hart. In Pristina gibt es fünf Kategorien von Menschen: Die erste ist hiergeblieben und hat viel gelitten. Hier im Pfarrhof sind die beiden älteren der sechs Schwestern geblieben, obwohl immer wieder ultimativ aufgefordert wurde, Pristina zu verlassen. Ich bin ebenfalls geblieben, weil ich gesagt habe, wenn nur einer aus der Pfarre hierbleibt, kann ich nicht weggehen. Der Pfarrhof war, als die Bombardierungen begannen, umgeben von Militär, den Paramilitärs Arkan und Mladi'c und der Polizei. In allen Gebäuden rundum saßen sie, und hier, zehn Meter hinter dem Haus, hatten sie eine Radaranlage aufgebaut. Am 9. April, um vier Uhr nachmittags, haben sie die Radaranlage eingeschaltet. Die NATO-Flieger haben das Signal empfangen und ihre Missile abgeschossen. Aber als sie das Kreuz der Kirche sahen, lenkten sie sie anderswo hin.

Die zweite Kategorie sind die Flüchtlinge, es ist unmöglich, daß eine größere Anzahl im makedonischen Place bleibt, ohne Wasser und Nahrung. Die dritte Kategorie, das sind die Leute, die in die Berge geflohen sind. Ich kenne ein etwa 13jähriges Mädchen, das kaum mehr sprechen kann, ständig am Daumen lutscht und über sich nichts mehr weiß. Das sind Menschen, die dem emotionalen Druck nicht mehr standgehalten haben. Die vierte Kategorie sind die Gefangenen in Serbien, die alle Arten von Druck und Schmerz erfahren haben. Die fünfte Kategorie von Menschen sind jene, die aus den zerstörten Häusern gekommen sind, die Furchtbares gesehen haben, ihre Familienmitglieder verloren haben und ähnliches.

dieFurche: Was können Sie jetzt tun?

Gjolaj: Wir versuchten als Pfarre, nach der Bombardierung zuerst mit Essen zu helfen. Jetzt widmen wir uns vor allem den Kindern ohne Eltern, den Schulen, den Alten und den Spitälern. Zu Beginn haben wir 24 Stunden am Tag gearbeitet. Es ist zu viel. Es hat sich eine Jugendorganisation gebildet, die uns viel hilft. Sie macht psychologische Workshops; die Jugendlichen arbeiten da mit den traumatisierten Kindern aus der Gegend von Pristina und bringen die jungen Leute zusammen. Das Projekt wird auch von der UNICEF unterstützt.

dieFurche: Sprechen Sie in ihren Predigten die konkrete Lage im Land an?

Gjolaj: Immer. Ich sage den Menschen: Ihr seid das Salz des Lebens. Wir müssen als Minderheit ein Vorbild leben, müssen zeigen, was Freiheit heißt, daß sie auch Verantwortung bedeutet.

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