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Im Kosovo verdirbt der reife Wein

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Knapp 500 österreichische Bundesheersoldaten haben im südlichen Kosovo Verantwortung für die Sicherheit der Bevölkerung übernommen. Keine ungefährliche Aufgabe, nicht nur wegen der tausenden Minen.

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Knapp 500 österreichische Bundesheersoldaten haben im südlichen Kosovo Verantwortung für die Sicherheit der Bevölkerung übernommen. Keine ungefährliche Aufgabe, nicht nur wegen der tausenden Minen.

Flughafen Pristina im Herzen des Kosovo: Hier also wäre um ein Haar der dritte Weltkrieg ausgebrochen. In jedes Geschichtsbuch hätte sich der Ort damit katapultiert; Generationen von Schulkindern müßten den Namen lernen, vorausgesetzt es gäbe sie - die Geschichtsschreiber, die Schulkinder, diesen Flecken Erde - nach einem weiteren Weltkrieg noch.

Der Weg über die Landebahn in die schäbige Ankunftshalle führt an russischen Kampfhubschraubern vorbei. Sie erinnern an die Dramatik der Ereignisse, in denen die Katastrophe schlummerte: Anfang Juni dieses Jahres, nach neun Wochen Kosovo-Krieg, 14.112 Nato-Luftschlägen und 27.410 abgeworfenen Bomben, besetzten russische Soldaten sofort nach dem Einzug der Friedenstruppen den Flughafen bei Pristina. Der britische General Michael Jackson widersetzte sich dem Befehl des Nato-Oberkommandos, den Flughafen zu räumen, mit den Worten: "Das werde ich nicht machen. Dafür lohnt es sich nicht, den dritten Weltkrieg zu beginnen." Wie recht er hatte, wie wunderbar unbedeutend der Provinzflughafen deswegen bis heute geblieben ist.

Ein Volk kehrt heim Im Flughafengebäude empfängt die Reisenden lautes Hämmern. Eifrig wird an einer Wand gezimmert. Bald schon soll der Flughafen auch für zivile Flüge offen sein. Aufbruchsstimmung im Kosovo. Binnen Tagen kehrte ein Volk von Vertriebenen heim, und strafte jene Lügen, die erwarteten, daß die Flüchtlinge lieber in den Westen sickern, als in ihre verwüstete Heimat zurückzukehren. Heimkehr in ein Kosovo, in dem von den über 1000 Dörfern ein Drittel vor und ein Drittel nach den Nato-Angriffen ganz oder weitgehend niedergebrannt wurden.

Das frische Rot der neu gedeckten Häuser zieht die neugierigen Blicke der gerade angekommenen Besucher auf sich. Am Straßenrand bieten Händler Gemüse, Obst, Zigaretten feil. Sie verschwinden in einer dichten Staubwolke, als die Militärfahrzeuge an ihnen vorbeibrausen. Presseoffizier Major Arno Kronhofer zeigt sich begeistert vom Fleiß und Elan der Kosovaren: "So viel ist in den letzten acht Wochen, in denen ich hier bin, schon wieder aufgebaut worden. Jeden Tag werden die zerstörten Häuser weniger. Die Hoffnung der zurückgekehrten Flüchtlinge ist mit Händen zu greifen." Major Kronhofer ist für die Betreuung der gerade aus Österreich zur Stippvisite angekommenen Journalistenschar zuständig. Er macht die PR-Arbeit für das österreichische Bundeheerkontingent im Kosovo. "Seit acht Wochen kein Tag ohne Journalisten", zieht er nicht ohne Stolz Bilanz. Ein Vollprofi, der versucht, seine Jungs nur von ihrer besten Seite zu präsentieren.

Der Konvoi passiert die Weingärten von Suva Reka. Schwer hängen die reifen Trauben an den Weinstöcken. Ein paar Bauern stehen am Rand des Ackers. Sie kosten von den Früchten, die sie gerade mit ausgestreckter Hand noch erreichen. In den Garten hineingehen dürfen sie nicht, denn der Landstrich wurde von serbischen Truppen vor ihrem Rückzug noch vermint. Die Bauern müssen jetzt tatenlos zusehen, wie ihre Ernte verdirbt. Nach offiziellen Angaben forderten die Minen schon über hundert Opfer. Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen. Spielende Kinder tappen nämlich ebenso in die tödlichen Fallen, wie Kfor-Soldaten die das Straßenbankett befahren. Ein bezeichnendes Bild für die Situation im Kosovo. Zwar ist der Krieg vorbei, doch dessen Folgen sind noch lange nicht ausgestanden.

Casablanca bei Nacht Ankunft im Lager der Österreicher in Suva Reka. Der Kommandant gibt Befehl, die Waffen zu entladen. Über 2000 Soldaten verschiedenster Nationalitäten befinden sich auf dem Areal einer ehemaligen Gummifabrik. Den Namen "Casablanca" haben die deutschen Hausherrn dem Camp gegeben. "Weil die Lichter von Suva Reka an das Casablanca im gleichnamigen Film erinnerten", weiß Kronhofer eine Erklärung für die ungewöhnliche Namensgebung. Doch mittlerweile dominieren die weißen Wohncontainer der Österreicher das Erscheinungsbild des Lagers und rechtfertigen die Bezeichnung: weiße Stadt.

Außerhalb des Camps ist weiße Farbe nur spärlich zu finden. Hier herrscht noch das Grau der Schutthaufen, das Schwarz der verrußten Dachstühle. Einzig die weißen Zähne der lachenden Kinder, die den Soldaten auf ihren Panzern zujubeln, erhellen die trostlose Situation vielerorts. "Nato, Nato", rufen die Kinder, strecken ihre Arme hoch und winken, sobald sie ein Militärfahrzeug mit der Aufschrift "KFOR" erspähen. Kosovo-Force, Kosovo-Streitkräfte heißt Kfor, die Kurzbezeichnung aller zur Friedenssicherung im Kosovo stationierten Truppenverbände.

Der Jubel der Kinder und die von den Erwachsenen entgegengebrachte Achtung schmeichelt den Österreichern, wenn sie mit dem zuhause viel geschmähten Pandur-Panzer ihre Patrouillen fahren. Sie gehören zu den Befreiern und klein der Geist, der in solchen Momenten noch auf dem Einspruch beharrt, daß Österreich doch kein Nato-Mitglied sei.

Die meisten Menschen, die heute im Kosovo leben, sehen freilich die Nato als Befreier und Schutzmacht. Nur die serbische Minderheit wird anders denken. Von denen wagt sich bloß kaum jemand mehr auf die Straßen. Ja, sie müssen sich sogar von ihrem Feind Nato gegen aufgebrachte Albaner schützen lassen. "Ich habe erlebt, daß Albaner neben brennenden serbischen Häusern standen, Beifall klatschten und die Feuerwehr - falls diese überhaupt gekommen ist - bei ihrer Arbeit behinderten", erzählt Oberstleutnant Hans Tomaschitz, der Kommandant des österreichischen Bataillons. Kfor-Soldaten werden von Kosovo-Albanern auch dafür kritisiert, daß ihre Abzeichen Bezeichnungen in kyrillischer Schrift zeigen. Schon das ist heute in den Augen vieler Kosovo-Albaner eine unverständliche Provokation. Alles Kyrillische auf Ortstafeln und Straßenschildern ist übermalt. Jede Erinnerung an ein früheres Miteinander wird so sprichwörtlich ausradiert. Und obwohl die Kfor-Truppen angefangen vom neuen Kommandanten, dem deutschen General Klaus Reinhardt, bis zum österreichischen Soldaten, der seine Patrouille dreht, ihre Unparteilichkeit betonen, scheint an den Traum vom multiethnischen Kosovo keiner mehr so richtig zu glauben.

"Für uns gibt es nicht die Guten und die Bösen", erklärt Hauptmann Thomas Holzbauer, Berufssoldat aus Niederösterreich, vor der Abfahrt zur Nachtpatrouille seine Einstellung gegenüber Albanern und Serben. "Nur kann man dem Bürgermeister in einem völlig zerstörten albanischen Dorf sehr schlecht klar machen, daß die Serben ja eigentlich gut sind!"

Nicht einlullen lassen In dem kleinen Ort Sopina läßt der Hauptmann seine Männer absitzen. Die Stromversorgung im Dorf ist ausgefallen, stockdunkle Nacht, Hunde bellen. Durch das Fenster eines Hauses sieht man das schwache Licht einer Petroleumlampe. Die Gefahr sei groß, meint Holzbauer, sich von der herrschenden Ruhe einlullen zu lassen. "Doch wir müssen uns bewußt sein, daß die Bevölkerung uns nicht immer hundertprozentig ehrlich gegenüber tritt." Die Soldaten durchkämmen die Straßen, leuchten in die Häuserruinen. Angst? "Nein, wir sind gut geschult", antwortet ein Soldat. Seine Fingernägel sind abgebisssen.

Vorbeikommende Autos werden angehalten und nach Waffen untersucht. Die Entwaffnung der kosovo-albanischen Befreiungskämpfer ist immer noch kritisch. Albaner sind nicht zu entwaffnen! "Eine Waffe gehört hier zum Haushalt, wie bei uns die Kaffeemaschine", zieht Hauptmann Holzbauer sein Resümee nach einigen Wochen im Kosovo. Nur die eigene Waffe garantiert die Sicherheit der Familie - dieses alte Credo des Bergvolkes hat im vergangenen Jahr für alle Kosovo-Albaner eine blutige Neufassung erhalten.

Waffen waren einst das einzige Gut, das die Männer dieser Gesellschaft besitzen durften. Der Hausvater führte die Großfamilie, alle anderen Männer mußten jeden Verdienst abliefern. Nur über ihr Gewehr konnten sie frei verfügen. An dieser Vorgeschichte liegt es, daß sich hier die Identität und das Imponiergehabe der Freischärler noch stärker als anderswo auf ihre Waffen stützt.

Während der Rückfahrt in das Camp fängt es zu regnen an. Der offene Panzer bietet keinen Schutz. Eng ist es außerdem, und das Gewicht der Splitterschutzjacke drückt schwer. Was motiviert die Soldaten, sich freiwillig in diese Gegend, in diese Situation zu begeben? Die Antworten ähneln einander: Abenteuerlust, Karrieresprung, Verdienst und jene Anerkennung, die den Bundesheersoldaten zuhause oft verweigert wird, sind Anreiz genug, sich für mindestens ein halbes Jahr hierher verlegen zu lassen.

Der Einsatz im Kosovo wird außerdem von den meisten als militärisch anspruchsvoll eingeschätzt. Viel ernster als bei seinem UNO-Einsatz in Zypern, beschreibt ein Soldat die Herausforderungen in Suva Reka. Frau und Sohn warten auf ihn zuhause. "Glücklich waren's nicht, wie ich gesagt hab, ich fahr in den Kosovo!" Wenn er von der Nachtpatrouille zurückkommt, ruft er die beiden an. Sieben Minuten lang kann er dann seinen Tag erzählen und die Stimmen seiner Liebsten hören.

Interessierte an einem Einsatz im Kosovo erhalten Informationen unter der Rufnummer 03453/2611/6008

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