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Kinder, die niemals lachen

Wie in jedem Krieg bezahlen die Zeche der nationalistischen Machthaber und ihrer Propagandisten diejenigen, die am wenigsten Schuld am Krieg tragen: Kinder, Frauen, Alte. Die vormaligen Kriegstreiber unterschreiben im neuen Gewand der Friedensstifter Verträge und Dekrete, und jene Fernsehübertragungen, gesehen aus der Perspektive einer überfüllten Flüchtlingsunterkunft in einem zerschossenen Ort, muten an wie von einer anderen Welt.

In den früher umkämpften Orten sind immer wieder auf unkrautüberwucherten Schutthalden und Grünflächen Gevierte mit roten Plastikbändern eingegrenzt: Massengräber, die erst von der internationalen Kommission geöffnet werden dürfen. Dorfbewohner, Nachbarn oder Rückkehrer müssen dann die Exhumierten identifizieren. In Ilidza, einem schwer zerstörten Vorort Sarajevos, glauben die rückkehrenden Moslems zu wissen, wer hier liegt: sie zeigen uns zerschlissene Kleidungsstücke der Massakrierten auf den Erdhaufen - mußten sich die Massakrierten zuvor entkleiden? In Orasac in Westbosnien liegen im Gerumpel eines zerstörten Hauses ein Totenschädel und Skelettteile. Eine Frau kommt weinend gelaufen: sie glaubt, hier die sterblichen Uberreste ihres Sohnes zu sehen. Er blieb mit vielen anderen Moslems zur Verteidigung seines Dorfes zurück, als die meisten vor der überlegenen Serbenarmee flüchteten. Aber auch im serbischen Teil Bosniens führen uns Angehörige zu einem Massengrab. In Mrkonic Grad hatten Kroaten während ihrer Großoffensive im Herbst 1995 hier an die 180 getötete serbische Soldaten und Zivilisten verscharrt. Nach dem Vertrag von Dayton wurde Mrkonic Grad den Serben zugesprochen, und die Toten wurden exhumiert. Aber auf vielen Kreuzen der nunmehr ordentlich Bestatteten steht das zyrillische „HH" (= „NN") - unbekannt, nicht identifizierbar, verschollen für immer. Verschollen für immer sind aber auch Tausende Muslime von Srebrenica und Zepa, Bijeljina und Zvornik ... Professor Manfred Novak, österreichischer Völkerrechtler bei den Vereinten Nationen und zuständig für die mehr als 16.000 Vermißten aller Seiten, hat das Handtuch geworfen: seine Arbeit sei behindert worden, es habe kaum finanzielle Unterstützung gegeben. Die Regierungen wollen Mitverantwortung und Mitschuld dieser dunkelsten Seite des Krieges vergessen machen.

Die Soldaten aller Herren Länder der IFOR-, nunmehr SFOR-Truppe, in ihren martialisch getigerten Kampfanzügen sind mit ihren Panzern, Lkw-Konvois und Hubschrauberstaffeln jetzt nicht mehr so allgegenwärtig wie in den ersten Monaten nach Dayton. Die österreichische Transporteinheit schottert mit ihren Tiefladern die kaputten Straßen, transportiert Saatgut von „Nachbar in

Not" und setzt die Schule von Visoko - ihrem Einsatzort in Mittelbosnien -instand. (Detail am Rande: Das „BH" für Bundesheer auf den Nummerntafeln mußte gleich zu Einsatzbeginn mit rotweißroten Aufklebern zugedeckt werden. Hier ist es das Zeichen für Bosnien-Herzegowina und hätte zu gefährlichen Mißverständnissen führen können.)

„Irrer Kreislauf

„Lokalaugenschein in der „Republika Srpska" in Nordbosnien, in Banja Luka, Modrica, Doboj, Derventa. „Einen irren Kreislauf von Flüchtlingsbewegungen" nennt es der „Field Öf-ficer" des Boten Kreuzes: Serbische Flüchtlinge - verjagt von Moslems und Kroaten - vertreiben im Herbst 1995 ihrerseits an die 25.000 Kroaten aus dem Raum Banja Luka. Mit wenigen Habseligkeiten in Plastiksäcken flüchteten die Kroaten in Booten über den Grenzfluß Sava nach Kroatien, nach Glina, Virgin Most, Vojnic, Gora. In jene Gebiete also, aus denen die Serben im August 1995 vertrieben wurden. Hier lebten bis zu 95 Prozent Serben, und einzelne kroatische Fanatiker haben die meisten serbischen Häuser abgebrannt - die Serben sollten niemals wiederkommen können. Aber den kroatischen Flüchtlingen fehlt es jetzt an Unterkünften in diesem „irren Kreislauf".

Die Ärztin Eva-Maria Hobiger bringt seit Jahren Hilfstransporte nach Derventa in die Serbische Republik in Nordbosnien. Diplomkrankenschwester Milena, die aus Derventa stammt, arbeitet auf der Krebsstation bei Hobiger im Krankenhaus Lainz. Über sie erfuhr die Ärztin vom Elend der serbischen Flüchtlinge im völlig zerschossenen Derventa, dem „Vukovar Bosniens", wo noch Milen-as Eltern und Verwandte leben. Als wir mit dem Sattelschlepper, beladen mit 20 Tonnen Hilfsgütern, nach 24 Stunden Fahrt über Ungarn und Serbien in Derventa ankommen, bin ich bestürzt: Seit meinem letzten Aufenthalt während des Krieges hat sich hier nichts geändert. Derventa ist nach wie vor eine Ruinenstadt- es gibt fast keine internationale Wiederaufbauhilfe für die Serben Bosniens. Zehntausende Flüchtlinge leben in Buinen, in düsteren Räumen, mit Plastikplanen vor den Fenstern und notdürftig geflickten Dächern. Flüchtlinge leben zusammengedrängt mit Kranken, Krüppeln, mit Waisenkindern, deren Eltern umgebracht wurden oder Selbstmord begingen aus Verzweiflung. Hier gibt es außer Hobigers Hilfstransport keinerlei Unterstützung für die seelisch und körperlich Leidenden. Den Serben stehen keine reichen Drittländer offen, sie müssen im zerstörten Land bleiben, kein Industrieland Europas nimmt sie auf, und auch die klassischen Einwänderungsländer wie Australien oder die USA versperren ihre Grenzen vor den bosnischen Serben. Alkoholismus ist weit verbreitet (Slibowitz wird selbst und reichlich gebrannt und ist somit leicht verfügbar), die Selbstmordrate ist hoch, das soziale Gefüge ist zerstört. Auf der Flucht wurden Familien auseinandergerissen, bei den kroatischen Angriffen auf die Trecks der Zehn-tausenden sahen Kinder ihre Angehörigen sterbend vom Fuhrwerk stürzen, ohne daß angehalten werden konnte. Hier leben Kinder, die niemals lachen, die diese Urangst niemals im Leben gänzlich aufarbeiten werden können.

Kriegsgewinnler

In Derventa erlebe ich Szenen wie vormals nur im Sudan in Afrika: Abgemagerte Flüchtlinge umdrängen uns, zeigen mit der Hungergeste zum Mund, halten Papiere hoch, in denen bestätigt wird, daß ihre fünf, sechs Kinder hungern, krank sind, frieren. Menschen betteln mit Befunden und ärztlichen Verschreibungen auf Bahnhöfen und in Busstationen. Früher war die medizinische Versorgung kostenlos, ebenso die Medikamente in den staatlichen Apotheken. Heute kann sich niemand - außer den „rat profitirski", den Kriegsgewinnlern - Medikamente leisten. Die Arbeitslosigkeit liegt bei nahezu 100 Prozent, und wer Arbeit findet, muß monatelang auf seinen Lohn warten, der zwischen 30 und 50 D-Mark pro Monat beträgt.

Es gibt Fälle von Kindern, die an unheilbarem Krebs leiden, weil eine Früherkennung der Krankheit aufgrund der fehlenden Röntgenfilme nicht möglich war. Oder das Schicksal jener 35jährigen Frau, die wir besuchten: Sie sitzt mit schmerzverzerrter Miene zwischen der Mutter und der vierjährigen Tochter in einem überfüllten Raum. Plastikplane statt Glas an den Fenstern, Wäsche hängt an den Stricken, kaputte Möbel stehen umher, nur ein Topf mit Bohnen kocht am Herd. Von sechs Kilogramm Mehl und einem Kilogramm Bohnen müssen hier die Menschen zwei Monate leben; erst Eva-Maria Hobiger bringt mit ihrem 'Transport mehr Hilfe - aber was sind 20 Tonnen für Zehntausende Flüchtlinge?

Viele teure Medikamente hat Hobiger in Österreich gesammelt. Hier kann sie in diesem düsteren Raum wenigstens mit starken schmerzstillenden Medikamenten den hoffnungslosen Zustand der Krebskranken lindern, und als wir ein Riesenpaket mit Ol, Waschpulver, Margarine, Zucker, Brotaufstrich und anderem hereinschleppen, da weinen alle. Ähnlich ergeht es uns beim Besuch der elfjährigen unheilbar krebskran-ken Dragana. Das Mädchen ist in ihrer intellektuellen Entwicklung ihrem Alter weit voraus, sie musiziert, malt und schreibt Gedichte. Bei normaler medizinischer Versorgung hätte ihr rechtzeitig geholfen werden können ...

Aber es gibt auch Hoffnung in diesem Klima der gegenseitigen Verhetzung und Verteufelung: Als der moslemische Bürgermeister von Brcko, der Jurist Munib Jusufovic, auf Einladung des moslemisch-kroatisch-serbischen Friedensdialogs in Wien spricht, entgegnet er auf die Frage eines Journalisten nach dem von Serben begangenen Genozid: „Wenn Sie der Ansicht sind, daß die Serben einen Völkermord begangen haben, so muß ich Ihnen widersprechen. In diesem Krieg wurden - so wie in allen Kriegen - Verbrechen begangen, und zwar auf allen Seiten, von ganz konkreten Personen, deren Namen man kennt und die man wegen dieser Verbrechen angeklagt hat."

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