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„ ... aber die quälende Angst ist geblieben""

Ich hatte im November 1979 und im Juli 1980 Gelegenheit, mich über die Situation in Thailand etwas zu orientieren und für die österreichische Caritas über die durchgeführten Kinderaus-speisungen und über die geplanten Bewässerungsprojekte zu informieren.

Diese Hilfsmaßnahmen werden von zwei thailändischen katholischen Organisationen COERR (Catholic Office for Emergency and Refugees) sowie CCTD (Catholic Council of Thailand for Development) und vom UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) für beide Bevölkerungsgruppen durchgeführt.

Als vor einem Jahr die ersten Flüchtlinge aus Kambodscha ankamen, war die Hilfsbereitschaft groß. Jetzt aber hört man viel Kritik. Denn für die einheimischen Thailänder ist es schwer verständlich, daß die internationale Hilfe im Werte von über 100 Millionen Dollar nur den Flüchtlingen zugute kommen soll.

Außerdem befürchten sie eine Eskalation der politischen Situation durch die Anwesenheit der in Thailand aufge-nommenenundimGrenzgebietbetreuten Kambodschaner. Und da das teilweise geradezu entvölkerte Kambodscha als Pufferzone ausgefallen ist, ist die Angst vor Übergriffen vietnamesischer Truppen gewachsen.

Im Oktober, November 1979 kamen täglich Zehntausende aus Kambodscha, jetzt sind es nur mehr ungefähr 200. Damals mußten innerhalb der kürzesten Zeit provisorische Lager eingerichtet werden. Eine Plastikplache wurde über vier Bambusstücke gespannt, gab notdürftigsten Schutz gegen Regen und Sonne. Damals wurde in Kao I Dang ein Lager für 200.000 Menschen errichtet, jetzt wohnen noch immer 140.000 Flüchtlinge dort.

Heute gibt es in den 33 Flüchtlingslagern keine Zelte mehr, sonder Unterkünfte aus Bambus mit Strohdächern. Und in einem neuen Lager, 120 Kilometer von Bangkok, werden Häuser mit Wellblechdächern gebaut.

Gleichgeblieben ist die katastrophale Wasserversorgung. Das Wasser muß oft bis zu 100 Kilometer weit in Zister-nenwägen herangebracht werden. Mittels Schläuchen werden Container angefüllt. Von dort holen sich die Lagerinsassen (man stelle sich vor 140.000!) in Kübeln das Wasser ab.

Derzeit befinden sich ungefähr 250.000 Kambodschaner in Lagern, die vom UNO-Hochkommissariat für die Flüchtlinge, von verschiedenen Organisationen, aber auch von den einzelnen politischen Gruppierungen der Kambodschaner verwaltet werden. Wenn Rote Khmer und „Freie" Khmer im selben Lager untergebracht sind, werden sie - wie das im Lager Meirut der Fall ist- durch Stacheldrahtverhaue und ein Niemandsland voneinander getrennt.

Das Lager Kao Larn wurde vom Thailändischen Roten Kreuz für 1.200 Buben und Mädchen errichtet, die nichts über das Schicksal ihrer Angehörigen wußten. Inzwischen konnten 900 Kinder aus verschiedenen Lagern mit ihren Familien zusammengeführt werden. Aber noch leben viele Hunderte Kinder und Jugendliche in der quälenden Angst um ihre Angehörigen. Es liegen Adoptionsangebote aus der ganzen Welt vor. Aber solange der Tod der Eltern nicht amtlich festgestellt ist, solange kann auch eine Adoption nicht vermittelt werden.

Der Gesundheitszustand der Flüchtlinge hat sich sehr gebessert. Sie haben auch nicht mehr diesen verzweifelten, apathischen Gesichtsausdruck wie die Tausende, die nach tagelangem Fußmarsch vollkommen ausgehungert und erschöpft angekommen waren. Jetzt erhalten sie eine Reisration, etwas Gemüse oder Fisch und die Kinder noch zusätzlich Obst und Milch.

Durch dieses bessere Aussehen darf man sich aber nicht täuschen lassen. Die Menschen leben auf engstem Raum, hinter Stacheldraht. Sie dürfen das Lager nicht verlassen, sie dürfen nicht arbeiten. Die Flüchtlinge aus Laos sind bereits über drei Jahre in Lagern.

Laoten, Kambodschaner, Vietnamesen, sie alle fürchten sich vor der Zukunft. Werden sie jemals in ihre Heimat zurückkehren können? Wird ihnen die Auswanderung erlaubt werden? Was erwartet sie in dem fremden Land? Die Sorge um die Angehörigen, die Angst vor einem bewaffneten Uberfall auf die Lager lasten schwer.

Das Lager Meirut im Süden liegt auf einer fünf Kilometer breiten Landzunge. Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen eine Hügelkette, als Grenze zu Kambodscha. Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen im Grenzgebiet. Erst neulich überfielen vietnamesische Soldaten ein Dorf in Thailand. Bei den Kämpfen sind 80 Vietnamesen und 32 thailändische Soldaten gefallen.

UNICEF, das Internationale Rote Kreuz und verschiedene Hilfsorganisationen führen an der Grenze zu Kambodscha Ausgaben von Lebensmitteln und Saatgut durch. Man rechnet, daß rund 120.000 Personen diese Hilfsgüter bereits abgeholt, auf Fahrrädern, mit Ochsenkarren oder auch zu Fuß in das Landesinnere gebracht haben und daß dadurch ungefähr 900.000 Kambodschanern geholfen werden konnte.

Die Hilfstätigkeit der österreichischen Caritas konzentriert sich auf die Unterstützung von Kinderausspeisun-gen und auf die Errichtung von Bewässerungsanlagen.

In zwei Flüchtlingslagern und in einigen Dörfern werden an unterernährte Kinder zusätzliche Lebensmittel, besonders Milch und Obst ausgegeben, und dadurch die einseitige Reiskost durch Vitamine und Proteine ergänzt.

Die Ernten der letzten Jahre waren wegen dergroßen Überschwemmungen,

aber auch wegen katastrophaler Trok-kenperioden sehr schlecht. Die Ursachen für diese Notstände liegen zum großen Teil in der willkürlichen Abhol-zung der Wälder. Im Jahr 1940 waren noch 62 Prozent der 514.000 Quadratkilometer Gesamtfläche Kambodschas bewaldet, 1977 waren es nur mehr 25,35 Prozent.

Der Grund für diesen Raubbau ist einerseits der erhöhte Bedarf an Ackerland, andererseits der wachsende Verbrauch von Bau- und Brennholz. Die Folgen der unkontrollierten Schläge-rung: Erosion, Überschwemmungen und Dürrekatastrophen infolge der klimatischen Veränderungen.

In der Trockenzeit gibt es in einigen Dorfbrunnen kein Wasser, dann müssen die Bewohner es in einem anderen Dorf, viele Kilometer entfernt, holen.

Die österreichische Caritas wurde gebeten, in einer besonders armen Gegend im Grenzgebiet Staubecken zu errichten. Es ist beabsichtigt, mit dem Bau der Becken nach der Regenzeit zu beginnen und auf diese Weise sowohl der thailändischen Dorfbevölkerung als auch Flüchtlingen zu helfen.

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