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1945 1960 1980 2000 2020

Bei Einsätzen für die Erdbebenopfer von Armenien oder der Hilfe für heimische Arme, Notleidende oder Bergbauern können junge Menschen Idealismus und Abenteuerlust sinnvoll verknüpfen.

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Bei Einsätzen für die Erdbebenopfer von Armenien oder der Hilfe für heimische Arme, Notleidende oder Bergbauern können junge Menschen Idealismus und Abenteuerlust sinnvoll verknüpfen.

Mit dem Abheben der Aerof lot-Maschine am Morgen des 11. Juli vom Ostberliner Flughafen in Richtung Armenien fiel Günter Zwano-wetz endgültig ein „Stein“ vom Herzen. Bis zuletzt mußte der Chef des Österreichischen Bauordens um das Zustandekommen eines Hilf seinsatzes im Erdbebengebiet von Armenien zittern.

Fünf Wochen lang sollte sich un-ter schwierigsten Bedingungen erstmals eine Hilfsgruppe des Bauordens (je zehn Österreicher und Holländer) am Wiederaufbau einer Kirche und sozialer Einrichtungen * in dem noch immer durch das verheerende Efdbeben zerstörten Gebiet um Leninakan in der Sowjetunion beteiligen.

Auslandseinsätze von Hilfsgruppen in verschiedenen Ländern Europas gehören zum „normalen“ Programm des Bauordens. Doch dieser Einsatz in Armenien ist eine große Ausnahme, gesteht Zwano-wetz, seit 1985 Geschäftsführer der österreichischen Sektion des Internationalen Bauordens.

Kein Wunder. Allein die Vorbereitungen eines solchen Einsatzes überstiegen bei weitem die Anforderungen der sonstigen Hilf seinsätze des Bauordens. Die schleppenden Aktionen der sowjetischen Behörden, nichte ingehaltene Zusagen über Reisekosten, Probleme mit der ärztlichen Versorgung und vor allem der eklatante Mangel an Informationen aus dem Erdbebengebiet, ließen Zwanowetz und sein Sekretariat bis zuletzt zittern, ob der Einsatz auch wirklich gelingt.

Begonnen hatte das ganze Projekt mit der Erdbebenhilfsaktion einer österreichischen Tageszeitung und einer Baufirma, die aus Spendengeldern ein Österreich-Dorf in der Nähe von Leninakan errichtete. Obwohl der Bauorden der Firma Hilfe anbot, wurde aus der erhofften Zusammenarbeit und einem Informationsaustausch über das Katastrophengebiet vorerst nichts, gesteht etwas verbittert Zwanowetz. So blieb nichts anderes übrig, als die Entsendung der Hilfsgruppe mit allen damit verbundenen Risken selber in die Hand zu nehmen

Was macht nun dieser Bauorden?

1953 hatte der als „Speckpater“ bekanntgewordene flämische Ordensmann P. Werenfried van Straa-ten den Bauorden als eine freiwillige Hilfsorganisation ins Leben gerufen. Burschen und Mädchen beteiligten sich unentgeltlich am Aufbau von Flüchtlingssiedlungen in Deutschland und Österreich. Nach der Aufsplitterung in autonome nationale Bauordenssekretariate in ganz Europa wurden die Hilf seinsätze bald auf soziale und karitative Projekte konzentriert

Jährlich leisteten 120 bis 150 österreichische „Baugesellen“, wie die Burschen und Mädchen des Bauordens genannt werden, jeweils mehrere Wochen im Sommer einen freiwilligen Hilfsdienst bei Renovierungen von Wohnhäusern in Not geratener Familien, Heimen, Klöstern, Kindergärten und dergleichen.

Daß sich die Idee des Bauordens auch noch heute nach mehr als 35 Jahren bewährt, scheint in der besonderen Herausforderung eines solchen Hilfsseinsatzes zu hegen, wie viele ehemalige Teilnehmer bestätigen.

Dabei erwartet die oft bunt zusammengewürfelte Gruppe junger Mädchen und Burschen aus mehreren Ländern meist schwere körperliche Arbeit und bescheidene Unterkunft. Oft müssen sie sich selbst versorgen, Sprachprobleme tun ein übrigesI Erstaunlich trotzdem die Hingabe der jungen Helfer.

Unter Leitung einer örtlichen Baufirma verrichten sie für drei bis vier Wochen alle möglichen Hilfsarbeiten, von Maurerarbeiten, Entrümpelungen Aushubarbeiten, bis hin zu Tapezier- und Ausmalarbeiten, Trockenlegungen von Mauern und so fort

Oft genug fallen die Mädchen und Burschen am Abend erschöpft in ihre Betten in notdürftig hergerichteten Zimmern oder auch nur in einem Zelt, um am nächsten Tag wieder begeistert weiterzumachen

Was treibt junge Leute eigentlich zu diesem Engagement? Den ganzen Tag unter härtesten Bedingungen zu schwitzen und hart zu arbeiten, dazu eine bescheidene Kost und andere Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen?

Viele „Ehemalige“ betonen das besondere Gemeinschaftserlebnis unter den GruppenmitgUedcrn, das Bewußtsein, einen Beitrag für eine „wirklich gute Sache“ zu leisten. Nicht zuletzt hat das ganze auch einen etwas „abenteuerlichen“ Charakter, der den Aufenthalt unvergeßlich macht. War einst das Evangelium unmittelbare Richtschnur für die Idee des Bauordens, so wird heute niemand mehr nach seiner Religionszugehörigkeit gefragt Der Bauorden gilt als eine Art „Lebensschule“, in der junge oder jung gebliebene Menschen durch ihre Arbeit eine beispielhafte Wirkung ausstrahlen möchten.

Nicht verschwiegen werden kann aber die Tatsache, daß nicht jedes Sommerlager einen „Erfolg“ garantiert Zu hohe Anforderungen erweisen sich mitunter genauso schlecht wie zu wenig Arbeit für die Gruppe. Probleme gibt es auch unter den Gruppenmitgliedern. Der jeweilige Gruppenleiter muß dann viel Geschick und Einfühlungsvermögen beweisen

Daß sich aber die Idee des Bauordens auch nach mehr als drei Jahrzehnten immer noch bewährt, be-' weisen die neuen Ziele und Aufgaben der Organisation Seit mehreren Jahren gibt es beispielsweise erfolgreiche Projekte in Ungarn. Die politische Öffnung erleichterte natürlich die Arbeit des Bauordens wesentlich, Heß aber gleichzeitig die große Not weiter Bevölkerungsteile Ungarns noch eindringlicher erkennen.

So arbeiten heuer drei Bauordensgruppen in Környe, einer sechstausend Einwohner zählenden Kleinstadt westlich von Budapest Sie legten den Kirchenfußboden trok-ken und erneuerten ihn. In Bogacs, etwa hundert Kilometer östüch von Budapest, wird an der Renovierung eines Pfarrhofes gearbeitet, in der Nähe der ungarischen Hauptstadt an einem Begegnungszentrum für Jugendliche und an einem Ferienhaus für kinderreiche Familien. Alles Projekte, die noch vor wenigen Jahren als unrealisierbar galten. „Heute sind wir sogar soweit, daß wir bei der Gründung eines eigenen ungarischen Bauordens mithelfen können“, freut sich Zwanowetz.

Auch in Griechenland spielt der Bauorden eine Vorreiterrolle. Erstmals gelang es, eine Gruppe junger Freiwilliger in ein griechisch-orthodoxes Nonnenkloster bei Lavrion und eine andere in ein von griechisch-katholischen Schwestern geführtes Heim für sozial geschädigte Kinder zu entsenden

Die Zahl der Hilfsprojekte, die an den Bauorden herangetragen werden, steigt von Jahr zu Jahr. Trotzdem plagen den Geschäftsführer große Sorgen: Denn die freiwilligen Helfer werden allmählich weniger. Im laufenden Jahr konnten für die österreichischen E insatzproj ekte im Ausland kaum die erforderlichen 13 0 Mädchen und Burschen zusammengetrommelt werden

Die Möglichkeit, billig für längere Zeit ins Ausland zu kommen, neue Menschen kennenzulernen, etwas Abenteuerlust gepaart mit einer Portion Idealismus, bildeten noch vor wenigen Jahren für viele Schüler und Studenten genug Anreiz, in so einBauordenlagerzu fahren Aber heute?

Trotzdem ist Zwanowetz von der Zukunft der Idee, des Bauordens überzeugt Zwar gibt es nicht oft so einen „Jahrhundert-Einsatz“ wie den in Armenien, aber auch bei den anderen Projekten können junge Leute beispielhaft wirken: Behinderten, Klein- und Bergbauern, Armen und Notleidenden - auch in Österreich - zu helfen, ist nach wie vor eine ganz große Herausforderung!

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