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Ein Land kollabiert

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Im Vakuum zwischen Katastropheneinsatz und Entwicklungshilfe wird der Ausnahmezustand im Libanon zum Alltag. Die internationale Hilfe aber zieht sich zurück.

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Im Vakuum zwischen Katastropheneinsatz und Entwicklungshilfe wird der Ausnahmezustand im Libanon zum Alltag. Die internationale Hilfe aber zieht sich zurück.

Wie funktioniert das libanesische Schulsystem? Woher bekomme ich einen Totenschein für meinen verstorbenen Vater? Warum kriege ich keine Wertkarte für Lebensmittel? Die Fragen, die Mitarbeitern von Hilfsorganisationen von syrischen Flüchtlingen im Libanon gestellt werden, sind nicht kompliziert. Die Antworten hingegen, die sie darauf geben müssen, sind es schon.

"Ich habe diese Entscheidung nicht getroffen. Ich weiß nichts über Ihren speziellen Fall", müssen sie sagen, wenn sie nach der gestrichenen Lebensmittelkarte gefragt werden. Wird ein Platz zum Bleiben gesucht, lautet die Standardantwort: "Die Kapazität an Unterkünften ist sehr klein. Nur sehr wenige Familien, die als besonders hilfsbedürftig eingestuft werden, bekommen einen Platz bei einer Hilfsorganisation." So steht es im Handbuch der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR, 218 Seiten dick, das allen humanitären Helfern als Anleitung dient.

"Der Großteil der Menschen bekommt gar keine Hilfe", sagt Christine Latif, die im Libanon für die Hilfsorganisation World Vision arbeitet. Auf die Frage, die sie von Kindern am häufigsten hört, hat sie gar keine Antwort. Sie alle wollen wissen, wann sie wieder heim nach Syrien können.

Hilfe um 30 Prozent reduziert

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jessica El Moujabber reist Christine Latif diese Woche durch Europa, um eine Katastrophe in Erinnerung zu rufen, die schon so lange dauert, dass sie für die Welt die Banalität des Alltäglichen bekam: 1,14 Millionen registrierte Flüchtlinge aus dem benachbarten Syrien leben derzeit im 4,6 Millionen-Staat Libanon. Sie machen damit ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus. In Österreich entspräche dieses Verhältnis drei Millionen Flüchtlingen. Hierzulande rechnet man mit 26.000 Asylanträgen im gesamten Jahr 2014. Im Libanon kommen jede Woche weitere 10.000 Flüchtlinge an. Sozialminister Rashid Derbas kündigte deshalb am Wochenende an, den Flüchtlingsstrom zu stoppen. "Wir nehmen keine syrischen Flüchtlinge mehr auf", sagte er der Tageszeitung Al-Akhbar.

Denn das Land, das etwa so groß ist wie Tirol, bricht unter der Last der humanitären Krise zusammen. Und wird von der internationalen Gemeinschaft dabei allein gelassen. Für immer mehr Menschen gibt es immer weniger Geld: Von den knapp 1,8 Milliarden Euro, die zu Jahresbeginn bei einer Geberkonferenz in Kuweit zugesagt wurden, wurde bisher nicht einmal die Hälfte tatsächlich gezahlt. Das Welternährungsprogramm informierte daher vergangene Woche, seine Hilfsleistungen um 30 Prozent zu reduzieren. 12.000 Familien, die bisher jeden Monat eine mit 30 Dollar aufgeladene Wertkarte erhielten, mit der sie Lebensmittel einkaufen konnten, werden nun aus dem Programm herausfallen.

Nur mehr die, die das Überlebenswichtigste auf keinen Fall selbst auftreiben können, werden unterstützt. "Das sind alleinerziehende Mütter, Familien, in denen es nur Großeltern gibt, oder welche, die Kinder mit Behinderung haben", erklärt Mona Monzer von UNHCR in Beirut.

"Die Menschen werden immer verzweifelter", beobachtet Christine Latif, die seit Mai im Libanon arbeitet. Seither habe sich die Lage dramatisch verschlimmert, meint sie. Die Infrastruktur erliegt dem rasanten Bevölkerungsanstieg, das Wasser wird knapp, die Stromnetze sind überlastet. Und: "Die soziale Spannung, die sich aufbaut, ist angsteinflößend."

Denn die Arbeitslosigkeit steigt, die Löhne sinken, die Mietpreise haben sich seit 2012 verdreifacht. Die 25 Prozent der Libanesen, die schon vor der Flüchtlingskatastrophe unter der Armutsgrenze lebten, sehen in den Hilfsbedürftigen aus dem Nachbarland direkte Konkurrenz.

Vor allem das libanesische Bildungssystem steht enorm unter Druck. Zu den 300.000 libanesischen Kindern, für die es ausgelegt ist, kommen in diesem Schuljahr mindestens 400.000 Flüchtlingsschüler. In den Schulen wird deshalb in zwei Schichten unterrichtet, dazu bieten Hilfsorganisationen vereinzelt Lernprogramme an. Trotzdem können vier von fünf syrischen Kindern nicht in die Schule gehen, berichtet die Organisation Save the Children. Offiziell dürfen zwar alle Kinder die Schule besuchen, priorisiert werden aber jene, die den Unterricht nicht unterbrechen mussten, damit der Unterschied in Alter und Leistungsniveau nicht zu groß wird. Ältere Kinder, die durch die Kriegswirren bereits zwei Jahre versäumt haben, haben daher kaum Aussichten auf einen Platz. Für besonders arme Familien falle zudem Bildung in der Prioritätenliste der Familien zurück, berichtet Save the Children. Für viele ist es wichtiger, dass Kinder arbeiten gehen oder möglichst früh heiraten. "Wir müssen schon jetzt von einer verlorenen Generation sprechen, die ihrer Zukunft beraubt wird", sagt Jessica El Moujabber.

"Die große Herausforderung für alle, die internationale Gemeinschaft sowie die betroffenen Syrer und Libanesen, ist, dass hier der Ausnahmezustand zum Alltag wird", meint Christine Latif. Und obwohl das Drama schon so lange andauert, wird er immer noch behandelt wie eine akute Katastrophe:

"Nach einem Erdbeben oder einer Überschwemmung bauen wir Notunterkünfte und geben Essen aus, bis die Menschen wieder nach Hause zurück können. Doch der Bürgerkrieg in Syrien wütet weiter, niemand kann zur Zeit zurück nach Hause."

Dass die Flüchtlinge nie wieder gehen, ist die größte Angst der Libanesen. Deshalb gibt es auch keine Flüchtlingscamps wie etwa im benachbarten Jordanien. Menschen, die darin lebten, könnten bleiben, so wie es die palästinensischen Flüchtlinge in den letzten Jahrzehnten taten, fürchtet man. Die syrischen Vertriebenen leben daher in rund 2000 informellen Zeltlagern, die auf Brachland entstanden sind, in leerstehenden Fabriken, Rohbauten, gemieteten Garagen oder Zäunen.

Verschleppte Katastrophe

Reine Akuthilfe reicht in der derzeitigen Situation nicht, das ist allen Organisationen vor Ort klar. Dass es keine längerfristigen Maßnahmen geben wird, die als Entwicklungshilfe gelten könnten, wissen sie ebenso. Das macht die Situation der Flüchtlinge im Libanon zu einer verschleppten Katastrophe. Die 150 Hilfsorganisationen, die mit dem UNHCR arbeiten, beklagen, dass die Welt nicht genug tut, um zu verhindern, dass es noch schlimmer wird.

Auch die österreichischen NGOs haben vergangene Woche geschlossen auf das Drama hingewiesen und die Regierung aufgefordert, den Auslandskatastrophenfonds von fünf Millionen auf zwanzig Millionen Euro aufzustocken. "Das wären 2,60 Euro pro Österreicher und Jahr statt 50 Cent", rechnete World Vision Österreich-Geschäftsführer Sebastian Corti vor. "Der gesamte Auslandskatastrophenfonds ist für dieses Jahr aufgebraucht", warnte Caritas-Auslandshilfechef Christoph Schweifer: "Ich bitte um eine Sonderdotierung. Wir brauchen Hilfe, jetzt!" Die österreichische Politik reagierte auf diesen Appell nicht.

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