Von Österreich bitter ENTTÄUSCHT

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Der Zustrom syrischer Flüchtlinge wächst, doch die Zustände ihrer Unterbringung sind skandalös. Ein Erfahrungsbericht anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni.

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Der Zustrom syrischer Flüchtlinge wächst, doch die Zustände ihrer Unterbringung sind skandalös. Ein Erfahrungsbericht anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni.

Ich weiß nicht, wann ich erfahre, ob ich bleiben darf, oder nach welchen Kriterien entschieden wird. Das belastet mich am meisten. Manche dürfen nach wenigen Tagen Traiskirchen verlassen, ich sitze seit vielen Wochen hier fest", sagt der syrische Flüchtling Saleh Turkman. Der junge Mann mit der Hornbrille und dem Hemd sitzt in der Beratungsstelle des Diakonie Flüchtlingsdienstes in Traiskirchen, wenige Minuten vom Asyl-Erstaufnahmezentrum entfernt.

Seit drei Monaten wartet der Syrer hier auf Asyl. Wegen der schweren Angriffe auf seinen Heimatort Airuhaiba nahe Damaskus musste der 28-Jährige im Juli 2012 fliehen. Dort hatte er als Kinder-Krankenpfleger im Spital gearbeitet. "Durch die Terror-Attacken sind mehrere Krankenpfleger und Ärzte getötet worden", erzählt er. Seine Flucht führte ihn über Ägypten und Libyen, von wo aus er eine gefährliche Bootsfahrt nach Italien auf sich nahm. Turkmans Familie lebt noch immer im Krieg, ohne Elektrizität und ohne fließendes Wasser. "Sie sitzen fest. Es ist nun zu gefährlich, aus Airuhaiba noch rauszukommen", sagt er traurig.

Doppelte emotionale Belastung

Der junge Mann teilt sein Schicksal mit tausenden Syrern, die nach Österreich geflüchtet sind. Der Zustrom wächst stetig: Allein zwischen Jänner und April dieses Jahres haben 1269 syrische Flüchtlinge in Österreich Asyl beantragt. Das ist ein starker Anstieg im Vergleich zum Vorjahr, als insgesamt 1991 Syrer um Asyl ansuchten. Ihre Anträge wurden bisher zu 42 Prozent positiv und zu neun Prozent negativ beantwortet.

Weil Turkman nicht zur Gruppe der vom Innenministerium geholten syrischen Flüchtlinge zählt, kann er nicht sicher sein, Asyl gewährt zu bekommen. Es gibt nämlich zwei Gruppen von Syrern in Österreich: Die auf eigene Faust Geflohenen - bisher die Mehrheitkönnen nur hoffen, Asyl oder zumindest subsidiären Schutz zu erhalten, also eine vorläufige Aufenthaltsberechtigung. 1000 "besonders schutzbedürftigen" syrischen Flüchtlingen hingegen wird über ein EU-finanziertes "Resettlement Programme" des Innenministeriums die Einreise nach Österreich ermöglicht und Asyl gewährt. Schon im letzten August, mitten im Wahlkampf, hatte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) angekündigt, 500 syrische Flüchtlinge - vor allem verfolgte Christen - im Zuge einer "humanitären Aktion" nach Österreich zu holen. Davon sind bisher 379 im Land.

Turkman erzählt von seiner doppelten emotionalen Belastung: Einerseits die Sorge um Familie und Freunde in der Heimat, andererseits sein tristes Dasein in Traiskirchen und seine ungewisse Zukunft. Sobald wie möglich möchte er selbstständig wohnen, Deutsch lernen und Arbeit als Krankenpfleger finden. Privatsphäre hat er keine, in seinem Zimmer sind zwölf Flüchtlinge untergebracht. Am Montag sind Turkman und eine Gruppe von Syrern in Traiskirchen in den Hungerstreik getreten. Sie fordern eine bessere Unterbringung und schnellere Asylverfahren.

"Es sind definitiv zu viele Leute im Camp untergebracht", kritisiert Gabor Zentai, Leiter der Beratungsstelle der Diakonie in Traiskirchen. Über die genauen Bedingungen im Camp kann er keine Auskunft geben, weil NGO-Mitarbeiter nicht in die Zimmer gelassen werden. Der Andrang bei der Beratungsstelle ist enorm. Obwohl an diesem Freitag keine Beratungszeiten ausgeschrieben sind, stehen immer wieder Flüchtlinge vor der Tür.

Ein Zimmer weiter sitzt eine syrische Familie mit vier Kindern in den Korbsesseln. Der Kleinste ist erst zwei Jahre alt. Die Mutter mit dem weißen Kopftuch hat alle Hände voll zu tun, die Kinder bei Laune zu halten. "Sie haben hier keine Möglichkeiten, zu spielen oder zu lernen, sind gelangweilt und frustriert", klagt die 26-jährige Sarah Shrih. "Außerdem kriegen sie vom Essen hier Magenbeschwerden. Die letzte Mahlzeit gibt es um sechs Uhr abends, die nächste erst um sieben Uhr früh - das ist zu lange für die Kinder." Deshalb kauft die Familie ihr eigenes Essen im Supermarkt ein, doch monatliche 40 Euro pro Person reichen nicht aus. Auch die Wartezeiten für einen Arzttermin im Lager seien zu lange: "Wir gehen gleich in der Früh hin, aber kommen erst am nächsten Tag dran", sagt sie. Außerdem bräuchten die Kinder dringend neue Schuhe.

Zwei Jahre lang war das Paar mit den vier kleinen Kindern auf der Flucht aus der belagerten und völlig zerstörten Stadt Homs. Die Familie zählt zur Minderheit, die es bis nach Österreich geschafft hat. Insgesamt sechs Millionen Syrer wurden innerhalb ihres vom Bürgerkrieg zerrütteten Landes vertrieben. Weitere 2,8 Millionen haben Zuflucht in den Nachbarländern gefunden. Viele, die laut UN-Flüchtlingskonvention eindeutig schutzbedürftig wären, werden das Krisengebiet trotzdem nicht verlassen können. Auch in Europa ist die Annahme von Flüchtlingen keinesfalls gleich verteilt: Allein Deutschland und Schweden haben im Vorjahr zwei Drittel der insgesamt 60.000 syrischen Asylwerber aufgenommen.

Traiskirchen extrem überlastet

Endlich in Österreich angelangt, ist die Familie desillusioniert: "Wir warten seit 60 Tagen auf unsere eigene Unterkunft", sagt Familienvater Lababidi Abdulmuin. Die Woche zuvor war Innenministerin Mikl-Leitner zu Besuch im Asyl-Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. "Sie ist nur schnell durchgegangen, hat sich unsere Zimmer nicht angesehen und wir konnten nicht mit ihr sprechen", kritisiert Abdulmouin. "Als sie da war, gab es plötzlich ein besseres Essen, und die Räumlichkeiten waren viel sauberer als sonst."

Nach ihrer Besichtigung versicherte Mikl-Leitner, dass eine menschenwürdige Versorgung garantiert sei, obwohl die eigentlich vereinbarte Zahl an unterzubringenden Flüchtlingen bei weitem überschritten ist: Maximal 480 Flüchtlinge sollten sich laut einer Vereinbarung zwischen Bund und Land Niederösterreich dort aufhalten - zuletzt waren es über 1300. Das führt Mikl-Leitner einerseits auf den anhaltenden Zustrom aus Syrien, andererseits auf die Säumigkeit der Länder bei der Bereitstellung von Quartieren zurück. Die Ressortchefin appelliert an die Landeshauptleute und Gemeinden, weitere Quartiere zur Verfügung zu stellen.

Doch dass diese Art der Unterbringung auch sehr problematisch ist, zeigt das Beispiel von Aadil Seida (Name geändert). Er ist mit seiner Familie in einer privaten Unterkunft in Niederösterreich untergebracht und sehr unglücklich: "Wenn wir gewusst hätten, wie das Leben hier ist, wären wir lieber in Traiskirchen geblieben", sagt er. Für das Paar und die zwei Kinder steht ein kleiner Raum zur Verfügung, der sich im Sommer extrem aufheizt. "Das WC ist undicht, aber auf unsere Beschwerden reagiert niemand. Bei unserer Ankunft waren die Pölster und Decken schmutzig. Am ersten Tag haben wir nur Reis bekommen, der sichtlich alt war, und in den Kartoffeln waren Fliegen." Seine Kinder dürfen nicht mit den Kindern der Pensionsbetreiber spielen. Für die vierköpfige Familie gibt es 160 Euro Grundversorgung. "Wir bekommen noch finanzielle Hilfe von Familie und Freunden, sonst würde es nicht gehen", erklärt Seida. Alle zwei Wochen schaut ein Sozialarbeiter der Caritas vorbei, wie man der Familie helfen kann.

Die Caritas hat sich beim Innenministerium beworben, sämtliche Integrationsmaßnahmen für syrische Flüchtlinge zu übernehmen. "Es ist zu wenig, Leute nach Österreich zu holen und ihnen Asyl zu gewähren. Wir brauchen umfassende Integrationsmaßnahmen, die schleunigst starten sollten und den Leuten ein menschenwürdiges Leben ermöglichen", fordert Generalsekretär Klaus Schwertner.

Ein unwürdiges Leben

Auf das Wiedererlangen ihrer Würde hoffen auch die Seidas. Das erfolgreiche Künstler-Paar war in Damaskus ein viel besseres Leben gewohnt. Ihr 10-jähriger Sohn Kalil besuchte eine bilinguale Privatschule - nun sitzt er in der Hauptschule, wo ihn die Englisch-Stunden unterfordern, er aber so schnell wie möglich Deutsch lernen muss. "Unsere Dreijährige sagt ständig, dass sie nach Hause möchte", erzählt Seida mit einem traurigen Lächeln. Wenn die Kinder in der Schule und im Kindergarten sind, lernen die Seidas Deutsch. Sie wollen sich so schnell wie möglich integrieren, Arbeit finden und nach Wien ziehen.

Als die Revolution in Syrien losbrach, wurden viele ihrer Freunde - Intellektuelle und Künstler - inhaftiert und ermordet. "Jeder, der irgendwie konnte, ist geflohen", erzählt er. Zuerst flüchtete die Familie nach Beirut, wo Seida für die TV-Station Al Jazeera arbeitete. "Ich bekam wegen meiner kritischen Arbeit Drohungen von der Hisbollah, also mussten wir fliehen". Als politischer Flüchtling ist er optimistisch, Asyl gewährt zu bekommen. Er hat sich genau über seine möglichen neuen Heimatländer informiert -und sich für Österreich entschieden. Seine bisherigen Erfahrungen waren enttäuschend. "Ich hoffe, ich verliere mein Vertrauen in dieses Land nicht."

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