Urlaub vom Flüchtlingslager

Wo Unterbringung und Betreuung passen, gibt es keine Schlägereien zwischenFlüchtlingsgruppen. Das haben letzte Woche 120 jugendliche Asylwerber unterschiedlicher Herkunft bewiesen.

Floßbauen ist der Renner beim Sommerlager am Attersee. Von einem Ufer auf das andere übersetzen - das begeistert die Jugendlichen. Am See genügen Baumstämme, Seile und ein wenig Geschick, um das Ziel zu erreichen. Im richtigen Leben ist es für die 120 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die letzte Woche ein paar Tage Sommerfrische genießen konnten, sehr viel schwieriger, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Die Analyse gegenwärtiger Flüchtlingsbewegungen zeigt, dass die Zahl unbegleiteter Kinder und Jugendlicher extrem ansteigt. Mit 7,7 Millionen Kindern und Jugendlichen auf der Flucht rechnet das UN-Flüchtlingshochkommissariat. Das sind knapp die Hälfte aller Flüchtlinge und Vertriebenen. Nach Österreich kommen jährlich etwa 1.000 von ihnen.

"Die Jugendlichen blühen beim Sommercamp auf", berichtet Veronika Krainz von asylkoordination österreich, die dieses Pilotprojekt in Weißenbach am Attersee betreut. Einmal Ferien vom Flüchtlingsdasein machen, raus kommen und Abstand gewinnen - "das gibt ihnen wieder neues Selbstbewusstsein", attestiert Krainz ihren Schützlingen. Das können die Jugendlichen aus Afghanistan, China, Nigeria, Sierra Leone und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion dringend gebrauchen. Denn ihre Lebenssituation im Aufnahmeland ist geprägt von Unsicherheit, Warten und wenig Geborgenheit. Zum Sommercamp, das vorwiegend UNICEF Österreich finanziert, wurden vor allem jene Flüchtlingsjugendlichen eingeladen, die kaum Zugang zu Betreuungsstrukturen und wenig Unterstützung und Begleitung im Alltag haben.

Eine Möglichkeit, damit die Jugendlichen für kurze Zeit zumindest aus ihrer "Ghettosituation" rauskommen, nennt Karin Zilian, Psychotherapeutin beim Verein Zebra in Graz, den entscheidenden Gewinn einer solchen Veranstaltung. Aufgeteilt in verschiedene Quartiere in ganz Österreich leben die Mädchen und Burschen nämlich "relativ isoliert" und vom übrigen Österreich abgeschlossen. Um den gegenseitigen Kontakt zu verbessern, wurden zudem auch österreichische Jugendliche an den Attersee eingeladen.

Weniger in Schubhaft

Dort übt sich in diesen Tagen eine Gruppe nach der anderen beim Seilklettern. Erlebnispädagogik: hoch über der Erde baumeln, auf unsicherem, wackeligem Grund stehen - im Spiel soll geübt werden, was im Leben ständige Realität für diese jungen Menschen ist. Ungeklärter Aufenthaltsstatus, erzwungene Untätigkeit, ausbildungsmäßige und berufliche Perspektivenlosigkeit zählt Heinz Fronek, der Experte für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bei asylkoordination österreich, die größten Hindernisse für diese Flüchtlingsgruppe auf. In der Vergangenheit war es zudem übliche Praxis, Minderjährige in Schubhaft zu nehmen. Durch den öffentlichen Druck ist die Situation in diesem Bereich in den letzten Jahren "sicher besser geworden", bestätigt Fronek. Aber immer noch seien Jugendliche vereinzelt in Schubhaft, warnt er vor zuviel Euphorie. Aufgrund der oft dubiosen Altersfeststellungen liege auch der Verdacht nahe, meint der Experte, dass mehr Minderjährige in Schubhaft sind, als in offiziellen Zahlen ausgewiesen werden. Außerdem variiere die Schubhaftpraxis der Fremdenpolizei von Bundesland zu Bundesland.

"Verloren wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, der gerade aus dem Nest gefallen ist, landen sie dann bei uns in der Psychotherapie", berichtet Ingrid Egger, die wie Karin Zilian bei ZEBRA in Graz minderjährige Flüchtlinge betreut. "Die neue Welt ist wie ein Netz von geheimen Codes, die man zwar nicht kennt, nach denen man aber handeln muss", fährt die Psychotherapeutin fort. "Wer jedoch nicht fähig ist, eine geordnete und vollständige Schilderung seiner Erlebnisse am Bundesasylamt darzustellen, hat so gut wie keine Chancen auf einen positiven Bescheid." Aktuelle Zahlen, wie hoch die Anerkennungsquote bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ist, gibt es nicht. Laut einer Studie aus 1997 erhielten damals nur knapp zwei Prozent aller minderjährigen Asylwerber Asyl.

Grundsätzlich konnten in den letzten Jahren jedoch "punktuelle Verbesserungen Schritt für Schritt durchgesetzt werden", zieht Heinz Fronek auch ein positives Resümee. So entstanden mehrere Clearingstellen, in denen die Jugendlichen eine erste Aufnahme finden, "und es gibt immer mehr Projekte, die sich bemühen, eine altersgerechte Unterbringung und Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen sicherzustellen". Befragt über Aufnahmelager wie in den Niederlanden (siehe Seite 3), wo geflüchtete Jugendliche mit teils zweifelhaften Methoden auf die Rückkehr vorbereitet werden sollen, hält sich Fronek zurück. Zu einem berechtigten Urteil fehle ihm die genaue Kenntnis der Situation vor Ort. Messen müssen sich aber diese Institutionen, so wie die in Österreich, an ihrer Fähigkeit, minderjährigen Flüchtlingen Strukturen anzubieten, in denen sich diese weiterentwickeln können. Nur warten müssen, stets mit dem Risiko verbunden, einmal straffällig zu werden, ist zuwenig.

Für Drogenmarkt präpariert

"Immer wieder beobachten wir", schildert Ingrid Egger in ihrem Erfahrungsbericht, "dass Jugendliche plötzlich zu Geld kommen oder Geschenke erhalten. Sie werden von Freunden eingeladen und es macht den Anschein, als ob sie regelrecht für krumme Dinge eingekauft würden. Der Verdacht für Drogengeschäfte präpariert zu werden, liegt oft nahe." Mädchen wiederum bekämen plötzlich die Gelegenheit gratis zu wohnen und werden dann nie mehr gesehen. Egger: "Hübsche junge Mädchen, die niemanden fehlen, nach denen niemand mehr fragt, sind natürlich die beste Beute für Mädchenhandel und Prostitution."

Ein nigerianisches Mädchen und ein Bub präsentieren im Sommercamp am Attersee eine beim Radio-Workshop produzierte Anti-Drogen-Kampagne. Heinz Fronek ist begeistert über die Professionalität der beiden Jungredakteure und freut sich über dass "unheimlich große Potenzial, das in diesen Menschen steckt." Leider, meint Fronek, sehe die österreichische Gesellschaft in den jungen Flüchtlingen vor allem eine Belastung. Denn würde man sie auch als Bereicherung wahrnehmen, ist er felsenfest überzeugt, "dann könnten beide Seiten gewinnen."

Hinweis:

asylkoordination Österreich hat "connecting people", ein Patenschaftsprojekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, initiiert.

Für Wien werden noch Paten gesucht.

Info unter: www.asyl.at

oder Tel: 01/532 12 91 - 13

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