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Gesellschaft

Kinderflüchtlinge: Kein Platz zum Bleiben

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Ein Theaterstück erzählt die Geschichte eines 9-Jährigen, der alleine nach Österreich flüchtet. Es könnte nicht aktueller sein: Seit zehn Jahren gab es nicht mehr so viele Kinderflüchtlinge wie heute.

Wofür brauche ich das Ganze? Wofür?“, fragt die Puppe. Sie sitzt auf einem nackten Bettgestell. Hinter ihr wird der Großvater in Schwarz-Weiß an die Wand projiziert, er zitiert Sprichwörter, und mahnt: "Wenn sie dich haben und alles eng wird und kalt und deine Gedanken nur noch so weit reichen wie ein Atemzug, dann brauchst du die Sprüche“.

Den Großvater trifft die Puppe öfters auf ihrer Reise, allerdings nur in Gedanken. Tatsächlich ist die Puppe auf dem Weg von einem Land (zum Beispiel Afghanistan) in ein anderes (zum Beispiel Österreich), versteckt in einem Lkw.

Keine Betreuungsplätze in den Ländern

Die Puppe hat Nikolaus Habjan gebaut, der ihr auch eine Stimme gibt, sie auf der Bühne zum Leben erweckt: "Sie ermöglicht Dinge klar darzustellen. Sie schraubt die Realität herunter“, sagt er. Das Stück hat Paulus Hochgatterer geschrieben (siehe Gespräch unten). Für die Inszenierung ist Jacqueline Kornmüller verantwortlich, die zuletzt bei "Die Reise“ dreißig Migrantengeschichten auf die Bühne gebracht hat. "Was wir dort angeschnitten haben, wird jetzt vertieft“, sagt sie. Am Donnerstag feiert im Wiener Theseustempel ihr Stück "Fly Ganymed“ Premiere. Es erzählt die Geschichte eines 9-jährigen Buben, der alleine auf der Flucht ist. Eine Geschichte, die für immer mehr Kinder und Jugendliche in Österreich Realität ist.

Seit zehn Jahren gab es nicht mehr so viele Kinderflüchtlinge wie jetzt. 1.224 Kinder und Jugendliche unter 18, die alleine nach Österreich geflüchtet sind, leben zurzeit in österreichischen Einrichtungen. Bis Ende Juli haben in diesem Jahr insgesamt 893 unbegleitete Minderjährige um Asyl angesucht. Um 60 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Großteil kommt, wie der Bub in Kornmüllers Stück, mit Schleppern nach Österreich. Viele sind monatelang unterwegs, bevor sie in Österreich aufgegriffen werden. Manche bringen die Schlepper direkt vors Flüchtlingslager Traiskirchen.

Dort beginnt das nächste Problem: Eigentlich sollten jugendliche Asylwerber innerhalb weniger Tage nach der Zulassung zum Asylverfahren in spezielle Jugend-Betreuungseinrichtungen in den Bundesländern übersiedeln. Die sind momentan aber alle voll. Die Jugendlichen müssen daher in Traiskirchen bleiben: 471 sind es zurzeit, ein trauriger Höchststand. Für die Übergangszeit sind sie auch gut versorgt, beschwichtigt eine Sprecherin des Innenministeriums: Es gebe rund um die Uhr Ansprechpartner, psychologische Betreuung, die Vermittlung von Sozialkompetenz, Konfliktprävention, Deutsch- und Integrationsmaßnahmen und die Vorbereitung auf eine selbstständige Lebensführung. "Das will ich gar nicht bestreiten“, sagt Heinz Fronek von der Asylkoordination, "aber in welchem Ausmaß? Es gibt keine Einrichtung, wo fast 500 Jugendliche auf einmal gut betreut werden können.“

Erhöhung der Grundversorgung um 2 Euro

Über die fehlenden Betreuungsplätze in den Bundesländern ist man freilich auch im Innenministerium nicht glücklich: "An einer partnerschaftlichen Lösung wird gearbeitet“, heißt es. "Mit den NGOs, die den Großteil aller Einrichtungen führen, hat aber noch niemand gesprochen“, kritisiert Fronek. Er sieht ein Hauptproblem in der Höhe der Tagsätze, die den Betreuungsstellen gezahlt wird. Die wurden, wie der Ministerrat letzte Woche beschlossen hat, zwar um 2 Euro pro Person und Tag erhöht. Das stehe allerdings in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Aufwand, meint Fronek. Je nach Betreuungsaufwand bekamen die Einrichtungen nämlich bisher 37, 60 oder 75 Euro am Tag pro Jugendlichen. Jetzt sind es 39, 62 oder 77 Euro. "Eine Anpassung war überfällig“, sagt Fronek, "aber sie müsste sich prozentuell am Grundwert ausrichten, um die Inflation auszugleichen.“

Fly Ganymed

WENN ES SOWEIT IST im Theseustempel,

13 Vorführungen ab 6. September, 19:00 Uhr

Alle Termine: www.wennessoweitist.com