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Einmal Europa - und retour ins Ungewisse

1945 1960 1980 2000 2020

Manche Flüchtlinge geben nach einer langen Zeit des Wartens auf einen positiven Asylbescheid in Österreich auf. Sie kehren in ihre alte Heimat zurück, ehe eine Abschiebung droht. Diese "freiwilligen Rückkehrer" haben im Vorjahr die Mehrheit der Rückkehrer ausgemacht.

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Manche Flüchtlinge geben nach einer langen Zeit des Wartens auf einen positiven Asylbescheid in Österreich auf. Sie kehren in ihre alte Heimat zurück, ehe eine Abschiebung droht. Diese "freiwilligen Rückkehrer" haben im Vorjahr die Mehrheit der Rückkehrer ausgemacht.

Am Gang fünf Kinderwägen. Hinter den Türen Stimmen. Von draußen Vogelgezwitscher. Das Haus Vindobona auf der Baumgartner Höhe ist eines der neun Flüchtlingsunterkünfte der Caritas Wien. Hier leben über 70 Frauen, Männer und Kinder, Flüchtlinge, die auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten. Auch Ahmed M. (Name der Redaktion bekannt) - er ist 40 Jahre alt und kommt aus Aleppo.

"Das Warten ist zermürbend", sagt er. Seit über einem Jahr hofft der Mann auf einen positiven Bescheid des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl (BFA). Ahmed M. zuckt mit den Schultern: "Allah weiß, wie lange das Asylverfahren bei mir noch dauern wird." Dann möchte er seine Frau und seine drei Kinder holen, mit ihnen in Österreich ein neues Leben beginnen. Der Syrer rechnet nicht mit einem negativen Ausgang des Verfahrens; auch nicht damit, dass er - im Rahmen der Dublin III-Verordnung -zwangsweise nach Kroatien abgeschoben wird. Sollte er aber doch nach Kroatien überstellt werden, will er dort um Asyl ansuchen.

Menschen sollen "freiwillig" gehen

Insgesamt 50.000 Menschen sollen bis 2019 "freiwillig" Österreich verlassen - wenn es nach den Wünschen des Innenministeriums geht. Im ersten Halbjahr 2016 gab es insgesamt 5163 sogenannte "Außerlandesbringungen", davon 3195 "freiwillige Ausreisen". Im Vorjahr erfolgten von den 8365 "Außerlandesbringungen" 5087 "freiwillig"."Absoluten Vorrang vor der Abschiebung hat die freiwillige Rückreise", betont Wolfgang Taucher, Direktor des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl (BFA).

Insgesamt wurden heuer bis September 34.657 Asylanträge gestellt; wovon 19.695 zum Verfahren zugelassen wurden. Derzeit liegt die Anerkennungsquote bei rund 90 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für Ahmed M., in Österreich Asyl zu bekommen, ist also ziemlich hoch.

Er hat auch viel investiert, um nach Österreich zu gelangen. "Die Wochen vor meiner Flucht waren die Hölle", erzählt er. Kein Strom und kein Wasser, Bombenangriffe bei Tag und bei Nacht. 2000 Euro, mehr als ein doppeltes Monatsgehalt, zahlte er seinen Fluchthelfern. Sie führten ihn in die Türkei; dann ging es auf einem kleinen Boot zu einer griechischen Insel. Zu Fuß schlug er sich nach Mazedonien und Serbien durch. Schließlich ergatterte Ahmed einen Platz im Zug über Budapest nach Wien.

Belohnung für die Rückkehrer

In einem früheren Bürohaus eines Energieversorgungsunternehmens hat die Rückkehrberatung der Caritas Wien ihren Sitz. Vor dem Eingangsbereich steht eine Schlange wartender Frauen und Männer. Die Mitarbeiter der Rückkehrberatung sprechen mehrere Sprachen und kennen die Sicherheitslage etwa in Afghanistan, Syrien oder Nigeria. Rückkehrberatungen wie jene der Caritas oder des Vereins für Menschenrechte informieren die Asylwerber, organisieren Reisedokumente und Flugtickets. Mindestens 50, maximal 370 Euro Starthilfe erhält jeder Rückkehrer, der Österreich "freiwillig" verlässt. Je eher man geht, umso höher ist der Betrag. Einen Rechtsanspruch darauf haben die Betroffenen allerdings nicht. Den Betrag erhalten sie direkt vor dem Abflug am Flughafen.

In ihrem Heimatland angekommen, nimmt sich das von den EU-Ländern finanzierte European Reintegration Network (ER-IN) der Heimkehrer an. Das Network soll vor allem Afghanen, Nigerianer und Marokkaner ansprechen. 500 Euro gibt es nach der Landung in bar; 3000 Euro in Form von Sachleistungen, um etwa ein Geschäft zu eröffnen, einen Business-Plan zu entwickeln oder sich weiterzubilden. Dieser Betrag liegt auf der einen Waagschale, auf der anderen liegen teure Schlepper, Strapazen und im schlimmsten Fall das eigene Leben.

Maximal eine Stunde dauert ein Beratungsgespräch bei der Caritas. Das Team um Christian Fackler berät jeden -egal ob er sich in einem Asylverfahren befindet, sich legal oder illegal in Österreich aufhält. "Wir zeigen den Klienten Möglichkeiten auf, wie sie ihr Leben in Österreich fortführen und an welche Organisationen sie sich um Unterstützung wenden können", so Fackler. Pro Monat entscheiden sich nach einem Erstgespräch über 60 Personen für eine Rückkehr. Für abgelehnte Asylwerber ist die Rückkehrberatung verpflichtend.

"Wir drängen unsere Klienten nicht, in ihr Heimatland zurückzugehen, auch schieben wir sie nicht ab", sagt Fackler. "Sie kommen oft in einer Notsituation zu uns, wissen weder ein noch aus, sind erschöpft." Sie sind des Wartens auf einen Asylbescheid müde, sehen hier keine Perspektive oder sind verzweifelt nach einem negativen Bescheid. Oft sind es auch Menschen, die in der Gesellschaft in Österreich keinen Halt gefunden haben, nur schlecht Deutsch sprechen.

Die Rückkehrhilfe der Caritas wird gegenwärtig in den Bundesländern Vorarlberg, Salzburg, Oberösterreich, der Steiermark sowie in Wien angeboten. Ab 2017 soll das Angebot auf die Bundesländer Tirol und Niederösterreich ausgeweitet werden.

Auch der Verein für Menschenrechte (VMÖ) berät Rückkehrwillige. Über 20.000 Menschen hat er seit 2003 bei der Rückkehr unterstützt. 2683 waren es heuer bereits. Die wichtigsten Zielländer sind der Irak, Afghanistan, Serbien und der Kosovo. "Allein 1000 Klienten beraten wir jeden Monat", erläutert Geschäftsführer Günter Ecker. Auf seine Rückkehrberater ist er sichtlich stolz. Sie kommen aus den Herkunftsländern der Klienten, sprechen ihre Sprache. "Sie müssen wissen, wie die Situation im Land aussieht", so Ecker, "und wie die Asylverfahren verlaufen, wie lange das Verfahren dauert". Seine Betreuer wecken auch keine falschen Erwartungen bei den Klienten, sprechen Fakten und Unangenehmes an, wägen ab. "Entscheidet sich ein Klient für die Rückkehr, kann es gar nicht schnell genug gehen." Ecker verfügt über eigene Mitarbeiter, die das rasch und professionell organisieren können. "Innerhalb eines Tages kann der Rückkehrer im Flieger sitzen."

Maria N. (Name der Redaktion bekannt) ist als Vertrauensperson bei Einvernahmen von Asylsuchenden dabei. Sie kennt die Fluchtgründe und Fluchtgeschichten. In Deutschkursen hat sie junge Afghanen erfolgreich motiviert, im Eiltempo die Sprache zu lernen, den Einstieg in Höhere Berufsbildende Schulen oder Abendgymnasien zu schaffen. "Kommt der negative Asylbescheid, waren alle Anstrengungen umsonst. Zerplatzt der Traum von der neuen Heimat, dann beginnt die Sehnsucht nach der Familie geradezu körperlich zu schmerzen. In dieser depressiven Phase erscheint freiwillige Rückkehr wie ein Rettungsanker", weiß die Flüchtlingsbetreuerin.

Rückkehr - aber wohin? Nicht wenige der Betroffenen sind Nachkommen afghanischer Hazara-Flüchtlinge, die im Iran um ihr Überleben kämpfen. Sie kennen Afghanistan nur aus Erzählungen. Ihre leicht mongolischen Gesichtszüge machen sie zum bevorzugten Ziel von Angriffen durch die Taliban.

Rückkehrpläne aufgegeben

Ahmed M. aber erinnert sich an ein gutes Leben in der alten Heimat, bevor die Kämpfe losgingen: an seine Arbeit, sein Haus und auch seine Familie. Der Bürgerkrieg zerstörte nicht nur sein bisheriges Leben, sondern auch seine beruflichen Perspektiven. Täglich "verbindet" ihn sein Handy mit seiner Familie und seiner Heimat: Seine Frau schickt ihm Bilder über Facebook. Oft erreicht er sie tagelang nicht - und ist im Unklaren darüber, ob seine Familie überhaupt noch lebt. Nervös steht er auf, geht im Zimmer auf und ab, blickt aus dem Fenster. Seine Augen schwimmen im Wasser. Nach jedem Gespräch mit seiner Frau ist er am Boden zerstört, möchte sie und seine Kinder sehen, sie umarmen. Laufen Kinder im Haus herum, denkt er sofort an seine eigenen. Zwar versucht er, sich abzulenken, lernt intensiv Deutsch. Es hilft ihm, seine Sehnsucht zu bekämpfen. Er sei einer der besten im Deutschkurs, erzählt Jirai Balmanian stolz, der die Bewohner des Hauses Vindobona betreut. "Jeder hier im Haus erzählt eine ähnliche Geschichte. Die Flüchtlinge sind traumatisiert von dem, was sie vor und während ihrer Flucht erleben mussten."

Auch Ahmed M. wollte eine Zeitlang zurück zu seiner Familie, und suchte die Rückkehrberatung der Caritas auf. Balmanian konnte ihn davon überzeugen, keinen Antrag auf Rückkehrhilfe zu stellen. Inzwischen kommt eine freiwillige Rückkehr für ihn nicht mehr infrage. Der syrische Kriegsflüchtling hofft auf einen positiven Ausgang seines Verfahrens. "Ich bete dafür. Mehrmals am Tag."

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