Christine Hieslmayr - © Foto: Helmberger-Fleckl

"Ich muss kein guter Mensch sein"

1945 1960 1980 2000 2020

Die Dominikanerin Teresa Hieslmayr arbeitet mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Was sie antreibt, warum zu Narzissmus neigende Idealisten oft keinen langen Atem haben – und warum sie „Gutmenschen“-Polemik dennoch für einen „Frevel“ hält.

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Die Dominikanerin Teresa Hieslmayr arbeitet mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Was sie antreibt, warum zu Narzissmus neigende Idealisten oft keinen langen Atem haben – und warum sie „Gutmenschen“-Polemik dennoch für einen „Frevel“ hält.

Heute ist Hassans* letzter Tag. Nur noch die letzten Sachen zusammenpacken, nur noch schnell den Müll entsorgen, dann wird seine Zeit hier, in der Caritas-Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wien-Simmering, endgültig vorüber sein. Der Kurde ist aufgeregt, aber guter Dinge, alle halbe Stunde kommt er ins Büro, um mit Schwester Teresa die letzten Dinge zu klären. "Hast du ein Sackerl für den Restmüll?", fragt er die zierliche Frau, die er fast um einen Kopf überragt. "Weißt eh, ein ganz kleines, ungefähr 40 Zentimeter?" "Ja sicher", antwortet sie amüsiert, "wir können es gern abmessen!"

Es ist ein schöner, aber auch ein wehmütiger Tag für die 42-Jährige: "Hassan war so eine integrative Person und bei jedem Blödsinn dabei", wird sie später erzählen. Es sei nicht immer leicht, wenn zwölf Syrer, Afghanen und Somalis zwischen 15 und 18 Jahren in einer Wohnung zusammenleben würden. "Aber wenn Hassan einen Schmäh gemacht hat, haben sich wieder alle gut verstanden." Fast zwei Jahre lang hat sie den Burschen, der sich durch seine Flucht vor der Einberufung in die Armee retten konnte, begleitet. Sie hat ihn bei Behördengängen unterstützt, ist zum Elternsprechtag seiner Schule marschiert und hat sich mit ihm gefreut, als nicht nur sein Antrag auf Asyl, sondern auch jener auf Familiennachzug positiv beschieden wurde. Nun muss er die WG verlassen -wie jeder Flüchtling, der volljährig wird. Während andere Burschen oft noch keine neue Bleibe haben, kann Hassan zu seinen Eltern ziehen. Ein letztes Mal kommt er ins Büro, um den Schlüssel abzugeben und die dicke Dokumentenmappe abzuholen. "Pass gut darauf auf, diese Mappe ist urwichtig", erklärt ihm Schwester Teresa halb lachend, halb belehrend. "Aber du machst es sicher gut!"

"Da ist kein Urvertrauen"

Allein vier der zwölf Burschen, die sie zuletzt begleitet hat, werden heuer 18 Jahre alt und müssen deshalb die Wohngemeinschaft verlassen. So lautet die Vorschrift der zuständigen Magistratsabteilung elf. Nicht jeder hatte so viel Glück wie Hassan, für manche findet sich bis zuletzt keine Bleibe. Doch alle vier haben sich in den Jahren hier persönlich gut entwickelt. "Es ist schön zu sehen, dass da vier gestandene Männer hinausspazieren", erzählt die Ordensfrau. Um die beiden 17-jährigen Youngsters der WG macht sie sich hingegen große Sorgen. Einer hat einen negativen Asylbescheid und wartet auf sein zweites Interview, der andere ist nur subsidiär schutzberechtigt. Beide können oft nächtelang nicht schlafen, sind häufig krank und blicken voll Pessimismus in die Zukunft. Es sei eben ein Unterscheid, erklärt Schwester Teresa, ob Menschen in einer intakten Familie in einem relativ stabilen Umfeld groß geworden seien -oder als Halbwaisen in einem von Krieg und Korruption zerrütteten Land. "So etwas wie Urvertrauen hat man da nicht -dass man etwa glaubt, dass das Leben auch einmal gut werden kann."

Undercover-Aktion als Russin

Dass einmal alles gut wird -dieses Gefühl hatte auch sie selber lange nicht. Heute allerdings schon, wenn auch immer wieder anders, wie sie sagt. Doch die Ordensfrau ist nicht naiv, sie kennt ihre Pappenheimer, sie weiß, dass Menschen nicht besser sind, nur weil sie dringend Hilfe brauchen. Schon während ihres Theologie- und Germanistikstudiums in Wien hat sich die gebürtige Oberösterreicherin in der Flüchtlingsarbeit engagiert und Deutschkurse angeboten. Einmal hat sie einen Monat lang undercover als vermeintliche Russin in einem Flüchtlingshaus mitgelebt. "Da habe ich schon ganz viel mitbekommen von der Szene", erzählt sie, "und ich habe vor allem eines gelernt: Dass Flüchtlinge sich von uns nur darin unterscheiden, dass sie fliehen mussten. Ansonsten sind sie genauso gut und schlecht und dumm und gescheit wie wir - und um keinen Deut anders."

Gerade am Höhepunkt der Fluchtbewegungen, im Sommer und Herbst 2015, seien freilich die Ankommenden häufig idealisiert worden. Entsprechend groß war schon damals ihre Sorge, dass das Engagement der vielen Freiwilligen auf den Bahnhöfen nicht nachhaltig sein würde. Nach den Ereignissen zu Silvester in Köln und auf Grund eigener Erfahrungen waren tatsächlich ein halbes Jahr später viele Engagierte enttäuscht und frustriert. Besonders gefährdet seien hier "zu Narzissmus neigende Idealisten, weil ihr Ego dadurch angegriffen wird, wenn etwas nicht funktioniert", erklärt Hieslmayr, die auch eine Ausbildung zur Psychotherapeutin durchläuft. "Und es funktioniert oft etwas nicht. Du investierst viel und dann denkst du dir: Was kommt jetzt heraus?"

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