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Liebesgrüße aus Indien

1945 1960 1980 2000 2020

„Fangen Sie an. Sie können Kalkutta überall finden.“ Zu ihrem Lebensinhalt - tätige Nächstenliebe - ermuntert Mutter Teresa alle Christen. Ihre Kraftquelle ist das Gebet.

1945 1960 1980 2000 2020

„Fangen Sie an. Sie können Kalkutta überall finden.“ Zu ihrem Lebensinhalt - tätige Nächstenliebe - ermuntert Mutter Teresa alle Christen. Ihre Kraftquelle ist das Gebet.

„Schreiben Sie von den Dingen, die die zärtliche und innige Liebe Gottes sichtbar machen. Schreiben Sie über etwas, das die Herzen der Menschen erreicht, das sie zur Kraft der Liebe ermutigt.“ Mutter Teresa lächelt in ihrer unvergleichlichen Art — für sie ist besonders das Lächeln ein wichtiges Zeugnis des Christseins —, als sie mit diesem Satz die Antwort auf meine Frage beendet. Ich wollte von ihr wissen, wie es möglich sei, ihr beeindruckendes Werk allein auf das Vertrauen der göttlichen Vorsehung zu gründen.

Ihre, wie sie es nennt, „unorganisierteste Organisation der Welt“ umfaßt die Kongregation der Missionarinnen und Missionare der Nächstenliebe mit 3500 Schwestern und 350 Brüdern, mit ihren mehr als 400 Häusern in ungefähr 70 Ländern über alle Kontinente verteilt. Für weitere 200 Häuser gibt es bischöfliche Gesuche für Niederlassungen.

Mutter Teresa betont immer wieder, daß sie keine Geldsammlungen will und sich keine Vorräte hält. Die Schwestern erbetteln nur das für den jeweiligen Tag dringend Erforderliche. Ihre Stimme ist wunderbar zu hören, ie Worte, die sie wählt, sind sehr einfach und daher sehr einprägsam. „Wenn Sie in die Natur schauen, dann sehen Sie Millionen von Vögeln, wunderschöne Blumen, Pflanzen und Bäume. Und wie Gott sich um das alles bekümmert. Es gibt eine Zeit für den Regen und eine Zeit für die Sonne ...“ Hätte diese Worte eine weltfremde Schwärmerin in die Welt harter Tatsachen gesprochen, wäre die Reaktion vielleicht ein mitleidiges Lächeln gewesen.

„Wir legen ein Gelübde ab, daß wir mit ganzem Herzen den Armen dienen wollen. Wir nehmen keine Unterstützung der Regierungen, keine kirchliche Hilfe an. Und doch mußten wir noch niemals jemanden zurückweisen, weil nicht genügend materielle Hilfe zur Verfügung gestanden wäre. Täglich kümmern wir uns um 9.000 Menschen, niemals mußten wir zu einem sagen, heute können wir dir nichts geben.“

Um ihre Hand ist ein Rosenkranz gewickelt, ein sichtbares Zeichen, daß ihre Art von Nächstenliebe, für die es nichts, aber auch wirklich nichts Abstoßendes gibt, ohne die Kraft des Gebetes nicht zu verstehen ist. Was auch immer Mutter Teresa gerade tut, sie lebt in ununterbrochener Gebetshaltung. „Ich werde Ihnen ein wunderbares Beispiel geben. Schreiben Sie darüber, damit Sie

„Die große Armut der reichen Länder: die vielen ungeliebten Menschen“ in den Menschen das Vertrauen in Gottes Liebe stärken. Kürzlich kam ein Mann zu uns in Kalkutta und sagte: .Meine kleine Tochter, mein einziges Kind, stirbt, wenn ich ihr nicht die Medizin geben kann, die der Doktor verschrieben hat. Aber in Indien findet man sie nicht.*

Als wir noch überlegten, was zu tun sei, kam ein Mann mit einem Korb ins Zimmer. Es gibt Menschen, die für uns in Kalkutta von Haus zu Haus gehen und Arzneien einsammeln, die nicht mehr gebraucht werden. Dieser Korb war zum Bersten mit Medikamenten gefüllt. Und stellen Sie sich vor, ganz obenauf lag gerade diese, so dringend benötigte Medizin.

Wäre der Mann nicht gerade zu diesem Zeitpunkt gekommen und wäre die Medizin irgendwo im Korb versteckt gelegen, dann hätte ich den Zusammenhang nicht wahrnehmen können. Und so stand ich vor dem Korb und dachte, Millionen und Millionen von Kindern gibt es auf der Welt, und das ist Gottes innige Sorge für dieses kleine Kind. Unser mächtiger Gott kümmert sich um dieses kleine Wesen in den Slums von Kalkutta. So etwas ereignet sich jeden Tag. Jemand bringt uns genau das, was wir brauchen. Deshalb sorge ich nicht vor. Allen, die uns helfen wollen, sage ich, geben Sie von Ihrem Herzen, bis es schmerzt, teilen Sie die Freude der Liebe mit uns.“

Diese Liebe praktiziert sie für die Ärmsten der Armen, für die Obdachlosen, die auf der Straße sterben, die Leprakranken, die Opfer von Aids, für alle Schwachen, die schutzlos an Elend und Leid ausgeliefert sind. In den vielen Hungernden sieht sie nicht eine Masse, sondern nur den einzelnen Leidenden, der der Hilfe bedarf. Kritikern, die meinen, daß sie zu wenig für die Veränderung ungerechter Strukturen in der Gesellschaft täte, entgegnet sie, daß die Menschen, bis sich solche grundlegenden Veränderungen durchgesetzt haben, ernährt, versorgt und bekleidet werden müssen, um überleben zu können.

Viele sind der Ansicht, daß sie mit ihrer Liebe zu den Armen und ihrer Lebensweise, die sich bedingungslos mit ihnen identifiziert, heute Franziskus wohl am nächsten steht. Auf diesem Hintergrund muß man Mutter Teresas Einsatz gegen die Abtreibung sehen. Für diese fast zerbrechlich wirkende kleine Frau im weißblauen Sari ist jedes Kind eine Gabe Gottes an die Welt, und auch das kleine Kind auf der Straße trägt sein Ebenbild. Sie hat alle Kliniken wissen lassen: „Zerstören sie keine Kinder, wir kümmern uns um die Kinder.“

Jeden Tag schickt sie zwei Frauen in Zentren, in denen Abtreibungen gemacht werden. Eines Tages wurden auf diese Weise acht noch lebende Kinder in der

Mülltonne gefunden. Drei von ihnen starben am nächsten Tag, die anderen fanden Adoptiveltern. „Wir haben Tausende von Kindern dadurch gerettet. Diese Kinder bringen Paaren große Freude, die keine Kinder haben können. Wir bekämpfen Abtreibung durch Adoption.“

Für Mutter Teresa beginnt der Friede, nach dem sich die ganze Welt sehnt, in der Familie, entwächst aus der Liebe, die jedes Kind empfangen hat. Und sie meint, wenn eine Mutter es fertig brächte, ihr eigenes Kind zu töten, weil sie Angst davor habe, es zu lieben, würden auch andere nicht davon ablassen, zu töten. Der Ruf, ungeborene Kinder zu lieben, bezieht sich auch besonders auf behinderte Kinder.

In den Häusern der Missionare der Nächstenliebe ist neben jedem Kruzifix die Inschrift angebracht: „Mich dürstet.. .“—Worte Christi am Kreuz. Mutter Teresa versteht diese Worte nicht so sehr als einen Durst nach Wasser als einen Durst nach tätiger Liebe, und sie sieht ihr Leben unter dem Auftrag, den unendlichen Durst Christi zu stillen. Angesichts einer so großen Liebesfähigkeit stellt sich sofort die bange Frage ein, was vermag schon ich, gerade ich zu erreichen. Eine Frage, die sie bestimmt täglich hört.

Sehr bestimmt erwidert sie: „Fangen Sie an. Sie können Kalkutta überall finden. Wenn Sie helfen wollen, sehen Sie, was Sie tun können, und tun Sie es. Wir müssen uns darüber im klaren sein, wieviel ein einziger bewirken kann. Als ich mich entschloß, ein Heim für Sterbende einzurichten, ging ich auf die Straße, hob einen Menschen auf und kümmerte mich um ihn. Seither sind es mehr als 53.000 gewesen. Beginnen Sie, und Ihr Beispiel wird jemanden anderen anstecken, und so wird es weiter gehen.

Als meine Schwestern und ich in den Westen kamen, um hier Häuser einzurichten, fanden wir eine Armut, die viel tiefer war als in Indien. Die große Armut der reichen Länder findet man in den ungeliebten, ausgestoßenen Menschen. Es macht keinen großen Unterschied, ob die Menschen nach einem Stück Brot oder nach Liebe hungern. Es kommt nicht darauf an, wieviel wir tun, aber mit wieviel Liebe wir es tun. yor Gott gibt es nichts Kleines. Wenn wir es ihm schenken, wird es unendlich groß.“

Da das Werk der Missionare der Nächstenliebe in Indien, mit seinen 82 Prozent Hindus und nur ungefähr 2,6 Prozent Christen, seinen Anfang nahm, möchte ich etwas über dessen ökumenischen und dialogischen Aspekt wissen. Mutter Teresa meint dazu: „Die Tür ist für jeden geöffnet. Wir teilen unsere Arbeit mit Menschen verschiedensten Glaubens und unterschiedlicher Hautfarbe oder Kaste. Als ich in Rußland war (sie hofft, bald ein Haus für Strahlengeschädigte in Tschernobyl zu eröffnen) und mich ein kommunistischer Führer fragte: ,Was bedeutet für Sie ein Kommunist?', antwortete ich: ,Er ist ein Kind Gottes, mein Bruder, meine Schwester.4

Als ich in Kuba ein Haus eröffnete, wollte Fidel Castro wissen, warum wir nach Kuba kommen, und ich antwortete ihm: ,Ich schicke meine Schwestern, daß sie den Armen innige Liebe und Fürsorge bringen - Liebesgrüße aus Indien.'“

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