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West-östlicher Abituriententag

Eine hübsch lange Zeit. Sie hat auch alle recht deutlich gezeichnet. Graue Haare, einige Übergewichtskilogramme, hier wieder fehlen Zähne, dort, wie man erfährt, eine Niere. Aber im ganzen genommen: noch ganz passable fesche Damen, die Abiturientinnen einer tschechoslowakischen Lehrerinnenbildungsanstalt, Matura Jahrgang 1940.

Die Schicksale sind auch ähnlich. Krieg, Angst, Not, dann 1945: Befreiung. Dann 1948: kommunistischer Umsturz. Durchkaderungen, Verfolgungen, Anzeigen. Das Regime ist nicht gut, ärger aber sind die bösen latenten Elemente in den menschlichen Seelen, für die jetzt die Stunde geschlagen hat. Neid, Schadenfreude, Bachsucht feiern Triumphe. Aber schließlich kühlen die heißen Gemüter wieder ab.

Jetzt geht es den Kolleginnen insgesamt nicht schlecht. Die meisten sind ihrem Beruf treu geblieben. Manche haben Autos. Agnes, die tapfere Frau, hat sogar einige Ar Weinberg gekauft. Mit wenigen Ausnahmen studieren die Töchter und Söhne; die meisten schon an den Hochschulen. Es sind auch einige Direktorinnen unter uns. Freilich, mit den roten Parteibüchlein, die gewiß viele in ihren Handtaschen haben, prahlt keine in dieser Gesellschaft, aber wer werfe den ersten Stein?

Doch diese Geschichten sind halb so interessant wie jene, die zwei anwesende ehemalige Professorinnen erzählen, die Ehrwürdigen Schwestern Gerarde und Patricia, beide Doktorinnen, die eine Naturwissenschaftlerin, die andere Philologin.

„Ja, wir wurden aus unserem Mutterhaus ausgetrieben; es ist sehr plötzlich gekommen. Wir mußten schnell packen, vieles ist dortgeblieben. Wir wurden in Bohosudov konzentriert, es war ein riesiges Gebäude, wir waren dort aus mehreren Orden beisammen. Wir arbeiteten in Fabriken, meistens der Textil- und Strickwarenbranche. Es war nicht schlecht, die meisten Leute haben uns gern gehabt. Wo unsere Schwestern auftauchten, wurde das Plansoll erfüllt und überschritten. Auch anders hat sich unsere Tätigkeit gut ausgewirkt. Mehrere Kindertaufen und kirchliche Trauungen wurden vollzogen. Dann, nach einigen Jahren, kamen wir in unser jetziges Heim, Schloß B. Wir erzeugen Hostien für die ganze Republik. Ich bin die Chefin. Schwester Patricia arbeitet in der Produktion. Es ist eine schöne Arbeit, und wir sind glücklich dabei. Manche haben es schlechter als wir. Schwester Benediktine? Ja, die Arme, sie mußte viel waschen, die Gänge und Räume bei uns sind so kalt, sie hart sich ein Augenleiden geholt, sie ist schon tot, nein, sie war noch^nicht 50. Was wir verdienen? Drei Kronen fünfzig pro Stunde. Oja, es reicht, wir kommen schon aus.“

Nun, jetzt ist das einzige männliche Mitglied unserer Gesellschaft an der Reihe. Gesundes, bräunliches Gesicht, fröhliche Augen, stets ein leichtes Lächeln um die Lippen, im dunklen Anzug und schwarzen Hemd — wer ahnt in diesem einfachen Herrn einen vierfachen Doktor der Theologie, Philosophie usw., einen Schriftsteller vieler philosophischer Werke, einen Redakteur mehrerer religiöser Editionen?

„Ja, Mädchen“, erzählt er, und von seinem Gesicht verschwindet nie ein liebes Lächeln, „zehn Jahre war ich im Kittchen, zu 19 wurde ich verurteilt, wegen guten Betragens wurde ich jedoch vorzeitig auf Bewährung entlassen. Es ist mir nicht schlecht gegangen, nur kurze Zeit war ich unter Kriminellen, sonst waren wir die ganze Zeit Klerus und katholische Intelligenz unter uns. Wir haben debattiert, wir haben gewisse Interessezirkel gebildet, na ein guter Geistlicher kann sich auch im Kittchen nützlich machen. Ich habe verschiedene Arbeiten gelernt, aber als meinen größten Erfolg sehe ich die Korbflechterei an. Das habe ich ganz ausgezeichnet gemacht, stellt euch vor, ich habe sogar andere Häftlinge geschult! Was für Körbe? Alle möglichen — aus Weide, Schilf, Rohr, Peddig — ich bin ein ganz ausgezeichneter Fachmann für Korbflechterei“, sagt er stolz. Theologen und Agnes, der tapferen Frau, eine fachmännische Debatte über Weinhauerei. Da komme ich nicht mit. Patricia, die Philologin, scheint dieses Thema auch nicht zu interessieren. Sie wendet sich mit einer Frage an mich:

„Sag einmal, Anni, haben die Leute bei euch — ich meine hauptsächlich Priester und Klostervolk — überhaupt eine Ahnung, wie wir hier leben? Interessiert es sie überhaupt?“

Ich rette meine Verlegenheit in die Worte: „Sie können sich euer Leben überhaupt nicht vorstellen.“ Im stillen aber erinnere ich mich, wie ich mehrere Male probierte, mit einem bekannten Priester über dieses Thema zu sprechen. Es war ein kühler Novemberabend, als auf einmal in unsere Tür P. Wenzel eintrat, wie ein Bär, von Kopf bis Fuß in Pelz verhüllt. Den ganzen Winter ist er in seine Filialschulen und Kirchen auf dem Motorrad gefahren, in der Gegend, die „mährisches Sibirien“ genannt wird. So hat er sich wenigstens ein passendes Gewand dazu besorgt. „Grüß Gott,“ sagte er fröhlich, Wangen wie Rosen, „bin unterwegs, habe zu Ihnen nur einen Sprung gemacht.“ „Wohin denn jetzt, in der Nacht, bei der Kälte?“ fragte ich, während ich Tee zustellte. „Ich habe noch gute 200 Kilometer vor mir, Sie wissen, ich konnte keinen Erzeuger von Holzschindeln auftreiben, für meinen Turm brauche ich aber unbedingt Holzschindeln. Endlich habe ich welche entdeckt, aber es ist weit, fast an der slowakischen Grenze. Ich will heute noch hinfahren.“— Etwa nach zwei Jahren habe ich ihn in seiner Pfarre besucht. Voll Stolz zeigt er mir den renovierten Turm—einen barocken Zwiebelfturm: „Den habe ich allein gedeckt, jetzt werde ich ihn noch anstreichen, Farbe habe ich schon. Muß mir wieder von dem Dachdecker Riemen borgen, anbinden muß ich mich doch. Kommen Sie in die Kirche hinein! Sehen Sie, habe ich es nicht schön ausgemalt, das Gitter? Das Marmorieren habe ich auch gelernt. Beim Gerüst haben mir die Männer geholfen. Einige Male spielte ich mit ihnen Fußball — zwei Tore habe ich geschossen, dann ging ich einmal ins Gasthaus und sagte: Männer, ich brauche eine Brigade. Kommt mir helfen, das Gerüst aufzubauen. Alle sind mitgegangen, der eine sagte nachher, seit seiner Trauung war es das erste Mal, daß er wieder die Kirche betrat.“

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