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Flucht vor dem System: „Ist das ein Verbrechen?“

Rund 600 Millionen Schilling sind vorerst die Kosten, die durch den Strom polnischer Flüchtlinge nach Österreich entstanden sind: und zwar für 21.794 Asylwerber (Stand laut Innenminister Erwin Lane am 4. Dezember). Die Dunkelziffer der Polen, die derzeit als Touristen in Österreich unterwegs sind, wird auf weitere 20.000 geschätzt.

Grund genug für Boulevardblätter und manche Politiker, Emotionen zu schaffen: Die einen stimulieren die Volksmeinung, die anderen wünschen sich Kohlen statt Polen. Dazwischen liegen Schicksale.

Das Flüchtlingslager in Traiskirchen (Nö) platzt mit 2000 Menschen aus allen Nähten. Die geräumte Kaserne Götzendorf (Nö), die weitere 2000 beherbergt, ist bereits ebenso überfüllt. Die vielen anderen sind in rund 500 Gasthöfen und Privatunterkünften einquartiert.

In der Steiermark lebt vorerst der 35jährige Schiffskapitän Henryk K., der mit Frau und zwei Kindern gekommen ist: Als er auf seinem Frachter ebenfalls einen Ableger der Gewerkschaftsbewegung „Solidarität“ gründete, ahnte er noch nicht, daß er später am Land deshalb kontrolliert werden sollte, daß man ihm die Namen

seiner engsten Verwandten abverlangte. Das nahm er als Zeichen:

In einem alten Skoda schlug er sich bis nach Österreich durch.

Den Eltern der Gattin wurde die Ausreise verweigert. Ein Schicksal, das in diesen Wochen nicht nur seine Familie zerriß.

Wöchentlich trafen zuletzt zwischen 700 und 1000 Polen in Österreich ein. Einer davon ist Emil J., der in Krakau als Ingenieur arbeitete. Er hat resigniert. „Wir wissen alle“, sagt er, „daß die .Solidarität vieles leistet, vielleicht sogar Änderungen herbeiführen wird. Aber ich, meine Frau, wir

können nicht mehr. Wir können nicht mehr eine lange Nacht warten, Schlange stehen und hoffen, das Lebensnotwendigste zu bekommen. Meine Frau mußte die ganze Nacht irgendwo angestellt sein, um etwas zu bekommen, während ich in einer anderen Schlange wartete. Wie soll man da arbeiten?“

Ob ihn die vollen Weihnachtsauslagen in Österreich mehr befriedigen? „Hier gibt es so vieles, aber unsere Ersparnisse sind gering.“ Aber bescheidene Wünsche könne man sich erfüllen.

Bescheiden, aber ausreichend werden die Flüchtlinge auch versorgt. Fleisch essen sie nur wenig, beinahe zaghaft und zurückhaltend. Einer sagt: „Hier gibt es viel gutes Fleisch, aber wir sind Fleisch nicht mehr gewohnt.“

Manche Flüchtlinge sprechen

englisch, einige sogar sehr gut deutsch. Viele haben eine solide Berufsausbildung hinter sich. Julius Ranharter, Pressechef im Innenministerium: „Die meisten sind Fachkräfte im besten Alter, zwischen 20 und 30 Jahren.“

Sie kamen und kommen, besonders glücklich, wenn sie jetzt noch ihre Visa erhalten haben.

Und immer mehr Touristen suchen um Asyl an, melden sich im Flüchtlingslager Traiskirchen: auch hier Warteschlangen.

Die Lage ist angespannt, noch aber ist der Ansturm zu bewältigen. „Von einem Notstand kann man noch nicht sprechen“, sagt Lagerleiter Karl Radek, weist jedoch auch auf die Grenzen hin: „Wenn mehr kommen, bis 500 täglich, dann können wir das nicht mehr bewältigen.“ Jetzt kommen bis zu 350 am Tag.

Ranharter rechnet damit, daß bis Jahresende noch 6000 Polen nach Kanada Weiterreisen dürfen, wo für sie dann eine neue Zukunft beginnen könnte.

Zwischenzeitlich wird pro Tag für jeden gemeldeten Flüchtling ein Betrag von rund 160 Schilling aufgewendet, Steuergeld wohl, das aber im Lande bleibt: Damit werden nämlich die Ubernach- tungs- und Verpflegungskosten bestritten. Und das bekommen die Quartiergeber.

Doch solchen Gästen begegnet man im Fremdenverkehrsland Österreich mit zunehmender Ausländerfeindlichkeit.

Die polnischen Flüchtlinge spüren das. Ein 56jähriger Mann aus Warschau, der 1956 zufällig auch noch in Ungarn war, versteht die Welt - die westliche — nicht mehr: weil es ihr scheinbar nur noch um Definitionen geht, wer als Flüchtling gelten darf.

„Ja“, bricht es aus ihm heraus, ,ja, wir flüchten, weil die Regierung unfähig ist, weil man sich nach dreißig Jahren harter Arbeit noch immer nichts leisten kann. Deshalb flüchten wir. Ist das ein Verbrechen? Nimmt man uns erst dann gerne auf, wenn in Polen noch mehr passiert?“

Es ist passiert.

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