"Kein Flüchtling ist nur EINE NUMMER X"

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Mehr Angebote für traumatisierte Flüchtlinge wären nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Aufnahmegesellschaft dienlich, so Psychotherapeutin Barbara Preitler.

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Mehr Angebote für traumatisierte Flüchtlinge wären nicht nur den Betroffenen, sondern auch der Aufnahmegesellschaft dienlich, so Psychotherapeutin Barbara Preitler.

Die Psychotherapeutin Barbara Preitler macht viele Schulungen zum Umgang mit Flüchtlingen - für Gemeinden und Pfarren, Pädagoginnen und Sozialarbeiterinnen sowie ehrenamtlich Engagierte. In ihrem neuen Buch "An ihrer Seite sein" hat sie die Basics für den Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen kompakt zusammengetragen.

DIE FURCHE: Was genau bedeutet eine posttraumatische Belastungsstörung bei Flüchtlingen?

Barbara Preitler: Gute Frage. Stellen Sie sich vor, im AKH gibt es nur eine Diagnose, egal ob Sie mit Gehirnerschütterung oder Beinbruch kommen. Die posttraumatische Belastungsstörung meint alles. Jede Flüchtlingsgeschichte ist ja individuell sehr verschieden.

DIE FURCHE: In Deutschland leiden laut Experten mindestens die Hälfte der Kriegs-, Vertreibungs- und Folteropfer an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Gibt es Zahlen für Österreich?

Preitler: Ich halte solche Zahlen für absurd. Trauma heißt Verletzung und verletzt sind alle Flüchtlinge. Manche Verletzungen heilen von selbst, andere können mit Hausmitteln geheilt werden, andere brauchen medizinische Versorgung. So ist es auch im psychologischen Bereich.

DIE FURCHE: Ganz viele Fälle werden wohl gar nicht diagnostiziert?

Preitler: Viele Flüchtlinge drücken ihr psychisches Leid über körperliche Schmerzen aus. Umso weniger Bildung und verbale Ausdrucksmöglichkeiten, umso stärker somatisieren sich Beschwerden. Wenn es dann von den Ärzten heißt, da wäre kein Problem feststellbar, ist das schlimm. Schmerz ist natürlich immer real. Ich würde nie einem Patienten sagen: "Sie bilden sich das ein." Ich würde sagen: "Physisch ist Gott sei Dank alles in Ordnung, das bedeutet, dass hier ein Problem auf einer anderen Ebene vorliegt."

DIE FURCHE: Wie schwer ist es, einen Therapieplatz bei Hemayat (Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende) zu erhalten?

Preitler: Wir haben derzeit leider 400 Menschen auf der Warteliste, das bedeutet bis zu einem Jahr Wartezeit. Die Krankenkassen bezahlen pro Therapiestunde nur 21,80 dazu, das ist sehr wenig. Und diesen Betrag gibt es nur für versicherte Flüchtlinge, nicht für jene, die in der Grundversorgung in irgendwelche Bergdörfer verteilt werden, wo sie es oft nicht aushalten und wieder zurück nach Wien kommen. Sie fallen dann aus der Grundversorgung und das betrifft uns als Wiener Verein am meisten.

DIE FURCHE: Laut EU-Richtlinie hätten besonders schutzbedürftige Asylsuchende einen Anspruch auf psychosoziale Versorgung. Wo kein Kläger, dort kein Richter?

Preitler: Ja, leider. Als Menschenrechtsstadt Wien gibt es hier noch große Aufgaben zu bewältigen. Ich habe zwar den Eindruck, dass man sich sehr bemüht, diese Bemühungen sind aber ausbaufähig.

DIE FURCHE: Wie können sich lange Asylverfahren auswirken?

Preitler: Die Grund-Unsicherheit schwerer Traumata wird reaktiviert, dieses Gefühl, dass die Welt feindselig bleibt. Syrische Flüchtlinge erhalten zwar oft rasch Asyl, aber haben dann Probleme mit der Familienzusammenführung, was sehr belastend ist. Oft herrscht das Gefühl, im Asylverfahren verglichen mit anderen Asylwerbern ungerecht behandelt zu werden. Alle Flüchtlinge fürchten sich vor Interviews der Asylbehörde oder vor politischen Änderungen wie neuen Rückschiebe-Abkommen der EU mit den Herkunftsstaaten.

DIE FURCHE: Wie sollten Aufnahmebedingungen im Idealfall sein?

Preitler: Menschen, die erlebt haben, nur mehr eine Nummer X zu sein, die auf ein untaugliches Schlepperboot verfrachtet wurden oder sich an der Grenze von einem Land zum anderen in der Warteschleife einreihen mussten, die sich nicht mehr als Individuum wahrgenommen fühlen, brauchen heilsame Begegnungen. Viele Helfer haben den Eindruck, bei dieser Wucht des Leides nichts tun zu können, dabei helfen oft schon kleine Begegnungen, die Interesse und Wohlwollen zeigen. Das kann das psychische Überleben bedeuten.

DIE FURCHE: Stabile Beziehungen sind wohl noch wirksamer?

Preitler: Natürlich. Da machen etwa Patenprojekte viel Sinn. Wenn sich jemand eines Flüchtlings annimmt, kann das ein Stück familiäre Zugehörigkeit vermitteln, gerade bei den unbegleiteten Minderjährigen. Kinder und Jugendliche sind ja noch viel verletzlicher.

DIE FURCHE: Was bedeutet es für die Aufnahmegesellschaft, mit einer großen Anzahl traumatisierter Flüchtlinge konfrontiert zu sein?

Preitler: Diese undifferenzierte Schwarz-Weiß-Wahrnehmung von Flüchtlingen macht mir große Sorgen. Unter Flüchtlingen sind natürlich wie unter allen Menschen gute und weniger gute. Wenn man die Menschen sich selbst überlässt und sich nicht kümmert um ihre Verletzungen, muss man mit negativen Konsequenzen rechnen. Es gibt aber auch positive Schritte, etwa dass jetzt konsequent Deutschkurse angeboten werden.

DIE FURCHE: Wie sollte man damit umgehen, wenn es zu Gewalt seitens von Flüchtlingen kommt?

Preitler: Man muss die Kirche im Dorf lassen. Ein Einzeltäter ist ein Einzeltäter. Durch die Hysterie nach der Attacke von München hat man vermittelt: "Mit eurem Selbstmord könnt Ihr ganz Europa in Angst und Schrecken versetzen. Wenn ihr die ganz große Aufmerksamkeit wollt, dann schreit vor der Tat noch 'Allahu akbar!'" Was auch nicht passieren sollte, sind Sippenhaftungen, wie es in Niederösterreich der Fall war, wo ein jugendlicher Flüchtling im Schwimmbad übergriffig wurde und alle Hausverbot erhalten haben. So etwas machen wir mit heimischen Jugendlichen auch nicht.

DIE FURCHE: Wie können wir also konstruktiv damit umgehen?

Preitler: Ganz wichtig ist es, den Leuten Perspektiven und Sicherheit zu geben. Trauma bedeutet Chaos und braucht viel Struktur. Arbeit gibt Struktur im Leben, im Tagesablauf, eine Vorstellung von der Zukunft, und natürlich gibt sie auch Identität. Die Idee der Wertekurse finde ich gar nicht schlecht, die Umsetzung ist noch verbesserungsbedürftig, und vor allem sollten wir diese Kurse auch Einheimischen anbieten. Vielen würde es nicht schaden, an bestimmte Werte erinnert zu werden oder davon erstmals zu hören. Wir sehen ja auch Radikalisierungen in die ausländerfeindliche Richtung.

DIE FURCHE: Bei Vorerfahrungen von Gewalt steht die Befürchtung im Raum, dass Betroffene von Opfern zu Tätern werden.

Preitler: Das kann passieren. Alles, was zu einer besseren psychischen Gesundheit der Flüchtlinge führt, ist auch im Sinne der Aufnahmegesellschaft. Flüchtlinge wurden im Zuge des Krieges bestohlen, körperlich verletzt, vergewaltigt, es wurden ihre Liebsten ermordet. Wenn jemandem in einer funktionierenden Gesellschaft so etwas passiert, werden Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte tätig, es gibt Kompensation und soziale Unterstützung für die Opfer. Das einzige Gericht, das Flüchtlinge sehen, ist jenes, das prüft, ob sie glaubwürdig sind im Asylverfahren. Natürlich ist da ein hohes Wutpotenzial. Man kann aber sehr wohl aus diesen Gewaltspiralen aussteigen.

DIE FURCHE: Wie?

Preitler: Alle Flüchtlinge sollten wertschätzende Gesprächspartner haben. Es bräuchte mehr Angebote für einen guten Selbstwert für alle verlorenen Jugendlichen. Ansonsten sind sie umso anfälliger, wenn sie jemand anwirbt: "Du bist ein cooler Bursche, komm zu uns, wir haben ein super Angebot für dich!" Ich habe aber soviele positive Beziehungen entstehen gesehen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen. Viele Jugendliche sind ganz begeistert von der österreichischen Schule, weil sich endlich jemand ihrer annimmt.

Das Gespräch führte Sylvia Einöder

An ihrer Seite sein

Psychosoziale Betreuung von traumatisierten Flüchtlingen.

Von Barbara Preitler, Studien Verlag 2016.

172 Seiten, broschiert, € 14,90

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