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Femizide: Trauriger Trend

DISKURS
Gewalt

Kriminalpsychologe vom BKA über Frauenmorde in Österreich

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Gewaltopfern fällt es schwer, Beziehungskonflikte offenzulegen, sagt der BKA-Kriminalpsychologe Werner Schlojer. Im FURCHE-Interview beschreibt er den Zusammenhang zwischen Femiziden und gesellschaftlichen Tabus und erklärt, warum es mehr Täterarbeit braucht.

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Gewaltopfern fällt es schwer, Beziehungskonflikte offenzulegen, sagt der BKA-Kriminalpsychologe Werner Schlojer. Im FURCHE-Interview beschreibt er den Zusammenhang zwischen Femiziden und gesellschaftlichen Tabus und erklärt, warum es mehr Täterarbeit braucht.

Eine auffällige Häufung von Frauenmorden sorgt in Österreich seit Monaten für Debatten. Wie lässt sich dieser Umstand erklären, und welche Lehren müssen daraus gezogen werden? Ein FURCHE-Gespräch mit Werner Schlojer, Psychologe im Bundeskriminalamt.


DIE FURCHE: Seit Anfang des Jahres wurden in Österreich sieben Frauen ermordet. Im vergangenen Jahr waren es 31. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Werner Schlojer:
Frauenmorde kann man nicht losgelöst von den anderen Morden sehen. Dennoch resultieren diese Morde zu einem überwiegenden Teil aus einer Beziehung heraus. Und das wiederum ist nicht etwas, das von heute auf morgen passiert. Es gibt zu jeder tragischen Tat eine Vorgeschichte. Und diese sind mehr oder weniger von der Umwelt wahrnehmbar. Indes fällt es den Opfern schwer, ihre Lage offenzulegen.


DIE FURCHE: Warum scheuen sich betroffene Frauen häufig davor, Hilfe zu holen?
Schlojer:
Die Offenlegung einer Gewaltbeziehung ist oft mit Scham besetzt. Für manche kommt das einer Diffamierung des eigenen Lebens gleich. Nicht zuletzt, weil in unserer Gesellschaft die häusliche Idylle als Ideal vorherrscht und das Gegenteil davon als abnorm gilt. Über Probleme in der Partnerschaft oder in der Familie zu sprechen, ist in weiten Teilen der Bevölkerung ein Tabu.

DIE FURCHE: Warum gilt dieses Thema als Tabu?
Schlojer:
Es ist dieser Glaubenssatz, dass familieninterne Angelegenheiten Externe nichts angehen. Das kann man einerseits mit einer kulturellen Prägung erklären, andererseits auch evolutionär. Aber zunächst geht es darum, sich selbst einzugestehen, dass man gescheitert ist – mit der Wahl des Partners, der Aufrechterhaltung einer Gewaltbeziehung, dem Glauben, dass sich der andere ändern wird. Diese Hürde gilt es zu nehmen. Dass die Thematik dann an die Öffentlichkeit gerät, ist eine zusätzliche Verschärfung.

DIE FURCHE: In einem Interview mit der „ZiB 1“ nach dem jüngsten Femizid sagten Sie, dass die Täterarbeit wieder mehr in den Vordergrund gerückt werden muss. Was meinten Sie damit?
Schlojer:
In der Kriminologie hatten wir es in der Vergangenheit mit diversen Paradigmenwechseln zu tun. Noch bis in die späten 80er Jahre fokussierte man sich ausschließlich auf den Täter. Den galt es einzusperren, und damit war der Fall erledigt. Die Opfer wurden links liegengelassen, waren auf sich allein gestellt. Das wurde erst Ende der 90er Jahre durch das erste Gewaltschutzgesetz geändert. Das war ja mitinitiiert von der Polizei. Sie hatte davor keine Handhabe gehabt, prophylaktisch einzugreifen. Und im Zuge dessen sind dann Gewaltschutzzentren entstanden. Die Perspektive der Opfer rückte mehr und mehr in den Vordergrund – allerdings die Täterarbeit in den Hintergrund.

DIE FURCHE: Welche Gefahr sehen Sie dabei?
Schlojer:
Wenn der Täter nur bestraft wird, dann mag das kurzfristig einen abschreckenden Charakter haben, aber es führt nicht dazu, dass sich der Täter langfristig mit seinem Gewaltverhalten auseinandersetzt. Der Beschuldigte muss aktiv mit seinem Fehlverhalten konfrontiert werden. Deshalb sind in Österreich ab Juli 2021 – im Zuge der letzten Gewaltschutzreform – Gewaltpräventionstrainings obligatorisch vorgesehen.

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