Arbeitet bewusst mit Berührungen: Körperpsychotherapeut Felix Hohenau - © Doris Helmberger
Gesellschaft

"Dieses Coolsein ist entsetzlich"

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Für Sigmund Freud waren Berührungen im Therapiekontext tabu. Doch Körperpsychotherapeuten wie Felix Hohenau arbeiten bewusst damit. Ein Gespräch über den Hunger nach Nähe, die Gefahr von Manipulation oder Übergriffen – und die Folgen von #MeToo.

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Für Sigmund Freud waren Berührungen im Therapiekontext tabu. Doch Körperpsychotherapeuten wie Felix Hohenau arbeiten bewusst damit. Ein Gespräch über den Hunger nach Nähe, die Gefahr von Manipulation oder Übergriffen – und die Folgen von #MeToo.

Angststörungen, Depressionen, Beziehungsprobleme: Mit diesen Nöten kommen Menschen zu Felix Hohenau. In seiner Praxis in Wien-Neubau versucht der Psychotherapeut, der seine Ausbildung in Biodynamischer Körpertherapie bei Gerda Boyesen in London absolviert hat, gemeinsam mit den Betroffenen den Problemen auf den Grund zu gehen: in therapeutischen Gesprächen, aber auch in Achtsamkeits- oder Körperübungen. Welche Rolle dabei Berührungen spielen und wie er generell die Berührungsfähigkeit der modernen Gesellschaft einschätzt, erklärt er im FURCHE-Gespräch.
Die Furche: Herr Hohenau, wie häufig oder intensiv berühren Sie Ihre Klientinnen und Klienten?
Felix Hohenau: Es gibt etliche Klienten, die ich taktil überhaupt nicht berühre, andere sehr wohl. Wobei Berührung an sich ein zentrales Themen in der Psychotherapie ist. Denn nur wenn sich etwas in einem Menschen rührt, kann Veränderung stattfinden. Es gibt auch verschiedene Formen der taktilen Berührung. Sie kann unterstützend sein, aufmunternd oder haltend. Bei Menschen, die mit ihrer Aggression überhaupt nicht in Kontakt sind, kann auch eine konfrontierende Berührung wichtig sein: Wenn man sich gegenseitig stößt, dann hat man Augenkontakt und ist in Beziehung. Dieses In-Beziehung-Sein ist das Wesen von Berührung, ohne das könnte man nur von simplem Anfassen oder Angreifen sprechen. Es ist also sinnvoll, zwischen diesen Begriffen zu unterscheiden.
Die Furche: Im psychotherapeutischen Setting ist körperliche Berührung meist verpönt, viele empfinden sie rasch als Grenzüberschreitung. Warum arbeitet die Körperpsychotherapie damit?
Hohenau: Weil wir von einer Körper-Seele-Einheit ausgehen – und davon, dass sich jedes Gefühl, aber auch jede Störung sowohl psychisch als auch körperlich manifestiert. Traditionell ist das als „Leib“ verstanden worden, aber weil dieser Begriff von der katholischen Tradition verein­nahmt wurde, wird er in der Körperpsychotherapie nicht verwendet. Der Freud-Schüler Wilhelm Reich, auf den die Ursprünge der Körperpsychotherapie zurückgehen, war dem Katholizismus ja sehr kritisch, um nicht zu sagen feindlich eingestellt. Es gibt auch heute etliche Reichianer, die ihn fast wie einen Messias verehren. Das ist überhaupt nicht meines. Aber ich schätze den Weg, über den Körper einen Zugang zum Unbewussten zu suchen.
Die Furche: Und woher kommt das Berührungstabu vieler Therapiemethoden?
Hohenau: Das Tabu erklärt sich aus der Geschichte der Psychotherapie: Sigmund Freud hat anfangs auch taktil berührt, aber auf Grund der starken Gegenübertragungen – er ist von ehemaligen Patientinnen regelrecht abgeküsst worden – hat er nicht anders damit umgehen können, als absolute körperliche Abstinenz zu fordern. Nun muss aber nicht jede Psychotherapiemethode die Freudianische Ethik übernehmen. In der Ethik der Körperpsychotherapie ist taktiles Berühren dann legitimiert, wenn sie überlegt, bewusst, nur in stimmigen Situationen sowie nur mit Einwilligung des Patienten eingesetzt wird.
Die Furche: Trotzdem ist körperliche Berührung in der Therapie heikel. Sie selbst haben einmal über die Gefahr manipulativer Berührung geschrieben.
Hohenau: Streng genommen ist jede Berührung eine Manipulation: Das liegt schon im ursprünglichen Wort, in dem das lateinische Wort manus, Hand, steckt. Mit jeder Berührung tu ich ja etwas. In unserem Sprachgebrauch ist Manipula­tion meist negativ konnotiert, sie ist dann letztlich etwas, was nicht zum Nutzen des Klienten, sondern des Therapeuten ist. Etwa weil er narzisstisch oder selbst berührungssehnsüchtig ist. Aber diese un­ethischen Phänomene gibt es nicht nur bei der taktilen Berührung, sondern in jeder psychotherapeutischen Situation.
Die Furche: Im Zuge der #MeToo-Debatte wurde intensiv darüber diskutiert, wann eine körperliche Berührung zur Belästigung bzw. zum Übergriff wird. Kann man das festmachen?
Hohenau: Wieviel Nähe passt, kann man immer nur im Konkreten und nie im Abs­trakten entscheiden. Wenn ich das Wort „Berührung“ so verwende, wie ich es beschrieben habe, dann kann eine Berührung streng genommen aber gar nicht übergriffig sein. Ein Übergriff ist ja etwas Beziehungsloses, bei dem das Gegenüber zu einem Objekt gemacht wird. Auch geht es bei einem Übergriff meist weniger um Sexualität als um eine Machtdemonstration. Es ist aber auch hier schwierig, Grenzen zu ziehen, denn was in der ganzen #MeToo-Debatte oft übersehen wird, ist, dass man Macht nicht generell aus der Sexualität oder Erotik heraushalten kann. Eine machtlose Sexualität wäre nämlich „Impotenz“, wie es schon der Name sagt. Und jeder will mächtig sein, ob durch seinen Porsche oder seine Schönheit, nur traut sich das niemand mehr zu sagen. Ich halte es deshalb auch für schlecht, wenn im Zuge der #MeToo-Bewegung Frauen generell zu Opfern gemacht werden. Es gibt da eine Tendenz zur Infantilisierung.
Die Furche: Wenn Sie an ihre eigene Jugend und die Gegenwart denken: Wie würden Sie den gesellschaftlichen Wandel in der Berührungskultur beschreiben?
Hohenau: Ich bin ja ein Kind der 1968er, und da hat man sich sehr viel berührt. Heute ist das anders. Das Wesentliche aus meiner Sicht ist, dass die ganze Kultur narzisstischer geworden ist, dass sich die Menschen in erster Linie auf sich selbst beziehen. Wenn ich mich aber nur noch darauf konzentriere, wie ich auf andere wirke, wie soll es dann zu einer Berührung kommen? Der neoliberalistische Wettbewerb, bei dem es darum gut, der Beste zu sein, kommt noch dazu. Aber solche Entwicklungen kommen immer in Wellen.
Die Furche: Im Nationalsozialismus war Zärtlichkeit in der Erziehung verpönt, Abhärtung war angesagt. Auch heute noch müssen manche Kinder mit wenig Berührung aufwachsen. Wie wirkt sich das aus?
Hohenau: Wilhelm Reich hat gemeint, diese Menschen seien „gepanzert“. Man darf nicht verallgemeinern, aber viele dieser Menschen haben wohl Schwierigkeiten, in Beziehung zu treten, mit ihren Gefühlen oder Aggressionen umzugehen. In einer Psychotherapie kann man sie zumindest partiell mit Zuwendung „nachnähren“, wie wir sagen. Man kann auch zur Selbstberührung anregen, bei der sich der Klient die Hände auf die Brust legt, die Augen schließt und auf die Atmung achtet. Achtsamkeit gegenüber sich selbst ist ja eine Voraussetzung für Berührung. Gerade Männer sind aber oft aufgewachsen nach dem Motto: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Ich arbeite mit einem Mann, dem ich fast die ganze Stunde während des Redens die Hand halte.
Die Furche: Der Gedanke daran würde bei manchen wohl Beklemmungen auslösen.
Hohenau: Ja, aber für ihn ist es die Art, mit der er am leichtesten berührbar ist und die ihm Sicherheit gibt.
Die Furche: Und was raten Sie Eltern, die ihren Kindern Berührbarkeit mitgeben wollen?
Hohenau: Entscheidend ist, was die Eltern vorleben: Wenn beide unberührbare Wesen sind, wird es für das Kind schwierig. Das Kind anfangs am Körper zu tragen, wie es die Naturvölker tun, wäre natürlich der Idealzustand. Und später ginge es darum, einfach regelmäßig mit dem Kind zusammen zu sein, es zu berühren und beim Schlafengehen zu kuscheln. Irgendwann lösen sich die Kinder aus den elterlichen Berührungen. Dass es aber dann für heutige Jugendliche am Allerwichtigsten wird, cool, also eigentlich unberührbar zu werden, ist entsetzlich. Das ist genau das Gegenteil von dem, was eigentlich menschlich wäre. Welche Folgen das hat, will ich mir gar nicht vorstellen.