USA: Kirche hilft Migranten

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11,5 Millionen Illegale und extremer Anstieg bei jungen Flüchtlingen: US-Bischöfe fördern Präsident Barack Obamas Einwanderungsreform, Caritas und Pfarren bieten Hilfe vor Ort.

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11,5 Millionen Illegale und extremer Anstieg bei jungen Flüchtlingen: US-Bischöfe fördern Präsident Barack Obamas Einwanderungsreform, Caritas und Pfarren bieten Hilfe vor Ort.

Die katholische Kirche in den USA unterstützt das Vorhaben von Präsident Barack Obama, knapp fünf Millionen Migranten ein vorübergehendes Bleiberecht zu erteilen. Konkret fordern die US-Bischöfe "legalen Status, Arbeitsschutz und faire Gehälter", so Todd Scribner vom Flüchtlingsdienst der US-Bischofskonferenz. Nach aktuellen Schätzungen leben 11,5 Millionen Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus in den Vereinigten Staaten. Massiv zugenommen hat in den letzten Jahren die Zahl unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge, 2014 waren es 90.000 Neuankömmlinge.

Die von Präsident Obama versprochene Einwanderungsreform scheiterte bisher an den verhärteten Positionen zwischen Demokraten und Republikanern. Im November verfügte Obama per Erlass, dass knapp fünf Millionen ein temporäres Bleiberecht und eine Arbeitserlaubnis bekommen sollen. Für diese Migranten wäre es ein langersehnter Schritt heraus aus Illegalität und Anonymität. In die geplante Neuregelung fallen Eltern, deren Kinder per Geburt US-Bürger sind, und die unbescholten mindestens fünf Jahre im Land leben. Migranten, die als Jugendliche in die USA kamen, profitieren ebenfalls von der Reform.

Sofort hagelte es Kritik, der Präsident könne eine solche Entscheidung nicht am Kongress vorbei treffen. 26 Bundesstaaten reichten Klage ein mit der Begründung, Obamas Alleingang überschreite seine Machtbefugnisse. Ein texanisches Bundesgericht stoppte im Februar die Reform knapp vor Inkrafttreten, derzeit liegt der Fall vor einem Berufungsgericht. Kalifornien - dort lebt die größte Zahl an illegalen Migranten - und 13 weitere Bundesstaaten unterstützen hingegen die Reformpläne der Regierung. Vieles spricht gegen Obama: Die Republikaner besitzen im Kongress die Mehrheit und Obamas Amtszeit neigt sich dem Ende zu. Experten rechnen mit einem politischen Geduldsspiel. "Vielleicht werden die Gesetze sogar noch strenger", sagt Scribner. Er spüre bei vielen eine Angst um die nationale Sicherheit.

Eine politische Kirche

Die katholische Kirche unterstützt Obama in Einwanderungsfragen und einige Bischöfe melden sich in den harten Grabenkämpfen immer wieder zu Wort. Das Flüchtlings- und Migrationsbüro der Bischofskonferenz arbeitet auf politischer Ebene, übernimmt Anwaltschaft und beteiligt sich am Diskurs zur Einwanderungsreform. Todd Scribner: "Ein ideales Gesetz wird es nie geben. Für uns haben unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge und Familienzusammenführungen Priorität. Hier kämpfen wir um bessere Regelungen." Den Bischöfen gehe es um die Menschenwürde, die bei jugendlichen Flüchtlingen und im Menschenhandel am meisten gefährdet ist.

US-weit betreut die Caritas rund 30 Prozent der ankommenden Flüchtlinge. Pfarren unterstützen in ihrem Gebiet Migranten, die in Armut leben. Die Pfarre "Saint Camillus" in Silver Spring, einem Vorort der Hauptstadt Washington, wird von vielen Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis besucht. "Wir haben in der Pfarre einen Sozialarbeiter angestellt", sagt Franziskanerpater Jacek Orzechowski. "Jeden Freitag und Samstag kommen über 200 Menschen zu unserer Lebensmittelausgabe." Die Pfarre hat bereits kleine Übergangskredite ausbezahlt, als Familien in den Wintermonaten ihre Miete nicht bezahlen konnten. Er wisse von einigen Familien, dass sie in ständiger Angst vor der Ausweisung leben. Besonders in El Salvador, Guatemala und Honduras sei die Lage dramatisch, weiß er aus Erzählungen. Es stimme ihn traurig, dass Jugendliche aus Zentralamerika "null Perspektive im eigenen Land sehen und die Todesgefahren der Reise auf sich nehmen".

Ein Beispiel ist Marta: Die 16-Jährige lebt seit einigen Wochen in einem Flüchtlingswohnheim in Texas und wartet auf ihren Asylbescheid. Sie stammt aus El Salvador und floh allein. Nach einer 3000 Kilometer langen Reise wurde sie an der US-Grenze aufgegriffen. Martas Fluchtgrund: Sie beobachtete auf dem Heimweg von der Schule den Mord an einem Jugendlichen. Die Drogenbande gab ihr daraufhin zwei Möglichkeiten: Mitarbeit oder Tod. Martha floh in die USA.

Täglich 250 Jugendliche aufgegriffen

Marta ist eine von 250 Jugendlichen auf der Flucht, die jeden Tag an der Grenze zwischen Mexiko und den USA aufgegriffen werden. Sie ließen alles hinter sich: Familie und Freundinnen, Schule und Heimat. Rund 90.000 minderjährige Flüchtlinge wurden 2014 gezählt, gegenüber 5000 im Jahr 2005 eine extreme Steigerung.

Mark Seitz, Bischof der texanischen Grenzstadt El Paso, kennt das Leiden dieser Jugendlichen aus täglicher Erfahrung. Im vergangenen Jahr sprach er im US-Kongress: "Es ist unsere Pflicht, die jungen Flüchtlinge mit Liebe aufzunehmen, anstatt ihnen mit Angst zu begegnen." Er fordert eine menschenwürdige Aufnahme unabhängig davon, ob sie längerfristig im Land bleiben dürfen oder nicht.

Todd Scribner vom Flüchtlingsdienst der US-Bischofskonferenz hofft auf eine baldige Lösung des politischen Hickhacks: "Viele der Migranten sind seit über zehn Jahren da. Sie sollen hier leben und arbeiten dürfen, sie sind ein Teil des Landes geworden." Grundpfeiler des Engagements der Kirche sind die gemeinsame Menschenwürde und der Einsatz für Benachteiligte. Ein Bischof formulierte es so: "Wir helfen nicht, weil die Flüchtlinge katholisch sind, sondern weil wir katholisch sind."

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