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Im Sambaschritt geht es flott auf den Wahltag m

1945 1960 1980 2000 2020

Am 15. November dürfen die Brasilianer nach 17 Jahren wieder frei wählen. Zwischen den Großstädten und dem armen Land klaffen materielle und geistige Gegensätze.

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Am 15. November dürfen die Brasilianer nach 17 Jahren wieder frei wählen. Zwischen den Großstädten und dem armen Land klaffen materielle und geistige Gegensätze.

Die Sambarhythmen der flott musizierenden Band sind das Wichtigste. Dazwischen werden kurze politische Reden gehalten — von weißen Kandidaten vor überwiegend schwarzem Publikum.

Nur eine Kandidatin ist dunkelhäutig wie ihre Zuhörer, und ihre Stimme hat Rasse wie ihr Gesicht und ihre Rede: „Ich bin von der Regierung eingesperrt und gefoltert worden! Diese Partei dürft ihr nicht mehr wählen!"

„Unvorstellbar noch vor einem Jahr, daß man so etwas öffentlich sagen darf", kommentiert mein Begleiter. Man darf wieder. Und in ganz Brasilien sind die Gouverneurs-, Senatoren-, Abgeordneten und Präf ektenwahlen vom 15. November seit Wochen Gesprächsthema in Autobussen, Geschäften, Büros und Universitäten.

Die beschriebene Szene spielt auf einem Vorstadtplatz in Säo Paulo, dem New York von Südamerika. Hauptredner ist Franco Montorro, Gouverneurskandidat der oppositionellen PMDB. An seinem Wahlsieg ist nicht zu zweifeln.

Was wird er anders machen als die regierende PDS? „Mehr Dezentralisation, mehr Bürgerbeteiligung, Schaffung neuer Arbeitsplätze", versichert er der FURCHE. Montorro ist ehemaliger Christdemokrat. Die Stadtratskandidatin Ida Maria redete wie eine Kommunistin.

In der Tat kandidiert auf PMDB-Listen ein buntes Gemisch politischer Gruppen, die alle lieber auf eine starke, wenn auch inhomogene als auf eine Splitter-Oppositionspartei setzen.

In Brasilia, der Prunkkapitale in Urwaldmitte, erläutert der geschäftsführende Klubobmann der PMDB, Senator Humberto Lucena, warum ein Wechsel notwendig sei:

Die autoritäre Regierung habe ausgespielt, noch behinderten einzelne Gesetze die Vollentfaltung der Demokratie, aber zu einer Verfassungsänderung nach der Wahl hat auch die Regierungspartei schon ja gesagt. Agrarreform auf Genossenschaftsbasis, Favela-Humanisie-rung durch Wohnbau und neue Industriearbeitsplätze seien Vorrangziele.

-Senatspräsident Jarbas Passa-rinho schildert der FURCHE den unbestrittenen Demokratisierungsprozeß der letzten Monate, bestreitet aber einen „Konflikt zwischen Teilen der Regierung und Teilen der Kirche" nicht. „Wenn einzelne Bischöfe den Sozialismus von Tansania, Kuba oder gar China als christlich bezeichnen, können wir das nicht unwidersprochen lassen."

Dazu meint Bischof Ivo Lorscheiter, Präsident der brasilianischen Bischofskonferenz, schon Benedikt XIV. habe in „Ad Petri cathedram" davor gewarnt, Gegner der eigenen Auffassung als „Modernisten" abzustempeln und damit dem kirchlichen Bannstrahl auszusetzen. „Jetzt versucht man, uns als Progressisten' und .Marxisten' zu verteufeln..."

Der Konflikt zwischen „Teilen der Regierung und Teilen der Kirche" spiegelt den Konflikt zwischen hochentwickelten und im Elend versunkenen Teilen der Bevölkerung und des Landes wider.

Säo Paulo: Das ist Leben, Dynamik, Rhythmus, Rücksichtslosigkeit und Arroganz. „Gott ist ein Paulista", sagen die selbstbewußten Protagonisten dieses politischen Machismo. Vier von zehn Brasilianern wohnen im Städtedreieck von Säo Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte, wo zwei Drittel des Nationalprodukts erzeugt werden.

Aber 45 Prozent der Bodenfläche Brasiliens bedecken die tropischen Regenwälder des Amazonasbeckens, wo nur vier Prozent der Bevölkerung unter der Last von Klima- und Arbeitsleid ihr Leben fristen.

20 Milliarden Dollar hat die Regierung Figueiredo allein seit 1979 in das Gebiet gepumpt, um seine Bodenschätze zu heben und Platz zu schaffen für Städte, Fabriken, Holzindustrien.

Jeder vierte Baum der Welt wächst entlang dem 6500 km langen Strom und seinen 1100 Nebenflüssen, die man seit Jahrzehnten zivilisieren möchte. Die Natur widerstand, der Mensch nicht.

Wo einst fünf bis sechs Millionen Indianer lebten, gibt es heute noch deren 200.000. Jetzt sollen wieder einmal Teile zweier Stämme, der Waimiri und Atroari, einem Zinnbergbau und einem Staudamm weichen. Die katholische Indianerpastoral hat laut dagegen protestiert.

Die kostspieligen und bisher durchwegs erfolglosen Vorhaben zur Erschließung des Amazonas — das total schiefgelaufene Besiedlungsprojekt des Präsidenten Me-dici ebenso wie die teilweise schon wieder überwucherte 500-Millio-nen-Dollar-Straße Trans am azoni-ca — sind auch jenen ein Dorn im Auge, die in sündteuren Prestigeprojekten eine der Ursachen der gigantischen Staatsverschuldung sehen.

Andere Beispiele seien der ehrgeizige Hauptstadtneubau, das in Bau befindliche Rekordkraftwerk Itaipu oder der Atomkraftwerks- (und AtombombenOEhr-geiz der jetzigen Regierung. „Davon profitiert wieder nur eine winzige Schicht der Reichen. Die Armen aber werden immer ärmer."

Das sagt Harald Schistek, früher als Entwicklungshelfer des österreichischen Entwicklungsdienstes (OED), jetzt für das deutsche Katholikenhilfswerk „Misereor" tätig. Er sitzt in der Diözesanverwaltung von Juazei-ro, dessen Bischof Jose Rodrigues de Souza dem Regime ein besonders roter Dorn im Auge ist (vgl. FURCHE-Interview Nr. 42).

Juazeiro liegt mitten im Dürregürtel des stachelgestrüppigen Sertäo, wo eine trockene Backofenhitze Mini-Oasen an Flußrändern zum Ereignis und Wasserquellen zu Heiligtümern werden läßt.

Acht Stunden lang fährt man im Bus von der Küste landeinwärts bis Juazeiro, vier weitere Stunden im LKW nach Pieäo Arcado, wo der deutsche Padre Dieter Wilhelm Bühne von einem bescheidenen Pfarrhaus aus, in dessen Winkeln Vogelspinnen krabbeln, Pastoral betreibt.

In seinen Sprengel fällt der So-bradinho-Stausee, der 72.000 Bauern und Fischer aus ihrer Heimat vertrieben hat. Die „Entschädigung" war oft nicht mehr als einen Sack Bohnen wert. 80 Prozent der Schafe und 50 Prozent der Ziegen kamen dabei um.

Der 300 km lange und stellenweise bis zu 40 km breite Stausee dient nur dazu, den Wasserzufluß des Rio Säo Francisco für ein 300 km stromabwärts liegendes Kraftwerk zu regulieren. Bewässerungsanlagen wurden nicht gebaut.

Zorn, Leid und Kummer waren groß. Pater Dieter und seine Freunde haben nicht zur Revolution geblasen. Aber sie betreiben jetzt „Bewußtseinsbildung" unter den Campesinos, und was in ihrem Lehrbuch „Politica: A lutta de um povo" („Politik - ein Kampf um das Volk") steht, freut die Mächtigen im Lande nicht.

Der Bürgermeister des Ortes, dessen Verwandte nahezu alle Schlüsselstellen der Gemeinde in der Hand haben, saß früher in der ersten Kirchenbank. Jetzt kommt er kaum noch in das Gotteshaus.

Dafür versammeln sich im Pfarrhof regelmäßig die Vertreter der Basisgemeinden, beten und diskutieren über soziale Gerechtigkeit, Gewerkschaften und Partnerschaft. Zum Schluß singen wir gemeinsam ein Lied, das von Schlingpflanzen handelt, die jeder für sich wertlos, als Geflecht aber unüberwindbar sind...

In der Siedlung Olho d'Agua („Wasserauge") reden wir mit der einheimischen Gemeindeleiterin Noene, die Erste Hilfe für Leib und Seele leistet und davon erzählt, daß das neue 5X5-Meter-Schulhaus hier nicht leerstehen werde: „Bei uns können die Kinder ja den Unterricht besuchen, im Nachbardorf sind sie es, die täglich zwei Stunden weit Wasserholen gehen müssen. Statt der Schule."

Zurück in der Stadt Juazeiro, führt eine Abschiedstour mit drei Frauen in Ruderleibchen durch die Elendsviertel der Stadt, von deren 70.000 Einwohnern an die 2000 Prostituierte sind. (Einige „Ehemalige" arbeiten in kirchlichen Stellen. Sonst gibt ihnen niemand Arbeit).

Zwei der drei Ruderleiberlbegleiterinnen dagegen erweisen sich als einstige Nonnen. „Wir fanden, wir könnten hier mehr den Armen helfen als in einer feinen Privatschule von Säo Paulo", lächeln sie.

In ihrem Häuschen brennt keine Birne, obwohl elektrische Anschlüsse vorhanden wären. Im Gotteshaus auch nicht, obwohl die Stadtverwaltung die Zuleitung anbot. „Wir sagten: Entweder für die ganze Slumsiedlung oder auch nicht für die Kirche. Ollampen tun es auch."

Sie kichern fröhlich wie ein Backfischpaar. Die Regierung kichert nicht. Dabei darf sie hier in der Provinz Bahia sogar mit einem Sieg der PDS rechnen. „Weil die besonders Armen besonders regierungs-parteiabhängig sind", sagt die Opposition.

Deren Hoffnungsgebiet liegt in den Städten. Obwohl der Wahlvorgang bewußt kompliziert gehalten wurde (Wähler müssen die Namen der Kandidaten auswendig im Stimmzettel eintragen, und alle Kandidaten müssen von derselben Partei sein) rechnen die Oppositionsparteien mit eindrucksvollen Erfolgen.

Wird, wenn diese allzu deutlich ausfallen, die Armee- oder die Geheimpolizeiführung dann etwa wieder auf Diktaturkurs schalten? Auf diese FURCHE-Frage antwortete Außenminister Rami-ro Saraiva Guerreiro dieser Tage in Wien mit drei knappen Worten: „Nein, sicher nicht."

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