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Digital In Arbeit

Unterwegs in die Soziale Apartheid

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Unterstützt von der Kirche entstand in Brasilien die Bewegung der Landarbeiter ohne Land. Die Mitarbeiter riskieren, überfallen, gefoltert und sogar getötet zu werden.

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Unterstützt von der Kirche entstand in Brasilien die Bewegung der Landarbeiter ohne Land. Die Mitarbeiter riskieren, überfallen, gefoltert und sogar getötet zu werden.

Wenige Wochen nach seinem vierzigsten Geburtstag verlor Maximiliano dos Santos seine Arbeit auf den Baustellen in Säo Paulo. Mit nichts als seinem Hemd und seiner geflickten Hose am Leibe hatte er sich erst vor zwei Jahren von Pernambuco nach Süden durchgeschlagen, magisch angezogen von den glitzernden Millionenstädten Brasiliens. In den nordöstlichen Bundesstaaten Alagoas und Pernambuco hatten Großgrundbesitzer in den letzten vier Jahren über 90.000 Hütten von Landarbeitern zerstören lassen, nur um sich vor den ohnehin geringen Sozialabgaben für ständig Beschäftigte zu drücken. In der Folge wuchsen allein die Slumviertel rund um die Provinzhauptstadt Maceio auf die dreifache Größe.

Täglich sind die riesigen Busbahnhöfe der Industriestädte von Tausenden arbeitssuchenden Menschen aus dem Nordosten des Landes überfüllt. Kaum aus den Bussen gestiegen, werden die meisten der Neuankömmlinge bereits von flinken Dieben überfallen und ihrer wenigen Habe beraubt. Familien verlieren einander im Gedränge für immer. Nur wenige schaffen es, bei steigender Arbeitslosigkeit überhaupt Arbeit zu finden. Heute streunt auch Maximiliano mit den hunderttausend Obdachlosen Säo Paulos auf der Suche nach eßbaren Abfällen hungrig durch die Stadt.

Brasilien, das fünftgrößte Land, die neuntgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, ist voller Kontraste. Heiße Samba-Rhythmen und rauschender Karneval, Zuckerhut und Copacabana, Indianer im Urwald und Palmen-strande am kristallklaren Meer sind die Ingredienzen europäischer Träume von Exotik. „In meiner Heimat ist es besser, nicht um Hilfe zu rufen, wenn man überfallen oder vergewaltigt wird, denn dann riskiert man, in die Hände der Polizei zu fallen", entlarvt hingegen der Satiriker Miliar Fernandes die alltägliche Gewalt. Zu den Schattenseiten der brasilianischen Gesellschaft zählt vor allem auch die tiefe soziale Kluft zwischen den reichsten 20 Prozent der Bevölkerung, die sich 63 Prozent des Volkseinkommens teilen und den ärmsten 20 Prozent, denen bloß zwei Prozent des gesamten Einkommens bleiben.

Die wachsende Armut ist untrennbar mit dem Problem der ungleichen Landverteilung verbunden: Von 5,7 Millionen Quadratkilometer nutzbaren Bodens sind vier Millionen im Besitz von Großgrundbesitzern, den „Latifundistas", die nur 1,2 Prozent der Landbesitzer ausmachen. Am unteren Ende der Skala stehen zwölf Millionen Bauern, die kein einziges Stück Land besitzen, um Bohnen und Mais für ihre Familien zu pflanzen.

Dabei gibt es nach Angaben der staatlichen Agrarreformbehörde INCRA 100 Millionen Hektar brachliegendes Land. Die längst beschlossene Bodenreform zur Verteilung des brachliegenden Landes wird jedoch bis heute verschleppt. Landlose Bauern, die Brachland bepflanzen wollen, werden vertrieben. „Die Gewalt nimmt immer erschreckendere Ausmaße an", schlagen die katholischen Bischöfe im Norden Brasiliens Alarm. In den Landkonflikten mit kriminellen Grundherren, korrupten Polizisten und bestochenen Richtern fielen bereits Hunderte Landarbeiter bezahlten Pistolenschützen zum Opfer.

Unterstützt von der Kirche entstand vor zehn Jahren die Bewegung der Landarbeiter ohne Land (Movimento dos Trabal-hadores Rurais Sem Terra), die sich für Bewußtseinsbildung, Rechtsbeistand und die Wiedererlangung von Grund und Boden einsetzt. Aber auch die Mitarbeiter von „Sem Terra" werden willkürlich verhaftet, gefoltert, erhalten Todesdrohungen oder werden von paramilitärischen Gruppen unter dem Schutz der Polizei überfallen.

„Anfangs hatte ich große Angst vor Verbrechen und Gewalt", erinnert sich der katholische Priester Arlindo Pereira Dias an seine ersten Gehversuche unter den Obdachlosen von Säo Paulo, „und auch vor all den schmutzigen Gestalten mit den Narben ihrer Gewalttätigkeiten am Körper." Nach dem Wochenmarkt begann Pereira Holz und Gemüsereste zu sammeln, um unter einer Brücke gemeinsam mit Obdachlosen Suppe zu kochen. Sein nächstes Ziel war „ein Haus, offen für alle, die auf der Straße wohnen müssen". Als Bedingung des Mitlebens in seinem „Gemeinschaftshaus" nennt der bärtige Kirchenmann die Mithilfe beim Sammeln von Gemüseresten auf den Märkten, bei der Küchenarbeit und beim Hausputz. Gesprächsrunden, eine Theatergruppe, gemeinsames Singen, Beten und Feiern stärken das angeschlagene Selbstbewußtsein der „Leidenden der Straße".

Der frühere Soziologieprofessor und heutige Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso ist vor einem Jahr mit einem neoliberalen Modernisierungskonzept angetreten, das den Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, die Privatisierung und die Kürzung der Staatsausgaben vor allem im Sozialbereich enthält. Kritiker wie der Gouverneur des Bundesdistrikts Brasilia, Cristovam Buarque, halten hingegen das brasilianische Entwicklungsmodell für gescheitert. Einkommen, Kapital, Landbesitz und Macht seien in den Händen einer kleinen Elite konzentriert worden. Buarque sieht Brasilien auf dem Weg in eine soziale Apartheidgesellschaft und fordert die Verwirklichung der Bodenreform, den Ausbau des Bil-dungs- und Gesundheitswesens, den Aufbau eines Binnenmarktes, die Bekämpfung der Korruption und eine Demokratisierung der Medien.

Auch katholische Bischöfe - progressive wie Pedro Casaldäliga von Säo Felix genauso wie konservative, etwa Carlos Jose Boaventura Kloppenburg im Bundesstaat Rio Grande do Sul - üben einhellig Kritik daran, daß „die heute in Lateinamerika vorherrschende neoliberale Politik die negativen Auswirkungen der ausbeuterischen Mechanismen noch verschärft. Sie eliminiert wichtige Teile des Arbeitsrechtes, sie vernichtet Arbeitsplätze und kürzt die Sozialausgaben, die viele Arbeiterfamilien vor absoluter Armut bewahren."

Auch Präsident Cardoso bezeichnet die soziale Ungerechtigkeit als Brasiliens größtes Problem. Mit seinem Wirtschaftskurs „Piano Beal" will Cardoso die größte Umverteilung des Einkommens in der Geschichte des Landes bewirken. Ob die wirtschaftliche Entwicklung jemals auch das Millionenheer der Ar|-beits- und Obdachlosen erreichen wird? Das neue soziologische Schlagwort „massa sob-rante" bezeichnet jene übrigbleibende und in den Augen vieler bereits überflüssige Menschenmenge, die durch den Rost der Entwicklung fällt.

Mit dem Szenario eines anschwellenden Millionenheeres von Armen auf der Südhalbkugel können wiederum leicht Ängste im Norden geschürt werden: Wird sich die „Festung Europa" mit Waffengewalt gegen einen Ansturm von Armutsflüchtlingen verteidigen müssen? Hier wächst die Herausforderung der Kirchen Europas, sich dafür einzusetzen, daß Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit zu mitentscheidenden Faktoren in der internationalen Politik und Wirtschaft werden.

Auf der anderen Seite der Erdkugel wächst - unterstützt von der katholischen Kirche - die Selbstorganisation der Armen. „Wenn die Leidenden sich vereinen, wird die Stadt ihren Schrei hören" steht auf dem Spruchband, das Maximiliano dos Santos durch das elegante Stadtzentrum Säo Paulos trägt. Jahr für Jahr organisieren die Obdachlosen gemeinsam mit Arlindo Pereira Dias einen Protestmarsch, üm der Gesellschaft ihr Schicksal vor Augen zu führen.

Der Autor ist

Pressereferent von Missio Austritt

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