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"Wir wollen nicht den American Way of Life"

Abwertung der Währung um 40 Prozent in Argentinien: Zeichen für den katastrophalen Zustand der Wirtschaft in Südamerika. Im Gespräch mit Bischof Valentini, einem Vorkämpfer für einen Schuldenerlass in der Dritten Welt, geht es um Auswege aus dieser Misere.

die furche: Viele lateinamerikanische Länder stehen vor einem wirtschaftlichen Bankrott. Sie setzten sich seit Jahren für die Entschuldung ein. Wird das die Probleme lösen?

Dom Demetrio Valentini: Alle lateinamerikanischen Länder sind durch die Last der Außenverschuldung in ihrer Aktionsfreiheit stark eingeschränkt. Brasilien schuldete Anfang der siebziger Jahre 14 Milliarden Euro. Das waren 7,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). 1978 waren es schon 48,3 Milliarden oder 15 Prozent des BIP, heute sind es 334 Milliarden, die mehr als 30 Prozent des Inlandsprodukts ausmachen. Dieses Geld ist nicht für die Entwicklung des Landes verwendet worden. Das Problem ist aber nicht nur die Auslandsverschuldung, sondern auch die nach innen. Das Geld, das im Ausland zur Zahlung der Schulden aufgenommen wird, muss in öffentliche Schuldverschreibungen umgewandelt werden. Deren Wert steigt geometrisch an, weil die Regierung so hohe Zinsen zahlen muss, damit diese Papiere gekauft werden. Die Progression dieser Binnenverschuldung zeigt das Ausmaß der Katastrophe Im Zeitraum von Dezember 1994 bis zum vergangenen Juni hat die Regierung Fernando Henrique Cardoso die Binnenschuld verzehnfacht.

die furche: Und wie versucht man, mit dieser Last zurecht zu kommen?

Valentini: Die Folge ist eine "Gesetz der fiskalischen Verantwortung", das die Verwaltung auf allen Ebenen verpflichtet, der Schuldenzahlung beim Verplanen öffentlicher Mittel absolute Priorität einzuräumen. Des weiteren werden hochrentable Staatsbetriebe der Sektoren, Energie, Bergbau und Telekommunikation beschleunigt privatisiert. Inzwischen sind 30 Prozent aller brasilianischen Firmen in ausländischen Händen, die die Gewinne sofort aus dem Land schaffen. Bis 1994 wurden der Volkswirtschaft auf diesem Wege jährlich mehr als zwei Milliarden Euro entzogen. Jetzt sind es fast acht Milliarden. Das erklärt die Stagnation des Wirtschaftswachstums und das Anwachsen der Arbeitslosigkeit. Durch die Schuldenfalle sind die Länder des Südens zu Devisenexporteuren geworden. Durch die hohen Zinsen haben die Länder in den letzten 30 Jahren mehr Finanzkapital exportiert als empfangen.

die furche: Wie sinnvoll ist es, einem Staat die Schulden zu erlassen, wenn man fürchten muss, dass die Regierung die freigewordenen Mittel in Prestigebauten oder Waffenkäufe investiert?

Valentini: Uns ist ganz klar, dass es keinen einfachen Schuldenerlass geben kann. Man muss die Mittel anders einsetzen, nämlich für soziale Transformationen. Das Geld darf nicht der Finanzspekulation, es muss sozialen Veränderungen dienen. Das ist komplex. Es bedarf einer starken zivilgesellschaftlichen Kontrolle.

die furche: Trägt die Sozialpastoral zu einer solchen Transformation bei?

Valentini: In den neunziger Jahren haben wir eine Aktionslinie erarbeitet, die die Präsenz der Kirche in der Gesellschaft stärken will und haben drei "Soziale Wochen" wesentlichen Fragen veranstaltet: die erste (1991) zum Thema Arbeit, die zweite (von 1993-1994) zum Thema Frau und die dritte (1996-1999) zur Frage der Entschuldung. Dabei ging uns darum, einen Prozess aktiver Beteiligung zu entwickeln. Das funktioniert über drei Grundachsen: Reflektion, damit das, was passiert, verstanden wird; Mobilisierung, das ist eine sehr politische Arbeit, weil Veränderungen nur über kollektive Antworten erreicht werden können; und Engagement: die Erziehung zur direkten Beteiligung, um Veränderungen der sozialen Realität zu erreichen. Wir dürfen nicht warten, bis die Politiker etwas unternehmen.

die furche: Viele meinen, die Kirche sollte die Finger von der Politik lassen.

Valentini: Sie sagen, wir tragen die Konflikte in die Kirche hinein. Das stimmt natürlich nicht, denn die Konflikte existieren auch ohne uns. Wir helfen den Leuten nur, sie auf friedliche Weise zu lösen. Ein Konflikt ist ja nichts Negatives. Konflikte ergeben sich aus unterschiedlichen Interessenslagen. In Brasilien ist die Vielfalt wichtig. Wir sind nicht alle gleich. Man muss aber unterscheiden zwischen Ungleichheiten und Unterschieden. Ungleichheit heißt zumeist Ungerechtigkeit. Unterschiedlichkeit ist Vielfalt und positiv. Wir wollen kein uniformes Brasilien, sondern ein plurales Land. Es gibt so viele verschiedene Regionen und Kulturen. Das muss berücksichtigt werden. So können wir lernen, die Musik und die Tänze der Menschen im Nordosten zu schätzen und vom Süden kann man organisiertes Arbeiten und Fleiß lernen.

die furche: Dennoch sind in Lateinamerika aus kirchlichen Basisgruppen schon revolutionäre Bewegungen entstanden ...

Valentini: Ich glaube, in der Vergangenheit hat man mit einer gewissen Naivität an Utopien und schnelle Lösungen geglaubt. Jetzt befinden wir uns in einer Phase der Enttäuschung, in der viele zur Religiosität Zuflucht suchen. Die sechziger und siebziger Jahre waren geprägt von Utopien und oberflächlichem Glauben. Auf die Enttäuschung, dass die Veränderungen nicht leicht zu erreichen sind, folgten unterschiedliche Reaktionen. Die offizielle Kirche zog sich zurück auf den Standpunkt: Das ist nicht unsere Aufgabe - besser, die Menschen mit spirituellen Werten zu stärken. Wir haben aber auch durch friedliche Mobilisierung große Erfolge erzielt. Bei der Gründung der Landlosenbewegung (MST,"Movimento sem Terra") war die Landpastoral Geburtshelferin. Die Landlosenbewegung ist jetzt unabhängig von der Kirche, aber hält an ihren friedlichen Methoden fest.

die furche: Trotzdem trifft das MST immer wieder auf militärische Repression. Im April 1996 etwa schoss die Militärpolizei in die Menge und tötete 21 Landarbeiter. Seither sind viele weitere ermordet worden. Wird das nicht die Landlosen radikalisieren?

Valentini: Ich war 1996 in Eldorado dos Carajás dabei und stand an den Särgen der Erschossenen. Es war ein sehr intensiver Moment. Die Gewalt von oben ist da. Dennoch ist das MST überzeugt, dass der Weg ein anderer ist: Widerstand, Druck aber keine Gewalt. Es ist schwierig, der öffentlichen Meinung die Unterschiede klarzumachen. Es verstehen nicht alle, dass es Gewalt als Folge der Strukturen gibt. Das MST hat viel erreicht und vielen Menschen Land verschafft. Die Regierung wurde gezwungen ein Programm für die Landlosen und für jene, die inzwischen Land erkämpft haben, zu schaffen.

die furche: Hat Sozialpastoral auch mit konkreter Armutsbekämpfung zu tun?

Valentini: Wir sind überzeugt, dass die Armut ohne bewusste Beteiligung der Menschen nicht beseitigt werden kann. Technische Programme ohne Partizipation bringen nichts. Wir unterscheiden zwischen Armut und Elend. Elend ist ungerecht und darf nicht sein, Armut hat ihre Werte. Es ist unmöglich, dass alle Menschen den "American Way of Life" anstreben und westliches Konsumniveau mit entsprechender Verschwendungssucht erreichen. Es geht um das Vermeiden des Konsumismus. Bescheidenes Leben ist ein Wert, der gepflegt werden muss. Wir wollen keine Armen, die wie Reiche denken. Wenn wir von Elendsbeseitigung sprechen, dann geht es um ein Leben in Würde. Hand in Hand mit der Elendsbeseitigung müssen die Verantwortung für die Welt und deren Ressourcen gehen, der Gemeinschaftssinn, das miteinander leben und arbeiten. Es gibt Güter, zu denen alle Menschen Zugang haben müssen wie Gesundheit, Erziehung, Trinkwasser. Und da arbeiten wir auch sehr konkret. Im trockenen Nordosten unterstützen wir den Bau von einer Million Regenwasserspeicher. Die werden von den Menschen selbst gemacht und kosten ein Fünftel der Zisternen, die die Regierung baut.

die furche: Man kann heute kein Interview machen, ohne auf den 11. September Bezug zu nehmen. Welche Auswirkungen haben diese Attentate und George Bushs Feldzug gegen Afghanistan auf Lateinamerika?

Valentini: Wir haben bemerkt, dass Lateinamerika abseits der großen Interessen steht: wir haben an Bedeutung verloren. Die Welt braucht tiefgreifende Veränderung. Die Attentate waren eine Perversion, die nicht zu rechtfertigen ist aber sie sind ein Symptom einer sehr komplexen Situation. Ich glaube, die Welt wird nicht den Frieden finden, wenn eine paar Terroristen gefasst werden. Wir laufen Gefahr, oberflächlichen illusorischen Lösungen aufzusitzen, als ob das Problem von Individuen ausginge und nicht durch strukturelle Situationen bedingt wäre.

Das Gespräch führte Ralf Leonhard

Zur Person: Bischof mit sozialem Engagement

Dom Demetrio Valentini ist am 31. Jänner 1940 in São Valentim im brasilianischen Bundesstaat São Paulo geboren als zehntes von zwölf Kindern. Nach Studien in Brasilien und Rom wird er 1965 zum Priester geweiht. Ab 1965 ist er Professor und ab 1968 Rektor des kleinen Priesterseminars von Erexim. Am 16. Juni 1982 wird er zum Bischof geweiht und leitet seither die Diözese Jales, deren dritter Bischof er ist. Von 1991 bis 1999 war Dom Demetrio innerhalb der brasilianischen Bischofskonferenz für Sozialpastoral zuständig.

In dieser Funktion organisierte er drei Sozialwochen zu den Themen Arbeit, Frauen und Schuldenerlass. Sie waren Diskussionsprozesse, die sich über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren erstreckt haben und auf allen Ebenen kirchlicher Organisation stattfanden und jeweils in politische Forderungen an die weltliche Macht einmündeten.

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