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Kennedy und Südamerika

Das Südamerika von 1963 hat mit dem Deutschland von 1931 eine erschreckende Ähnlichkeit. Parteien und Politiker verlieren immer mehr an Ansehen. Die Staatskassen sind leer. Devisen fehlen. Die Optimisten sprechen von „Stagnation“, die Pessimisten von „Verelendung“.

Die Situation wird zum großen Teil auf den Verfall der Rohstoffpreise zurückgeführt. Fast alle lateinamerikanischen Länder hängen von der Ausfuhr eines oder zweier Produkte ab: 82 Prozent der venezolanischen Ausfuhr bestehen aus Petroleum, 71 Prozent der kolumbianischen aus Kaffee und derselbe Prozentsatz der chilenischen aus Kupfer, 69 Prozent der boli vianischen aus Zinn, 64 Prozent de ekuadorianischen aus Bananen und 63 Prozent der uruguayischen aus Wolle. Die Weltmarktpreise schwanken in solchem Grad, daß eine mehrjährige Planung unmöglich ist, weil sich die Staatseinnahmen nicht vorhersehen lassen. Der kolumbianische Präsident (Guillermo Leon Valencia) sagte kürzlich: „Vor zehn Jahren bekamen wir für unseren Kaffee 90 Dollar, jetzt 39 ... Während unsere

Produkte in der Dollarzone immer weniger Wert haben, steigen die Preise der ihren immer mehr...“ Auf der kürzlichen Konferenz der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) hat man die Preise von 1950 bis 1954 mit denen im folgenden Jahrfünft verglichen und errechnet, daß die Lateinamerikaner an dem . Verfall der Weltmarktpreise in der zweiten Periode etwa 7400 Millionen Dollar verloren haben, etwa die gleiche Summe, die in derselben Zeit auf dem südlichen Halbkontinent an Auslandskapital investiert wurde.

Schwere Vorwürfe

Die Lateinamerikaner werfen ihren nördlichen großen Brüdern vor, ihre

Preise systematisch zu unterbieten. So protestierten die mexikanischen Baum-woll- und die uruguayischen Reisproduzenten. (Sie tauschen den Reisüberschuß jetzt gegen kubanischen Zucker.)

In Bolivien protestierten die Minenarbeiter, weil die USA gleichzeitig im Rahmen der Entwicklungshilfe die Werke modernisieren und durch Verkäufe aus den übergroßen strategischen Reserven den Zinnpreis heruntertrieben. In Südbrasilien wurde 1958 noch eine Million Tonnen Weizen (50 Prozent des brasilianischen Bedarfs) produziert. Dann kaufte die brasilianische Regierung aus den nordamerikanischen Agrarüberschüssen 1,8 Millionen Tonnen. Die Preise fielen so, daß die Produktion unrentabel wurde und jetzt auf ein Fünftel (von 1958) sank. Diese Preismanöver oder Spekulationen vor allem der großen Trusts verstimmen in Lateinamerika um so mehr, als Kennedy in der „Allianz für den Fortschritt“ auch stabile Rohstoffpreise proklamierte; die vorgelegten Pläne für einen „Ausgleichsfonds“ wurden aber von nordamerikanischer Seite torpediert. Deshalb setzt man jetzt in Lateinamerika große Hoffnungen auf die Weltwirtschaftskonferenz, die im nächsten Jahr — wahrscheinlich in Genf — stattfinden soll, hat aber den Glauben an die „Allianz für den Fortschritt“ verloren. Dabei tragen die Lateinamerikaner selbst die Hauptschuld an ihrem Versagen.

Bis 193 3 trieben die USA in Lateinamerika echte Kolonialpolitik, „die Politik des Dollars-'. Sie; “-besetzten laufend mittelamefikanisehe Staaten und suchten sonst die lateinamerikanischen Rohstoffe durch eigene Trusts billig zu erwerben, um sie nur in nordamerikanischen Fabriken zu verarbeiten. Als Roosevelt 193 3 an die Macht kam, warf er (auf der 7. Panamerikanischen Konferenz in Montevideo, die am 3. Dezember 193 3 eröffnet wurde) das Steuer herum und verkündete die „Politik der guten Nachbarschaft“.

Faule Eier zur Begrüßung

Wie wenig sie im lateinamerikanischen Volksempfinden Glauben fand, sah Nixon, als er 195 8 als Ministerpräsident eine „Good-will“-Reise unternahm und in mehreren lateinamerikanischen Hauptstädten mit faulen Eiern und Steinen beworfen, sogar angespuckt wurde. Als sich die kubanische Lage zuspitzte und die USA die Ausbreitung des Fidelismus über Lateinamerika fürchteten, versprach Eisenhower 500 Millionen Dollar für einen Hilfsfonds.

Auf diese wie auf viele folgende Darlehensversprechungen paßt die ironische Bemerkung der buonarenser „Naciön“: „In der Oper ,Aida' gehen die Statisten, die Soldaten spielen, über die Bühne, dann hinter den Kulissen zurück und marschieren wieder über die Szene, um mehr Soldaten vorzutäuschen. Mit gewissen Kreditankündigungen geht es ebenso ...“ Jedenfalls tauchten die Eisenhowerschen 500 Millionen wieder in der Kennedy-Milliarde der „Allianz für den Fortschritt“ auf der Konferenz von Punta del Este auf.

Die kurzsichtige Oberschicht

Zwischen Eisenhowers Hilfsplan und Kennedys Entwicklungsprogramm liegt aber ein weiter Sprung in der nordamerikanischen Lateinamerika-Politik. Roosevelts „Politik der guten Nachbarschaft“ beruhte auf der Garantie, daß sich die USA nicht in die „inneren Angelegenheiten“ der südamerikanischen Staaten mischen würden. Unter dem Schirm dieser sogenannten „Nicht-interventionspolitik“ arbeitete das State Department eng mit den lateinamerikanischen Diktatoren zusammen und stützte sich auf die „Oberschicht“, die sogenannte „Oligarchie“, die Offiziere und die Kirche. Der liberale Kennedy hatte schon im Wahlkampf diese Politik angegriffen. Die kubanische Revolution machte noch deutlicher, daß der klassenkämpferische Aufstand in Lateinamerika nur zu vermeiden war, wenn [demokratische Regime an der Macht blieben und die Oberschicht auf die aus der Kolontalzeit erhaltene Wirtschaftsstruktur, vor allem Latifundien und Minimalsteuern, verzichtete.

Düstere Zukunftsaussichten

Die Oberschicht allerdings ist zu kurzsichtig, um Kennedys Gedankengänge — man muß etwas geben, um nicht alles zu verlieren — zu akzeptieren. Auf der anderen Seite besteht die sogenannte „Masse“ (Durchschnittseinkommen: 120 Dollar im Jahr!) aus Analphabeten, die noch kaum wissen, daß es die USA gibt, und wirtschaftspolitischen Überlegungen nicht gewachsen sind. Kennedy kann ich also nur an die Berufspolitiker und die Intellektuellen wenden. Nun gehören die Politiker ihren Worten nach zur Masse, ihren Verbindungen und ihren wirtschaftlichen Interessen nach aber zu der „Oligarchie“. Die logischen Verbündeten Kennedys, der geistige Mittelstand, Lehrer und Studenten, sehen aber — mit fast pathologischer Anti-Yankee-Haltung — in der „Allianz“ nur ein Mittel, um die Vormachtstellung der USA auf dem Kontinent zu verankern. So stimmen die südamerikanischen Zeitungen und Parteien zwar scheinbar in den Chor der „Allianz“-Reformer ein. Aber es ist ein Lippenbekenntnis.

Der brasilianische Expräsident Doktor Juscelino Kubitschek hatte mit seiner „Panamerikanischen Operation“ 1958 Entwicklungshilfe geplant, gilt also als hervorragender Sachverständiger auf diesem Gebiet. Er erklärte in Mexiko, die „Allianz“ sei auf dem Weg zum Fehlschlag, der einen Abgrund zwischen USA und den lateinamerikanischen Staaten öffnen und zu Revolution und Chaos führen müsse. Kubitschek sagte, die Enttäuschung der Lateinamerikaner beruhe auf dem Fehlen sofortiger Investitionen. Ob aber die Nordamerikaner, wie er behauptet, nur 600 Millionen, oder, wie sie antworten, eine Milliarde im Vorjahr ausgegeben haben, in jedem Fall hatte Kennedy in Punta del Este Hoffnungen auf zwei Milliarden im Jahr gemacht. Auch wenn die lateinamerikanischen Regierungen fähiger in der Planung wären, reichten die verfügbaren Gelder jedenfalls nicht zu mehr Finanzierungen, als“ die Entwicklungspläne Kolumbiens, Chiles und Boliviens erfordern. Dr. Kubitschek und sein kolumbianischer Kollege, der Expräsident C a m a r g o, sind von der „Organisation amerikanischer Staaten“ aufgefordert worden, Gutachten über die Ursachen für die „Verzögerung“ der Entwicklungspläne zu machen. Da sie nicht ihre eigenen Parteien verstimmen wollten, haben sie in erster Linie nicht die Kurzsichtigkeit der „Oligarchie“, sondern die Kontrolle der USA verantwortlich gemacht. Nach ihren Vorschlägen soll eine interamerikanische Kommission — wie beim Marshall-Plan — die Panung organisieren, all ob ohne die Identifizierung Washingtons mit dem Plan sein Fehlschlag vermieden würde. So bleibt jeder Fortschritt auf dem Papier!

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