Indigene - © Foto: Bildnachweis
Religion

Indigene als „Hemmschuh“?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Probleme der Indigenen in den Ländern Amazoniens sind nicht überall gleich. Aber als „Entwicklungshindernis“ werden sie von  vermeintlichen Fortschrittsverfechtern fast überall wahrgenommen.

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Die Probleme der Indigenen in den Ländern Amazoniens sind nicht überall gleich. Aber als „Entwicklungshindernis“ werden sie von  vermeintlichen Fortschrittsverfechtern fast überall wahrgenommen.

Patricia Gualinga ist eine eindrucksvolle Erscheinung. Kaum 1,50 Meter groß hat sie das Auftreten einer indianischen Prinzessin, die ihr Anliegen zu vertreten versteht. Die ecuadorianische Gemeinde Sarayaku, unweit der Grenze zu Kolumbien, hat einen jahrelangen aber erfolgreichen Kampf gegen ein Erdölprojekt auf ihrem Boden geführt. Davon erzählte sie bei der Tagung „Die Zukunft der indigenen Völker Lateinamerikas“ in der oberschwäbischen Benediktinerabtei Weingarten im Juni 2018.

Dabei wurde nicht zuletzt die Frage gestellt, was wir von den amerikanischen Ureinwohnern lernen können. Ecuadors Regierung vergab 1996 eine Lizenz an den argentinischen Erdölkonzern CGC für Förderungen im Gebiet von Sarayaku. „Da man die Geschichte unseres Widerstandes kannte“, so Gualinga, „beauftragten sie Ethnologen. Die kannten unsere Sprache, unsere Kultur und unsere Traditionen und begannen Schritt für Schritt unsere Willenskraft zu unterminieren.“ Einige der Nachbargemeinden hätten der Versuchung nicht widerstanden. Man versprach ihnen Schulen, Gesundheitszentren, Arbeitsplätze. Aber Sarayaku mit seinen 1200 Einwohnern habe nicht nachgegeben. Man wollte keine Ölbohrungen, die das Wasser verseuchen und die Gemeinschaft zerstören. „Wir sahen uns einer Militarisierung gegenüber, einer Strategie der Verleumdung und Einschüchterung, einer Strategie der Blockade unserer Zufahrtswege. Aber wir haben viele Monate standgehalten.“

Widerstand auch via World Wide Web

Ironischerweise kam die Wende, als man begann, sich der Instrumente des Gegners zu bedienen. Patricia Gualinga: „Wir haben die erste Internetleitung nach Sarayaku geleitet, um die Welt um Unterstützung zu bitten. Wir haben eine Web-Seite eingerichtet und all unsere Verbündeten der Menschenrechtsorganisationen alarmiert, damit sie den ecuadorianischen Staat unter Druck setzen.“ Man installierte also mitten im Urwald eine Satellitenschüssel und betreibt über Solarzellen ein Internetcafé. Gleichzeitig wurde der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte angerufen, der der Gemeinde Sarayaku schließlich im Jahr 2012 Recht gab. Ihr Recht auf selbstbestimmtes Leben wurde bestätigt.

Der Ölkonzern musste abziehen – samt dem in Sarayaku gelagerten Sprengstoff für die Ölbohrungen. Allerdings nicht ohne vom Staat eine fette Entschädigung für die entgangenen Gewinne einzufordern. Entschädigt werden musste auch die Gemeinde, die mit dem Geld eine Bank für Kleinkredite gründete und zwei Flugzeuge anschaffte, mit der Kranke und Verletzte ins nächste Spital gebracht werden können. Noch weiter weg von der westlichen Zivilisation liegt die kolumbianische Amazonasgemeinde La Chorrera. Die Anwältin Fany Kuiro macht anschaulich, wie entlegen dieses Gebiet ist: „Im Flugzeug sind es nur zwei Stunden in die Hauptstadt. Wenn man aber zu Wasser und zu Land unterwegs ist, braucht man einmal 20 Tage, um in die Urwaldmetropole Leticia zu kommen. Wenn man Glück hat, kann man dort ein Frachtflugzeug nach San José de Guaviare nehmen. Von dort sind es dann mit dem Bus nur mehr 18 Stunden bis Bogotá.” Die Tochter eines Kaziken hat es aber nicht nur bis Bogotá geschafft, sondern konnte auf dem zweiten Bildungsweg auch maturieren und schließlich ein Jus-Studium abschließen: „Ich war die erste Uitoto-Anwältin. Vor mir hatten es nur ein paar Männer geschafft.“ Die Uitoto waren einst ein großes Volk, sagt Fany: „Durch die Kautschukgewinnung in unseren Wäldern wurden wir bis auf 60 Personen ausgerottet.“ Jetzt sind es wieder 3000. Die Bewahrung der Sprache sieht sie als große Aufgabe: „Der Gebrauch der eigenen Sprache ordnet die Gedanken und das Territorium.” Es gibt ein Wörterbuch und eine Grammatik. Fany Kuiro schreibt auch ihre WhatsApp-Nachrichten auf Uitoto.

Guerilla, Paramilitärs, Coca-Bauern …

Sie setzt sich auch dafür ein, dass die Völker, die keinen Kontakt zur Zivilisation wünschen, in Ruhe gelassen werden. Als trauriges Beispiel dienen die Nukak Maku im kolumbianischen Guaviare, die vor rund 30 Jahren entdeckt wurden: „Von den ursprünglich 2000 sind nicht mehr als 500 übriggeblieben. Sie verschwinden, wie das Wasser zwischen den Fingern. Die Regierung war nicht imstande, dieses Sterben zu verhindern. Die Guerilla, rechte Paramilitärs, illegale Holzhändler, Coca-Bauern sind alle in ihr Gebiet eingedrungen und haben ein soziales Chaos verursacht. Durch den Kontakt mit der anderen Welt sind bei den Indigenen neue Bedürfnisse entstanden, die sie nicht befriedigen können. Sie werden drogenabhängig oder landen in der Prostitution.“ Die meisten Staaten Lateinamerikas haben inzwischen anerkannt und in ihren Verfassungen festgeschrieben, dass die indigenen Völker Anspruch auf einen geschützten Lebensraum haben, der dem Zugriff der kapitalistischen Wirtschaft entzogen werden muss.

Physische Bedrohung von indigenen Völkern, wo es wirklich um Mord und Auslöschung geht, beobachten wir mit steigender Tendenz, besonders in Brasilien und Kolumbien. (Malte Reshöft, Misereor)

Dass die Gesetze meist nicht eingehalten werden, wenn sich die Staaten von wirtschaftlichen Interessen leiten lassen, konnten die Delegierten der indigenen Völker in Weingarten anschaulich darstellen. In Agrarexportländern werden die Indigenen als Entwicklungshindernis betrachtet. Entsprechend gering ist meist die Aufregung über getötete Indios. Malte Reshöft vom katholischen Hilfswerk Misereor in Deutschland kennt dieses Problem aus der eigenen Arbeit: „Das Thema der physischen Bedrohung von indigenen Völkern, wo es wirklich um Mord und Auslöschung geht, ist ein Phänomen, das wir mit steigender Tendenz beobachten, besonders in Brasilien und Kolumbien. Das steht in Zusammenhang mit Territoriumsfragen. Der Druck auf Ländereien wird tatsächlich immer größer.“

Brasilien hat im Vorjahr fast ein Viertel seines Bruttoinlandsprodukts im Agrarsektor erwirtschaftet. 2014 waren es erst knapp 17 Prozent. Weniger als ein Prozent der Landeigentümer kontrollieren 45 Prozent des Landes. 33 Millionen Hektar Land sind allein mit gentechnisch manipulierter Soja bepflanzt. Und die Fläche steigt von Tag zu Tag – meist auf Kosten der Wälder und der indigenen Völker. Für jene, die ihr Gebiet noch nicht rechtsverbindlich vermessen, abgesteckt und garantiert haben, ist es noch schwieriger. Malte Reshöft: „Leider gibt es eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Brasilianern, die die Forderung nach indigenen Territorien und Rechten als Behinderung des Fortschritts der gesamten Nation empfinden.“ Bolivien – leider kein Musterbeispiel Wie ist das in Bolivien, das sich eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt gegeben hat, die von einem plurinationalen Staat spricht, und außerdem vom Aymara Evo Morales regiert wird? Adhemar Mole vom Volk der Mojeños im bolivianischen Tieflanddepartement Beni seufzt tief: „Wir haben eine der schönsten Verfassungen.

Sie garantiert die Rechte aller Menschen, aber leider wird sie nicht eingehalten. Bolivien hat hohes Wirtschaftswachstum, aber bei den Indigenen ist nichts davon angekommen. Denn die Macht haben noch immer die Gleichen. Sie haben sich mit Evo verbündet: die Viehzüchter, die Unternehmer, die Kooperativen. Wir Indigenen sind genauso ausgegrenzt wie vorher. Unser Territorium ist ein Paradies, aber trotzdem leben wir in prekären Verhältnissen. Wir verlangen vom Staat nicht mehr, als dass er seiner Aufgabe nachkommt und unsere Rechte respektiert.“ Adhemar Mole und seine Leute wehren sich seit Jahren gegen eine große Straße, die die Regierung durch das Naturschutzgebiet Tipnis bauen will: „Es heißt, die Straße soll Entwicklung bringen: Schulen, Gesundheit, staatliche Dienstleistungen. Das ist aber völlig falsch. Denn die indigenen Gemeinden liegen Hunderte Kilometer abseits dieses Projekts. Es dient den Coca-Bauern, die dort ihre Felder haben und führt zu den Ölquellen, die die Regierung mit einem brasilianischen Konzern ausbeuten will. Deswegen gibt es Widerstand in Tipnis, den wir auch in die internationalen Gerichtshöfe getragen haben.“ Auch die Bolivien-Kennerin Juliana Ströbele-Gregor, die lange Jahre an der Freien Universität Berlin gelehrt hat, ist von Evo Morales „entsetzlich enttäuscht“. Er betreibe eine Wirtschaftspolitik, „die sich in ihrer neoliberalen Praxis keineswegs von der seiner Vorgänger absetzt“. Selbst wenn Indigene regieren, ist das für indigene Rechte also nicht unbedingt eine gute Nachricht.

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