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Armut, Gewalt und die Rauschgiftmafia

1945 1960 1980 2000 2020

Drei Rauschgiftkartelle und eine relativ starke Guerilla versuchen, das wirtschaftliche und politische Leben Kolumbiens zu beherrschen. Der Rauschgiftkrieg, den die USA führen, muß jedoch in deren eigenem Land gewonnen werden. Kolumbien bietet als vielversprechendes Schwellenland die Möglichkeit, nach des Friedensforschers Johan Galtungs Worten „Konfliktlösung durch Entwicklung" zu probieren. Bogota hat nämlich den politischen Willen und das technische Know how, also die Voraussetzungen zur Selbsthilfe.

1945 1960 1980 2000 2020

Drei Rauschgiftkartelle und eine relativ starke Guerilla versuchen, das wirtschaftliche und politische Leben Kolumbiens zu beherrschen. Der Rauschgiftkrieg, den die USA führen, muß jedoch in deren eigenem Land gewonnen werden. Kolumbien bietet als vielversprechendes Schwellenland die Möglichkeit, nach des Friedensforschers Johan Galtungs Worten „Konfliktlösung durch Entwicklung" zu probieren. Bogota hat nämlich den politischen Willen und das technische Know how, also die Voraussetzungen zur Selbsthilfe.

Pablo Escobar, oberster Boss der berüchtigsten Rauschgifthändlervereinigung der Welt, bekannt als das Kartell von Medellin, erteilte selbst vom Gefängnis aus noch Befehle an seine Mordkommandos. Damit gab er der Regierung in Bogota eine Handhabe, die bisher mehr symbolische Haft in eine echte zu verwandeln. 1991 hatte sich Escobar mit mehreren seiner Mitarbeiter gestellt und in ein Luxusgefängnis begeben, das nach seinen eigenen Anweisungen erbaut worden war. Das ganze sollte nicht den Charakter einer Haftstrafe, sondern den einer Sicherheitshaft haben, doch konnte der weltberühmte Bandenchef das Morden nicht lassen und überspannte schließlich den Bogen. Zu guter Letzt wurde doch noch Anklage gegen ihn erhoben, wegen Mordes. Escobar wird wohl auch in Zukunft noch von sich reden machen und dafür sorgen, daß Kolumbien Schlagzeilen macht.

Ausländische Beobachter übertragen gern Erklärungsmuster aus anderen lateinamerikanischen Staaten auf Kolumbien, als ließen sich bestimmte Modellfälle zigmal wiederholen, mit nur leichten Abwandlungen.

So wurde die kolumbianische Guerilla häufig in Analogie zu der in El Salvador gesehen. Politische Morde, soweit die Opfer der Linken angehörten, wurden meist der Armee angelastet, oder aus der Armee hervorgegangenen Todesschwadronen, oder auch Söldnertruppen steinreicher Großgrundbesitzer. Allzu oft wurde recht kritiklos vorausgesetzt, die Regierung in Bogota sei eine korrupte, von Washington abhängige Bande, die sich gegen sozialen Fortschritt sperre und das Land nur ausbeute.

Die kolumbianische Demokratie ist aber älter und echter als die der Nachbarstaaten. Dank seiner zahlreichen Bildungszentren machte das Land frühzeitig eine Aufklärung durch und hat eine lange Tradition Sozialrevolutionären Denkens. Die „Liberale Partei", traditionell die stärkste des Landes, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte nach rechts gerückt und in mancher Hinsicht bürgerlicher als die „Konservative Partei" geworden; dennoch wäre es noch immer nicht falsch, von den Liberalen als den Sozialdemokraten Kolumbiens zu sprechen.

Auf der anderen Seite ist das Problem der Guerilla viel ernster als allgemein angenommen beziehungsweise als die Meldungen in der Weltpresse vermuten lassen. Das liegt zum Teil an der Größe des Landes. Prozentuell mag die Guerilla weniger Territorium unter ihrer Kontrolle haben als in El Salvador (vor dem Ende des Bürgerkriegs), flächenmäßig untersteht der Guerilla jedoch mehr als das gesamte Staatsgebiet El Salvadors.

Die Guerilla ist eine der ältesten Lateinamerikas. Sie erfuhr starken Auftrieb durch die kubanische Revolution und dann noch einmal durch den Machtantritt der Sandinistas in Nicaragua. Die kolumbianische Insel San Andres liegt näher an der Küste Nicaraguas, weit entfernt vom kolumbianischen Festland. Das mag einer der Gründe gewesen sein, weshalb die Sandinistas speziell Kolumbien aufs Korn nahmen, hauptsächlich geschah das aber wohl deshalb, weil die stärkste Guerilla-Organisation, die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias Colombianas = Bewaffnete Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) einen ähnlich orthodoxen (pro-sowjetischen) Kurs verfolgten wie die Sandinistas.

Ein Teil der kommunistischen Führung Nicaraguas wiederum identifizierte sich mit der anderen großen Guerillabewegung, der M-19 (Movi-miento 19 de Abril = Bewegung 19. April), die sich seit Anbeginn mehr an Kuba als an der Sowjetunion orientierte. Auf jeden Fall machte die massive Unterstützung Nicaraguas für die Guerilla der Regierung in Bogota zu schaffen, noch dazu ausgerechnet 1985 bis 1987, als der konservative Präsident Betancur und sein liberaler Nachfogler Barco alle Energie darauf verwandten, die Guerilleros zurReintegration in die politische Gesellschaft zu bewegen.

Inzwischen hat sich die M-19 rehabilitiert und ging aus den letzten Wahlen als drittstärkste Partei hervor. Wie schon so oft in anderen Teilen der Welt, hat sich aber auch hier schnell herausgestellt, daß „Befreiungsfronten" sich nicht leicht in effiziente Verwaltungsapparate verwandeln lassen. Nur wenige Befreiungsbewegungen (wie etwa die eritrei-sche) bereiten sich sorgfältig auf diese viel schwierigere Aufgabe vor, und die M-19 gehörte nicht zu jenen Ausnahmen.

Die FARC ersparten sich diese Blamage. Bei Friedensgesprächen hielten sie die Regierung hin, mit dem Erfolg, daß sie ihre militärische Position während der Jahre 1985 bis 1990 verbesserte, sodaß sie den Regierungstruppen regelrechte Schlachten liefern konnten - während der Verhandlungspausen.

Gleichzeitig nutzten die FARC den Friedenswillen der Regierung dahingehend aus, daß sie sich einen politischen Arm schufen, der in Bogota auftrat, als sei er gar nicht die zivile Vertretung der FARC, sondern eine demokratische Alternative auf der Linken, eine Alternative zu den beiden „Dinosauriern", den „Konservativen" und den „Liberalen". Bei Wahlen erhielt diese „Union Patriotica" nicht einmal drei Prozent der Stirnmen, doch wurde sie im Ausland viel gefeiert. In völliger Verkennung der Lage verschafften manch westliche Medien dieser kommunistischen Partei Kolumbiens ein Image als demokratischer Erneuerungsbewegung -vergleichbar der polnischen „Solidarno sc" in ihrer Anfangsphase.

Als dann der Vorsitzende der „Union Patriotica", Bemardo Jara-millo Pardo, einem Anschlag zum Opfer fiel, gab es weltweit einen Aufschrei der Empörung. Tatsächlich wurden 1988/89 mehr als hundert Funktionäre der Partei ermordet, aber nicht von rechtsextremen Todesschwadronen, wie in der Weltpresse vielfach behauptet wurde, sondern im Verlauf einer internen Säuberungsaktion nach stalinistischem Muster. Das ist mittlerweile so ausführlich belegt worden, daß heute selbst die Parteigänger der „Union Patriotica" sich nicht länger der Mühe unterziehen, diese Liquidierungskampagne der Armee und anderen Todesschwadronen anzulasten.

Anfänglich hatten die FARC mit dem Kartell von Medellin zusammengearbeitet, wovon beide eine Zeitlang profitierten. Fast könnte man sagen, daß sich die beiden gegenseitig aufbauten. Ohne den militärischen Schutz der FARC hätte das Kartell von Medellin gerade in den für seine Arbeiten wichtigsten Landgebieten nicht operieren können. Umgekehrt wären die FARC nie zu dem geworden, was sie heute sind, ohne die Waffen, die sie sich dank der Gelder des Kartells leisten konnten.

Im Laufe der Zeit wurden beide übermütig. Die selbstsicheren FARC bauten ihr eigenes Kartell auf, genannt das Kartell von Urabä, nach der nahe Panama gelegenen Provinz Urabä, in der die FARC den Regierungstruppen die heftigste Schlacht des Bürgerkrieges lieferten. Bei den FARC spricht man auch vom Dritten Kartell, nach dem Kartell von Medellin und dessen bekanntestem Rivalen, dem Kartell von Cali. Rauschgiftkönig Pablo Escobar und seine Medelli-ner Mannen schufen sich ihre eigene paramilitärische Infrastruktur und glaubten dann, auf den guten Willen der unzuverlässigen FARC nicht länger angewiesen zu sein. Man kam sich ins Gehege und bekriegte sich ein halbes Jahr lang. Seither geht man sich nach Möglichkeit aus dem Weg.

Kolumbien war zu Beginn des Jahrhunderts im wahrsten Sinne des Wortes eine Bananen-Republik, dann wurde es zur Kaffee-Republik und schließlich entwickelte es sich mehr und mehr zur Blumen-Republik, insofern als Blumen ein wichtiger Exportartikel in die USA sind. Doch reicht weder das eine noch das andere, um den Bedürfnissen einer so dynamischen Nation wie der kolumbianischen gerecht zu werden. Den USA grollen die Kolumbianer wegen der Importbeschränkungen, durch die die wirtschaftliche Entwicklung gebremst wird.

Das ist ein entscheidender Grund dafür, daß Kolumbien zur Kokain-Republik wurde und nun, nachdem der Kokain-Vertrieb eingedämmt ist, scheint das Land im Begriff zu stehen, zur Heroin-Republik zu werden. 1992 hat sich das Muster des kolumbianischen Rauschgiftexports dahingehend verändert, daß anstelle von Kokain immer mehr Heroin in die USA geliefert wird. Am Volumen des Schmuggels hat sich wenig verändert, trotz der harten Schläge gegen das Kartell von Medellin. Das nicht weniger effiziente Kartell von Cali ist ohnehin weitgehend intakt geblieben. Es tritt weniger bombastisch auf und hat sich statt in Miami in New York fest eingenistet. Dort gibt es die wohl stärkste Auslandsgemeinde der Kolumbianer.

Insgesamt leben etwa eine Million Kolumbianer in den USA. Die große Mehrheit zeichnet sich durch Fleiß und Vielseitigkeit aus und fällt wenig auf. Dank ihrer meist guten Schulbildung haben die Kolumbianer in den USA generell eine bessere Ausgangsposition als zum Beispiel die Masse der unterprivilegierten Mexikaner. Die Überweisungen dieser Auslandsgemeinde sind eine wichtige Einnahmequelle für Kolumbien. Aber eine solch große Gemeinde bietet auch der Rauschgiftmafia eine günstige Basis, sehr zum Leidwesen der biederen Mehrheit; denn das Image leidet natürlich unter der heute fast automatischen Assoziierung von Kolumbien mit Rauschgiftmafia.

Schuld an der Armut war lange Zeit die Abhängigkeit von Monokulturen, also speziell die schwierige Lage des Kaffees auf dem Weltmarkt. Die Ölvorkommen lassen sich zwar nicht mit denen des Nachbarlandes Venezuela messen, doch könnten sie zu einer dramatischen Verbesserung des Lebensstandards führen, lägen sie nur nicht so tief im Innern des Landes. Die lange Pipeline zur Küste führt durch ein von der Guerilla besonders verseuchtes Gebiet und ist ein ideales Angriffsziel. Mit anderen Worten, die Bekämpfung der Armut setzt eine Befriedung des Landes voraus. Bogota muß also, wohl oder übel, die miitäri-schen Anstrengungen verdoppeln.

Nach zwei Jahrzehnten unermüdlicher Kritik am System gehen heute die Gewerkschaftler um den Politologen Francisco Mosquerea und seinen populären politischen Sprecher, Marcelo Torres, meist Wahlbündnisse mit den Liberalen ein. Trotz ihres sozialrevolutionären Namens MOIR (Movimiento Obrero Independiente Revolucionario) hat diese Bewegung stets gegen die Sinnlosigkeit der Guerillatätigkeit agiert. Die von MOIR in entlegene Landgebiete entsandten Sozialarbeiter und „Barfußdoktoren" wurden zur beliebten Zielscheibe der FARC.

Die wirtschaftliche Benachteiligung dieses aufstrebenden südamerikanischen Staates schafft die Heere von gamines, von streunenden Gassenkindern, aus denen dann Abenteurer und Politgangster ihre sicarios rekrutieren, tollkühne Selbstmordkommandos, die Teherans „Gottespartei" (hez-bollah) vor Neid erblassen lassen. Raul Fernändez lehrt als Kolumbienspezialist Vergleichende Kulturanthropologie an der University of California in Irvine. Er hat nachweisen können, daß die sicarios ihr Leben nicht für den wahren Glauben opfern, sondern sie hinterlassen das Entgelt für ihren Kamikäze-Tod der Mutter oder der Schwester, damit jene ein menschenwürdiges Leben führen können, damit der Rest der Familie den Absprung aus der Misere schafft. Einer solch todesmutigen Entschlossenheit kann nur mit sozialen Maßnahmen begegnet werden.

Washington hatte es 1989 geschafft, die Kandidatur des als Nationalisten bekannten Hernän Durän zu verhindern, mit dem Ergebnis, daß Kolumbien die geringste Wahlbeteiligung aller Zeiten erlebte. Der jugendliche Cesar Gaviria erwies sich jedoch als ein schwieriger Partner.

Der Präsident kennt die Stimmung im Volk und hat den Amerikanern deshalb wiederholt unter die Nase gerieben, daß man dem Rauschgift nicht allein durch Kriegführung in Kolumbien beikommen kann, solange der Konsum in den USA wie ein Kavaliersdelikt geahndet und keine ernsthaften Maßnahmen gegen den Vertrieb unternommen werden.

Verglichen mit dem Bürgerkrieg in Kolumbien ist das Vorgehen der Polizei in den USA theatralisch zu nennen. Das Sterben auf den Straßen der amerikanischen Großstädte kann man kaum den Kolumbianern anrechnen, wohl aber das Sterben auf den Straßen kolumbianischer Städte den Amerikanern; denn der Rauschgiftgkrieg in Kolumbien wird ausgelöst durch die Nachfrage in den USA, nicht umgekehrt.

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