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"Es gibt Stimmen für den Frieden"

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ex-Kommandantin einer Guerilla-Truppe im kolumbianischen Bürgerkrieg kämpft nun für Frieden und erwartet Widerstand gegen eine politische Destabilisierung.

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Die Ex-Kommandantin einer Guerilla-Truppe im kolumbianischen Bürgerkrieg kämpft nun für Frieden und erwartet Widerstand gegen eine politische Destabilisierung.

Die Anthropologin Vera Grabe Loewenherz ist eine ehemalige Guerillakämpferin, die von 1970 bis 1990 im Bürgerkrieg kämpfte. Dann legte sie die Waffen nieder und ist seither Politikerin und Friedensaktivistin.

DIE FURCHE: Mit Iván Duque ist ein Mann zum Präsidenten gewählt worden, der ein Protegé des ultrarechten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe ist. Was kann man von dieser Präsidentschaft erwarten?

Vera Grabe: Das ist nicht ganz leicht vorauszusagen. Kolumbien ist nicht mehr dasselbe Land, wie einst unter Álvaro Uribe, der von 2002 bis 2010 regiert hat. Ein Mann wie Gustavo Petro bekam über acht Millionen Stimmen. Letzte Woche gab es große Mobilisierungen gegen die Ermordung von Aktivisten und Anführern sozialer Bewegungen in den Regionen. Er kann nicht mehr machen, was er will. Es gibt eine starke Opposition und viele Stimmen für den Frieden. Duque kann das Abkommen nicht "in der Luft zerreißen", wie er am Beginn des Wahlkampfes gedroht hatte. Manche haben von einer kommenden Diktatur gesprochen und dass man jetzt in den Untergrund gehen muss. Ich glaube das nicht. Ich denke vielmehr, die Wahlen haben die Demokratie gestärkt, denn es gibt jetzt eine echte Opposition. Zum ersten Mal sind die Linke und das politische Zentrum so stark. Früher war das immer eine Randerscheinung. Diese Kraft wird nicht still bleiben. DIE FURCHE: Es heißt, dass es zwei Jahre nach dem Friedensabkommen große Probleme bei der Integration von FARC-Kämpfern gibt. Grabe: Die Tatsache wird meist unterbewertet, dass die FARC den Entschluss gefasst hat, sich in eine politische Partei zu verwandeln. Dem Bild des ehemaligen Oberkommandierenden bei der Stimmabgabe wurde von den Medien kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Das war ein historisches Ereignis. Allein, dass kaum noch jemand durch den bewaffneten Konflikt stirbt, ist ein Fortschritt, den die Menschen in den Regionen sehen und spüren. Andererseits werden fast täglich Aktivisten der sozialen Organisationen ermordet. Die Reintegration geschieht, aber sie geschieht viel zu langsam. Die meisten ehemaligen Kämpfer haben deswegen die Übergangslager verlassen.

DIE FURCHE: Sie sollten ja durch ein Stück Land oder eine Berufsausbildung die Grundlage für ein neues Leben in Friedenszeiten bekommen. Findet das statt?

Grabe: Es gibt Bildungsprogramme, etwa Maturakurse. Wichtig sind die Produktionsprojekte. Die gibt es vor allem dort, wo ehemalige Comandantes selbst initiativ geworden sind und sich um Landerwerb gekümmert haben. Die Regierung ist säumig.

DIE FURCHE: Wenn die Regierung das Friedensabkommen nicht erfüllt oder offen bricht: Hat die FARC ein Druckmittel, um sich dagegen zu wehren?

Grabe: Jedenfalls nicht die Rückkehr zum Krieg. Die Entscheidung zum zivilen Kampf ist endgültig. Und egal wie beliebt oder unbeliebt die FARC heute ist, die Menschen in den Regionen sind froh über den Frieden und werden sich dafür einsetzen, dass das Abkommen erfüllt wird. Es geht um Land, um Opferentschädigung, nicht nur um Stimmen für die FARC.

DIE FURCHE: Sie sind 30 Jahre nach Ihrer eigenen Demobilisierung immer noch mit Leibwächtern unterwegs. Muss das sein?

Grabe: Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, weil in polarisierten Zeiten alles in einen Sack geworfen wird. Obwohl ich nicht mehr politisch aktiv bin, kennt man mich. Man muss vorsichtig sein, weil das Land noch nicht wirklich im Frieden ist und oft die schwächeren, die "weicheren" Ziele angegriffen werden. Leute, die einen beschimpfen und bedrohen, können durchaus auch handeln.

DIE FURCHE: Kolumbien ist nicht nur das Land von 100 Jahre Einsamkeit, wie im berühmten Roman von Gabriel García Márquez, sondern auch ein Land mit 200 Jahren republikanischer Geschichte nahezu im Dauerkrieg. Das steckt tief drinnen. Wo setzt man an mit Friedenserziehung und was kann man erreichen?

Grabe: Beim Observatorio para la Paz versuchen wir, Bewusstsein zu schaffen: in den Beziehungen, in der täglichen Praxis, in der Sprache. Mit verschiedenen Tools wird daran gearbeitet, wie Gewalt ein Zeichen der Ohnmacht ist, nicht von Kraft. Andererseits geht es darum, die Friedenskapazitäten offenzulegen, Feindbilder und Vorurteile abzubauen. Konflikte sind nichts Schlechtes, sie gehören zum Leben und dienen dazu, etwas zu ändern. Wenn die Leute sich bewusst sind, dass sie besser zusammenleben, wenn der Machismo abgebaut wird, wenn der Lehrer nicht autoritär handelt, dann entstehen andere Einstellungen und es bewegt sich was. Der Friede ermöglicht, das anders zu sehen und besser zusammenzuleben.

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