Auf das Fest folgt Katzenjammer

Im Fußball hat Südamerika den Weltmeistertitel nur knapp verpasst. In Politik und Wirtschaft ist der Aufholbedarf bei weitem größer. Es warten schwierige Zeiten.

Die Fieberkurve in Lateinamerika war in den vergangenen Wochen von den sportlichen Höhen und Tiefen in Brasilien getrieben: von den unerwartet starken Auftritten Mexikos, Kolumbiens, Chiles oder Costa Ricas, vom brasilianischen Debakel gegen die deutsche Tormaschine und vom glücklosen Untergang der kämpferischen Argentinier im Finale. Wenn die Helden gefeiert und die Wunden geleckt sind, werden das Veranstalterland und die anderen Staaten des Subkontinents sich mit weniger emotional besetzten, aber dafür umso nachhaltigeren Problemen beschäftigen müssen: Schulden, Strukturschwächen, Wirtschaftsflaute und Bürgerprotesten.

Brasiliens Wachstumsproblem

Das beginnt schon beim Veranstalterland. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff ist zwar nicht verantwortlich dafür, dass Superstar Neymar die WM nicht beenden konnte und die Abwehr eine miserable Figur machte. Aber sie wird ihrem enttäuschten Volk erklären müssen, warum die Fifa mit fetten Gewinnen aus Brasilien abzieht, während dem Land nach dem Fußballfest gigantische Schulden für pharaonische Bauten bleiben. Rousseff muss sich im Oktober der Wiederwahl stellen und kann kaum Flüsse aus Milch und Honig versprechen. Die Programme, die 42 Millionen Brasilianer aus der Armut geholt haben, sind mit einem BIP-Wachstum von nur 1,8 Prozent schwieriger zu finanzieren. Noch bevor der güldene Pokal vergeben war, begann sich daher die Protestbewegung neu zu formieren.

Brasilien ist zwar inzwischen auf dem Weg zur Industrienation. Aber das Land bleibt abhängig von seinen Rohstoffexporten - und das gilt für ganz Lateinamerika. Kolumbiens jüngst im Amt bestätigter Präsident Juan Manuel Santos etwa sieht im Bergbau die "Entwicklungslokomotive“. Dass der Abbau von international begehrten Mineralien allerdings wenig zur Entwicklung der betroffenen Gemeinden beiträgt, kann man schon an der Notwendigkeit eigener Armee-Einheiten zum Schutz der Projekte erkennen. Nicht weniger als 80.000 Soldaten, mehr als ein Drittel der Landstreitkräfte, sind dazu abgestellt, die Proteste der lokalen Bevölkerung zu unterdrücken. Wie die Menschenrechtsorganisation MiningWatch Canada aufzeigt, sind "die ressourcenreichen Regionen Schauplatz von 87 Prozent der Vertreibungen, von 82 Prozent der Menschenrechtsverletzungen sowie von 83 Prozent der Morde an Gewerkschaftsführern“.

Die Funktion dieser Bataillons, so folgert die NGO, ist es nicht, über die öffentliche Sicherheit zu wachen, sondern "die ausländischen Investitionen und die Bergbauprojekte zu beschützen“. Noch bevor der Dialog zwischen Regierung und FARC-Guerilla, der 50 Jahre bewaffneten Kampfes beenden soll, in die Zielgerade schwenkt, ist offensichtlich, dass die Ursachen der Gewalt eng mit wirtschaftlichen Interessen verknüpft sind. Ein Friedensabkommen wird daran nichts ändern.

Argentinien wird währenddessen von der Schuldenkrise eingeholt, die durch Umschuldungen und teilweise Streichung von Altlasten nur hinausgeschoben werden konnte. Ein US-Hedgefonds darf um 49 Millionen US-Dollar gekaufte Wertpapiere zum 17-fachen Preis fällig stellen. Die empörte Solidarität ganz Lateinamerikas blieb daher nicht aus. Und auch auf dem BRICS-Gipfeltreffen der Schwellenländer in Fortaleza, wo diese Woche die Staatschefs Brasiliens, Russlands, Indiens, Chinas und Südafrikas zusammentrafen, war Argentiniens Kampf gegen die "Aasgeier“ der Finanzspekulation ein Thema. Vladimir Putin hatte Samstag bei einem Besuch in Buenos Aires weitgehende Wirtschaftskooperationen vereinbart.

Auch China ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Handelspartner Lateinamerikas geworden. In Brasilien hat das Reich der Mitte die USA als größter Käufer und Verkäufer bereits überholt. Im vergangenen Jahrzehnt katapultierte sich China für Kolumbien vom 35. auf den 4. Platz als Exportmarkt und vom 15. auf den 2. Platz als Lieferant von Importen. Ähnliches ist auch aus Venezuela, Mexiko und Costa Rica zu melden. Durch die Diversifizierung des Marktes kann Lateinamerika zwar einseitige Abhängigkeiten verringern, doch an der Struktur des Handels ändert sich damit wenig. Auch China kauft Kupfer, Eisen, Rohöl und Sojabohnen. Die Direktinvestitionen in Lateinamerika und der Karibik bleiben aber mit 5,3 Prozent aller Investitionen in der Region bescheiden.

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Luis Moreno, der Chef der Interamerikanischen Entwicklungsbank, hat das Problem jüngst angesprochen. Lateinamerika bringe einige der besten Fußballer der Welt hervor: "Warum können wir nicht einen Messi oder Neymar der Wissenschaft und Technologie heranzüchten?“ Das sei keine Talentfrage, sondern eine der Prioritäten. Tatsächlich wird in Forschung und Entwicklung wenig investiert. Während Südkorea sich laut Weltbank 5451 Wissenschaftler pro Million Einwohner leistet, liegt die Vergleichszahl für Lateinamerika gerade bei 560. Solange sich daran nichts ändert, wird es ein nachhaltigeres Zeitalter für Lateinamerika kaum geben können.

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