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Es braucht Gesinnung und Verantwortung

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Wie stellen sich die Kirchen in Europa zur Flüchtlingskrise? Auch Christen sind zunächst Bürger des eigenen Landes und die Kirchen daher immer auch Spiegel ihrer Länder und Bevölkerungen. Oft genug aber gehen sie darüber hinaus und erheben prophetisch Widerspruch.

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Wie stellen sich die Kirchen in Europa zur Flüchtlingskrise? Auch Christen sind zunächst Bürger des eigenen Landes und die Kirchen daher immer auch Spiegel ihrer Länder und Bevölkerungen. Oft genug aber gehen sie darüber hinaus und erheben prophetisch Widerspruch.

Ein Jahr ist vergangen, seit die Flüchtlingskrise unerwartete Ausmaße angenommen hat. Unverständig und konfrontativ stehen einander seither Befürworter einer Willkommenskultur und solche, die das eigene Land durch innere und äußere Grenzen schützen wollen, gegenüber. Nicht nur in Österreich trägt diese Krise zum Auseinanderdriften von Überzeugungen bei. Kaum ein Land in Europa, dessen Kontroverse nicht davon geprägt wäre. Ließe sich fragen: Welche Position nehmen die Kirchen in Europa in diesem Diskurs ein?

Die anfängliche Euphorie mag gewichen sein, mit der die über den Balkan kommenden Flüchtlinge willkommen geheißen wurden. Im Zuge der bewundernswerten Hilfsbereitschaft hatten erst einmal die geschwiegen, die sich Sorgen um die Bewältigung oder auch um die kulturelle Identität machten. Jetzt schweigen sie nicht mehr, weil sie etwa befürchteten, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Für den evangelischen Theologen Ulrich Körtner deutet sich hier Max Webers klassische Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik an. Selbstkritisch versteht er die Haltung in den Kirchen Europas als allzu sehr gesinnungsethisch ausgerichtet. Doch ist diese Unterscheidung zutreffend, nach der man entweder verantwortungsethisch argumentiert oder aber auf den christlichen Glauben bezugnehmend fundamentalchristlich zu handeln versucht? Der Blick auf Europa zeigt, dass gerade auch exemplarisches Handeln dazu geeignet ist, einen gesellschaftspolitischen Beitrag zur Verständigung - und manchmal zum Gegenteil - zu leisten.

"Was die Schweiz verkraften kann"

In der Schweiz wird auf die Trennung von Staat und Kirche Wert gelegt, und so lässt sich in den kirchlichen Stellungnahmen eine Zurückhaltung gegenüber staatlichen Entscheidungsprozessen erkennen. Ferner erlebt die Schweiz in den vergangenen Jahren einen starken Rückgang an konfessionsgebundener Religiosität. Die gesellschaftliche Rolle der Kirche schwindet mehr und mehr. Daher nehmen umso mehr Christen als realpolitisch denkende Bürger an den Meinungsbildungsprozessen teil. Auffällig häufig werden dabei Argumente genannt, die nach dem Wohl und der Leistungsfähigkeit des eigenen Landes fragen. "Wir müssen uns fragen, was die Schweiz von Migration hat und was die Schweiz verkraften kann", sagt ein Schweizer Theologe, der davor warnt, dass Flüchtlinge für ihre illegale Zuwanderung "belohnt" werden. Nicht zufällig, dass gerade die Schweizer an die Unterscheidungen der "Genfer Flüchtlingskonvention" erinnern, nach der an Leib und Leben bedrohte Flüchtlinge zu unterscheiden sind von Schutzbedürftigen und diese wiederum von nach besseren Lebensumständen suchenden "Wirtschaftsmigranten". Die verantwortungsethische Absicht ist nicht zu übersehen.

Ganz anders etwa in Italien. Ein Bündnis aus evangelischen und katholischen Organisationen hat mit der italienischen Regierung ein Abkommen unterzeichnet, um Flüchtlingen eine sichere und legale Einreise zu ermöglichen. Mehr als eine Million Euro wurde dabei aus Otto-per-Mille - der italienischen Kirchen- und Kultursteuer -von Seiten der waldensischen Kirche als Startfinanzierung zur Verfügung gestellt. Die Kirchen unterhalten Anlaufstellen im Libanon und in Nordafrika, stellen Flugtickets zur Verfügung, sorgen für die Unterbringung der Flüchtlinge und vermitteln Bildungsangebote wie italienische Sprachkurse. Geplant ist, dank der "humanitären Korridore" 1000 Menschen unterschiedlicher Religion die tödliche Reise übers Meer zu ersparen und ihnen die Würde einer legalen Einreise zu geben. 1000 Menschen, ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Damit tritt das italienische Projekt weit professioneller und nachhaltiger auf als beispielsweise die Aktion der tschechischen Stiftung "Generace 21", die ihrer tschechischen Regierung abringen konnte, genau 153 christliche Iraker ins Land zu lassen. Sie orientierten sich wohl an den 153 Fischen, die der Bibel zufolge die Apostel mit Hilfe des Auferstandenen aus dem See fischen konnten. Unglücklicherweise wollten etliche von ihnen sogleich nach Deutschland weiterreisen, was zu diplomatischen Verstimmungen führte und das Projekt bald stoppen ließ.

Weder exemplarisch noch pragmatisch, sondern schlicht ablehnend verhalten sich bekanntermaßen osteuropäische Länder wie Ungarn. Die Geschichte ihrer Grenzen prägt die kollektive Psyche und trägt heute dazu bei, sich einem Bollwerk gleich gegen alle Eindringlinge zu wenden. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán muss an dieser Stelle nicht weiter eingeführt werden. Er selbst empfängt als reformierter Christ wöchentlich den reformierten Bischof István Szabó, und es ist kaum überraschend, dass sowohl in der Kirche als auch in der Bevölkerung Flüchtlinge schlicht als Bedrohung der Gesellschaft und der christlichen Werte angesehen werden. Der deutsche Sprecher der Protestanten Bischof Heinrich Bedford-Strohm bohrte anlässlich eines Podiumsgesprächs Anfang Juli in Budapest bei Kabinettsmitglied Minister Zoltán Balog, selbst auch reformierter Pfarrer, nach: Warum weigert sich Ungarn, die 2100 Flüchtlinge aufzunehmen, die dem Land aufgrund des Verteilungsschlüssels für das Kontingent der von der EU zur Verteilung vorgesehenen 160.000 zukommen, wollte der Bischof wissen. Das "Nein" zu dieser konkreten Zahl sei ein symbolisches "Nein", das aufgrund der ungeklärten Mechanismen zur Begrenzung in der Zukunft jetzt nötig sei -so der ungarische Sozial-und Kultusminister. Ein symbolisches "Nein" als Ausdruck von Verantwortung?

Auffallend anders agieren die Kirchen in Deutschland, denen es aufgrund ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung möglich ist, über das Beispielhafte hinaus maßgeblich und nachhaltig an der Integration mitzuwirken -so sehr, dass der Vorwurf laut wird, hier übernehme Kirche staatliche Grundaufgaben. Nimmt man allein die Mittel, die im Laufe des vergangenen Jahres die evangelische Kirche für die Flüchtlingsarbeit aufgestockt hat, erreicht man annähernd 100 Millionen Euro. Der Beitrag zur Flüchtlingskrise ist zu einer zweiten Identität der Kirchen geworden. Nicht zu vergessen, dass sich jede dritte Kindertagesstätte in Deutschland in christlicher Trägerschaft befindet und daher einen großen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund betreut.

Verschiedenheit als Bereicherung

In all dem kann Papst Franziskus medienwirksam und symbolträchtig dadurch auffallen, dass er Akzente setzt, wenn er nach seinem Besuch auf der griechischen Insel Lesbos eine Gruppe von zwölf syrischen muslimischen Flüchtlingen mit in den Vatikan nimmt. Hier handle es sich um eine "Geste des Willkommens für Flüchtlinge", so der Sprecher des Vatikan.

Zusammenfassend fällt auf, dass ein realpolitisches, verantwortungsethisches Handeln sich nicht gegen ein aufrichtiges, aus dem Glauben hergeleitetes Handeln abgrenzen lässt. Eine symbolische Geste wiederum kann auch Ausdruck eines nachhaltigen Handelns sein und muss sich nicht dem Vorwurf der Vergeblichkeit stellen.

Ferner wird deutlich, wie jeder Christ, jede Christin zugleich und zunächst Bürger des eigenen Landes ist. Warum sollte es überraschen, wenn auch die Kirchen Spiegel ihrer Länder und Bevölkerungen sind? So darf es umso mehr erfreuen, dass sie oft genug darüber hinausgehen und prophetisch Widerspruch geben und andere Akzente zu setzen. Wie zum Beispiel die französischen Protestanten, die in diesen Tagen an die drei Grundüberzeugungen der Französischen Revolution auf großen Bannern an über 200 Kirchen im Land erinnern: "Liberté, égalité, fraternité: Jetzt Flüchtlinge willkommen heißen".

Man muss sich eben nicht in eine Kiste drängen lassen. Nicht als Bürger seines Landes und nicht als Mitglied seiner Kirche. Es lohnt sich, dem Diskurs nicht auszuweichen und Verschiedenheit als Bereicherung zu verstehen.

Der Autor ist evangelischer Pfarrer in Wien

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