Diesseits von Gut und Böse

Moria: Ist das unchristlich?

1945 1960 1980 2000 2020

Moria sei eine „Gewissensfrage“, schrieb Maria Katharina Moser an dieser Stelle. Doch Gläubige könnten in der Migrations- und Flüchtlingspolitik zu unterschiedlichen Antworten kommen, meint Ludger Schwienhorst-Schönberger. Eine Replik.

1945 1960 1980 2000 2020

Moria sei eine „Gewissensfrage“, schrieb Maria Katharina Moser an dieser Stelle. Doch Gläubige könnten in der Migrations- und Flüchtlingspolitik zu unterschiedlichen Antworten kommen, meint Ludger Schwienhorst-Schönberger. Eine Replik.

„Jeden Tag passiert genau so viel, wie in eine Nachrichtensendung passt“, sagt das Kind zur Mutter. Dieser kindlich-naive Realismus prägt auch den Umgang einer breiten Öffentlichkeit mit den Medien. Für einige Tage war der Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos in Österreich und Deutschland die Top-Nachricht. In anderen europäischen Ländern rangierten die Vorkommnisse unter „ferner liefen“. Weder das eine noch das andere ist falsch.

Im Hintergrund stehen hochgradige Formen der Auswahl. „Was wichtig ist“, wird von einigen Verantwortlichen in den Medien entschieden. Rückt man das Unglück, bei dem meines Wissens kein Mensch zu Tode gekommen ist, in einen globalen Zusammenhang, so handelt es sich um eine der vielen Katastrophen und schrecklichen Missstände weltweit. Überall muss geholfen werden. Hilfsorganisationen und NGOs ringen um Aufmerksamkeit. Die Politik hat die Aufgabe, in der Not zu helfen, abzuwägen, Prioritäten zu setzen, Entwicklungen im Auge zu behalten, angemessen Vorsorge zu treffen und die Folgen politischer Entscheidungen abzuschätzen und abzuwägen. Wer das Unglück in Moria und eine spezifische Form der Hilfe zum status confessionis hochstilisiert, muss sich die Frage gefallen lassen, warum gerade dieses und nicht ein anderes schreckliches Ereignis diesen Status erlangen soll (vgl. dazu den Gastkommentar von Maria Katharina Moser).

Knappheitsbedingungen

Die traurigen Bilder, die uns die Nachrichten vermitteln, rufen Mitleid hervor. Mitleid ist eine wesentliche Quelle sittlichen Handelns. Auch der barmherzige Samariter handelt aus Mitleid (Lk 10,33). Nun war die Notlage, mit der er sich konfrontiert sah, vergleichsweise überschaubar. Wäre er auf eine Gruppe Schwerverletzter gestoßen, hätte er schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen, wem zuerst, wem später und wem vielleicht gar nicht mehr geholfen werden kann. Er hätte die der katholischen Moraltheologie vertrauten Vorzugsregeln anwenden müssen. Das im Rahmen der Corona-Pandemie jüngst diskutierte Modell der Triage hat auf schmerzhafte Weise in Erinnerung gerufen, dass unter Knappheitsbedingungen Vorzugsregeln anzuwenden sind.