#

Syrischer Kreuzweg

Syrien - © Foto: ICO
Religion

Nach der Passion

1945 1960 1980 2000 2020

Nach dem Krieg beginnt der Aufbau. Doch im Syrien von heute gibt es dabei jede Menge Stolpersteine. Blitzlichter einer unmöglichen Lage, in der Menschen trotzdem (über)leben.

1945 1960 1980 2000 2020

Nach dem Krieg beginnt der Aufbau. Doch im Syrien von heute gibt es dabei jede Menge Stolpersteine. Blitzlichter einer unmöglichen Lage, in der Menschen trotzdem (über)leben.

Maalula ist eine christliche Stadt an den Hängen des Antilibanon-Gebirges. Ein einst beschaulicher Ort, in dem bis heute ein aramäischer Dialekt gesprochen wird – einer der wenigen Orte, in denen die Sprache Jesu noch lebendig ist. 2013 kamen Rebellen in die Stadt – von der Freien Syrischen Armee und von den Al-Nusr-Brigaden, dem syrischen Arm der Al-Kaida. 2014 eroberte die syrische Armee die Stadt wieder, die Rebellen, die „Terroristen“, zogen ab, und der Wiederaufbau begann.

Fünf Jahre später sind Gotteshäuser und Klöster wiederaufgebaut. Man sieht aber noch die Ikonen mit ausgeschnittenen Gesichtern – das Erste, was die islamistischen Kämpfer gemacht haben, erzählen die Menschen den Reisenden aus Österreich, war, die Gesichter der Heiligen zu zerstören, weil es Götzenbilder wären (Bild unten).

Und mag auch sichtbar sein, dass Häuser, Gebäude und Kirchen wiedererrichtet werden, von einem Wiederaufbau der zerstörten Seelen kann noch kaum die Rede sein. Der Besucher erahnt gerade einmal, wieviel da noch zu tun ist. Rita Wehbeh, Mitarbeiterin im melkitischen Kloster Sergios und Bakchos (vgl. Seite 1 dieser FURCHE) berichtet, dass nur 800 der einst 7000 Einwohner Maalulas zurückgekehrt sind.

Ruinenstädte und Aufbaubemühungen

Beileibe nicht alle Kirchen werden wiederaufgebaut. Die damalige Pfarrkirche des melkitischen Priesters Hanna Ghoneim (Interview Seite 6) in Harasta, die bezeichnenderweise den Namen „Unsere Liebe Frau vom Frieden“ trug, wurde bei den Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und der Regierung zerstört. Harasta liegt im Gebiet Ost-Ghuta am Ostrand von Damaskus. Die einst mehrere hunderttausend Einwohner zählende Agglomeration ist völlig zerstört, Abertausende Ruinen reihen sich aneinander. Seit 2018 herrscht Ruhe, eigentlich Friedhofsruhe hier, obwohl selbst in den zerstörten Häusern Menschen wohnen oder hausen oder sich behelfsmäßig eingerichtet haben.

Auch in der Stadt Homs, in der rege Bautätigkeit herrscht, gibt es Viertel, in denen nach wie vor nur Ruinen stehen, die übersät sind mit Patronenhülsen aus Kalaschnikows oder Resten von Granaten. In Aleppo wiederum ist es die Altstadt mit den einst weltberühmten Suks, die weitgehend im Schutt daliegt: Trotz auch hier erkennbarer Bautätigkeit gibt es noch kaum Geschäfte, erst in der einen oder anderen Nische im Basar ist wieder ein Laden zu finden, man kann gerade erst erahnen, wie es hier wieder zugehen soll an geschäftigem Treiben. Davon kann zurzeit aber keine Rede sein.

Viele der christlichen Gesprächspartner der Besucher aus Österreich erzählen von Angst und Schrecken, den die angreifenden Rebellen ausgelöst haben. Der melkitische Bischof Jean Abdo Arbach in Homs berichtet, wie seine Kathedrale niedergebrannt wurde – Decke und die Bänke waren devastiert, seit 2017 hängt wieder eine Glocke in der Kirche; auch hier wurden Ikonen zerstört: Man hat sie nach dem Ende der Kämpfe wie ein Puzzle wieder zusammengesetzt, und nun hängen diese „verwundeten“ Bilder erneut in der Kirche.

Selwanos Boutros Almaneh, der syrisch-orthodoxe Metropolit von Homs, erzählt, wie am Palmsonntag 2011 beim Gottesdienst in seiner Kirche Schüsse fielen – der Anfang des Leidens in Syrien; in Homs hatte der Aufstand gegen das Assad-Regime begonnen. Selwanos: „Am Palmsonntag beginnt die Woche vom Leiden Christi. Bei uns dauerte diese Woche zweieinhalb Jahre lang.“

Maalula ist eine christliche Stadt an den Hängen des Antilibanon-Gebirges. Ein einst beschaulicher Ort, in dem bis heute ein aramäischer Dialekt gesprochen wird – einer der wenigen Orte, in denen die Sprache Jesu noch lebendig ist. 2013 kamen Rebellen in die Stadt – von der Freien Syrischen Armee und von den Al-Nusr-Brigaden, dem syrischen Arm der Al-Kaida. 2014 eroberte die syrische Armee die Stadt wieder, die Rebellen, die „Terroristen“, zogen ab, und der Wiederaufbau begann.

Fünf Jahre später sind Gotteshäuser und Klöster wiederaufgebaut. Man sieht aber noch die Ikonen mit ausgeschnittenen Gesichtern – das Erste, was die islamistischen Kämpfer gemacht haben, erzählen die Menschen den Reisenden aus Österreich, war, die Gesichter der Heiligen zu zerstören, weil es Götzenbilder wären (Bild unten).

Und mag auch sichtbar sein, dass Häuser, Gebäude und Kirchen wiedererrichtet werden, von einem Wiederaufbau der zerstörten Seelen kann noch kaum die Rede sein. Der Besucher erahnt gerade einmal, wieviel da noch zu tun ist. Rita Wehbeh, Mitarbeiterin im melkitischen Kloster Sergios und Bakchos (vgl. Seite 1 dieser FURCHE) berichtet, dass nur 800 der einst 7000 Einwohner Maalulas zurückgekehrt sind.

Ruinenstädte und Aufbaubemühungen

Beileibe nicht alle Kirchen werden wiederaufgebaut. Die damalige Pfarrkirche des melkitischen Priesters Hanna Ghoneim (Interview Seite 6) in Harasta, die bezeichnenderweise den Namen „Unsere Liebe Frau vom Frieden“ trug, wurde bei den Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und der Regierung zerstört. Harasta liegt im Gebiet Ost-Ghuta am Ostrand von Damaskus. Die einst mehrere hunderttausend Einwohner zählende Agglomeration ist völlig zerstört, Abertausende Ruinen reihen sich aneinander. Seit 2018 herrscht Ruhe, eigentlich Friedhofsruhe hier, obwohl selbst in den zerstörten Häusern Menschen wohnen oder hausen oder sich behelfsmäßig eingerichtet haben.

Auch in der Stadt Homs, in der rege Bautätigkeit herrscht, gibt es Viertel, in denen nach wie vor nur Ruinen stehen, die übersät sind mit Patronenhülsen aus Kalaschnikows oder Resten von Granaten. In Aleppo wiederum ist es die Altstadt mit den einst weltberühmten Suks, die weitgehend im Schutt daliegt: Trotz auch hier erkennbarer Bautätigkeit gibt es noch kaum Geschäfte, erst in der einen oder anderen Nische im Basar ist wieder ein Laden zu finden, man kann gerade erst erahnen, wie es hier wieder zugehen soll an geschäftigem Treiben. Davon kann zurzeit aber keine Rede sein.

Viele der christlichen Gesprächspartner der Besucher aus Österreich erzählen von Angst und Schrecken, den die angreifenden Rebellen ausgelöst haben. Der melkitische Bischof Jean Abdo Arbach in Homs berichtet, wie seine Kathedrale niedergebrannt wurde – Decke und die Bänke waren devastiert, seit 2017 hängt wieder eine Glocke in der Kirche; auch hier wurden Ikonen zerstört: Man hat sie nach dem Ende der Kämpfe wie ein Puzzle wieder zusammengesetzt, und nun hängen diese „verwundeten“ Bilder erneut in der Kirche.

Selwanos Boutros Almaneh, der syrisch-orthodoxe Metropolit von Homs, erzählt, wie am Palmsonntag 2011 beim Gottesdienst in seiner Kirche Schüsse fielen – der Anfang des Leidens in Syrien; in Homs hatte der Aufstand gegen das Assad-Regime begonnen. Selwanos: „Am Palmsonntag beginnt die Woche vom Leiden Christi. Bei uns dauerte diese Woche zweieinhalb Jahre lang.“

Am Palmsonntag beginnt die Woche vom Leiden Christi. Bei uns dauerte diese Woche zweieinhalb Jahre lang.

Metropolit Selwanos

Auch Franziskanerpater Ibrahim Alsabagh zeigt den Besuchern in Aleppo das mittlerweile geschlossene Loch, das eine Mörsergranate in die Kuppel der Franziskanerkirche gerissen hat – die Kirche war voll, während der Kommunion schlug die Bombe ein. Niemand wurde getötet. Ein „Wunder“ nennt P. Ibrahim das.

Der Wiederaufbau der Herzen und Seelen hängt aber sehr mit der materiellen Not zusammen: Denn wo die Menschen im Krieg ihr Hab und Gut verloren haben, ist wirtschaftliche Hilfe unabdingbar. Und die vom Krieg direkt weniger betroffen waren, stöhnen genauso unter der Wirtschaftskrise, welche die Gesprächspartner der Österreicher wesentlich auf die gegen Syrien verhängten Wirtschaftssanktionen zurückführen. Die galoppierende Inflation im Lande gilt als Folge derselben: Vor dem Krieg bezahlte man 50 syrische Pfund für einen US-Dollar, heute benötigt man 650 dafür. Ein großes Problem ist, dass die Löhne, jedenfalls im Staatsdienst, gleich geblieben sind.

Der Orthopäde Maher Al-Araj, Direktor der Universitätsklinik Aleppo, führt das den Besuchern drastisch vor Augen: 1500 US-Dollar habe er früher verdient, im Augenblick liege sein Einkommen bei 100 Dollar im Monat. Al-Araj, der sein Medizinstudium in der damaligen DDR absolviert hat, beklagt sich aber nicht über seine persönliche Situation, sondern darüber, dass die medizinische Versorgung völlig unbefriedigend ist: Wegen des Wirtschaftsembargos bekommt er keine Ersatzteile für medizinische Geräte, auch die Wartung derselben sei unmöglich. Und an Medikamenten fehlte es gleichermaßen massiv.

Projekte der Gesundheitsversorgung sind daher ein vordringliches Anliegen auch kirchlicher Hilfe. Der melkitische Bischof von Aleppo, Jean-Clement Jeanbart, hat eine Ambulanz eingerichtet, um diese Not zu lindern. Auch ein berufspädagogisches Zentrum betreibt seine Kirche, das Ausbildungen zum Tischler, zur Friseurin, Kindergärtnerin oder für Hochbaufachleute anbietet. Die Kirche hat auch Läden eingerichtet, in denen Menschen in Not mit Gutscheinen Produkte des täglichen Bedarfs und Lebensmittel erwerben können.

Philosophie hinter all diesen Aktivitäten, die aus dem Ausland finanziert werden müssen, ist, den Menschen in Syrien eine Perspektive zu bieten. Vor wenigen Wochen haben die Kirchenführer Syriens eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht und die Christen aufgefordert, trotz der schwierigen Bedingungen dem „Land ihrer Vorfahren“ treu zu bleiben, um „Salz des Landes“ zu sein.

Hilfe zur Selbsthilfe leisten

Wo es um Heilung der Wunden und Linderung der Not geht, gibt es auch keine Grenzen zwischen den Religionen. Denn, auch dies hören die Besucher wieder und wieder: Das Leid trifft Christen wie Muslime in Syrien gleichermaßen.

Die polnische Franziskanerin Brygida Maniurka, die viele Jahre in der späteren IS-Haupstadt Raqqa tätig war, ist 2016 nach Aleppo gekommen. Damals betrieben die Schwestern ihres Ordens eine Suppenküche, die täglich 16.000 Menschen versorgte. Hauptziel war das Überleben und die Versorgung mit Brot und Wasser. Schon die Verteilung dieser Grundnahrungsmittel war gefährlich, die Ausgabestellen seien von den Kriegsparteien immer wieder unter Beschuss genommen worden.

Dem Ende des Krieges in Aleppo folgte nach kurzer Euphorie eine tiefe Depression: Denn die Menschen wollten aufbauen. Sie haben aber keine Mittel dafür.

Sr. Brygida Maniurka

Dem Ende des Krieges in Aleppo, berichtet Sr. Brygida, sei aber nach kurzer Euphorie eine tiefe Depression gefolgt: Denn die Menschen wollten aufbauen – nicht zuletzt ihre eigene Existenz. Sie haben aber keine Mittel dafür. Sr. Brygida hat daher ein Projekt gestartet, um jungen Menschen eine ökonomische Starthilfe zu geben. Sr. Brygida erzählt von einem jungen Mann mit einer Konditorausbildung: Im Rahmen des Projekts bekam der Mann ein kleines Startkapital, um einen kleinen Laden zu eröffnen, den er nun mit seiner jungen Frau betreibt. Solche Unterstützung ist nach Sr. Brygidas Überzeugung ein Schlüssel dafür, dass die Menschen eine Perspektive entwickeln: „Alle denken daran, Syrien zu verlassen.“

Es ist der Anreiz einer derartigen Hilfe zur Selbsthilfe, der den Teufelskreis des Weggehens und der Perspektivenlosigkeit überwinden helfen will. Das ist wohl die wichtigste Botschaft, die die Besucher von Syrien zurück ins reiche Österreich mitnehmen können.