Hanna Ghoneim - © ICO
Religion

„An Arme denken“

1945 1960 1980 2000 2020

Hanna Ghoneim, melkitischer Priester: Die vom Westen verhängten Sanktionen treffen nicht das Regime, sondern die Armen Syriens …

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Hanna Ghoneim, melkitischer Priester: Die vom Westen verhängten Sanktionen treffen nicht das Regime, sondern die Armen Syriens …

Hanna Ghoneim ist melkitischer Priester. Er leitet zurzeit die arabischsprachige Gemeinde in Wien-Nußdorf. 2012 wurde Ghoneims Pfarrkirche in Harasta bei Damaskus in den Kämpfen zwischen syrischer Armee und Rebellen zerstört. Ghoneim hat in Wien die Stiftung „Korbgemeinschaft – Brot für Syrien“ (siehe rechts) gegründet. Alle drei Monate fährt er in seine Heimat, um Hilfe zu bringen, die Lage zu beobachten und darüber zu berichten.

DIE FURCHE: Stimmt das Syrienbild der Österreicher?
Hanna Ghoneim: In den Medien gibt es viel Desinformation zu Syrien. Es wird dramatisch dargestellt – so viel Krieg, so viel Zerstörung. Das stimmt teilweise. Aber man darf nicht meinen, das wäre im ganzen Land so. Das schreckt die Menschen ab. Wenn man die Zerstörungen sieht, sagt man oft: Dort helfe ich nicht, ich helfe nur den Menschen, die weggehen. Das halte ich für falsch. Ich finde es wichtig, dass man Syrien persönlich kennenlernt, denn dann ist die Sicht ganz anders. Man spürt dann mehr von den Schmerzen der Menschen hier.

DIE FURCHE: Wie soll das aber gehen? Im Augenblick ist es praktisch unmöglich, als Tourist nach Syrien zu reisen.
Ghoneim: Nicht unbedingt als Tourist. Man braucht schon ein Visum, und nicht jeder bekommt eines, aber es ist sehr wohl möglich. Es ist in Syrien nicht so gefährlich, wie es in den Medien manchmal dargestellt wird

DIE FURCHE: Sind die Christen in Syrien in einer besonderen Lage?
Ghoneim: Nein. Christen wollen keine bevorzugte Bevölkerungsgruppe sein. Es tut sehr weh, dass Christen wegen der schlechten Wirtschaftslage ihre Heimat verlassen.

DIE FURCHE: Es wäre also wichtig, Perspektiven für Menschen in Syrien zu unterstützen.
Ghoneim: Ja. Aber ohne Hilfe auch aus Österreich können wir in der schlechten Wirtschaftslage nicht durchhalten.

DIE FURCHE: Es gibt gegen Syrien Wirtschaftssanktionen, die für die schlechte Lage verantwortlich gemacht werden.
Ghoneim: Das ist der Hauptgrund und ungerecht, weil die Sanktionen die Armen treffen – nicht die Regierung.

DIE FURCHE: Man müsste also auch in Österreich klarmachen, was Europas aktuelle ­Politik für die Syrer bedeutet.
Ghoneim: Wir in Syrien denken immer wieder: Die Menschenrechte sind im Westen zu finden. Aber wenn man wirklich human sein will, sollte man an die Armen denken. Alle Bischöfe Syriens haben gesagt, man solle die Wirtschaftssanktionen aufheben. Das Embargo heißt, keine Arbeit; und das fördert den Willen, ins Ausland zu gehen. Aber man muss etwas tun – etwa mit Projekten –, damit die Leute in Syrien bleiben.

Hanna Ghoneim ist melkitischer Priester. Er leitet zurzeit die arabischsprachige Gemeinde in Wien-Nußdorf. 2012 wurde Ghoneims Pfarrkirche in Harasta bei Damaskus in den Kämpfen zwischen syrischer Armee und Rebellen zerstört. Ghoneim hat in Wien die Stiftung „Korbgemeinschaft – Brot für Syrien“ (siehe rechts) gegründet. Alle drei Monate fährt er in seine Heimat, um Hilfe zu bringen, die Lage zu beobachten und darüber zu berichten.

DIE FURCHE: Stimmt das Syrienbild der Österreicher?
Hanna Ghoneim: In den Medien gibt es viel Desinformation zu Syrien. Es wird dramatisch dargestellt – so viel Krieg, so viel Zerstörung. Das stimmt teilweise. Aber man darf nicht meinen, das wäre im ganzen Land so. Das schreckt die Menschen ab. Wenn man die Zerstörungen sieht, sagt man oft: Dort helfe ich nicht, ich helfe nur den Menschen, die weggehen. Das halte ich für falsch. Ich finde es wichtig, dass man Syrien persönlich kennenlernt, denn dann ist die Sicht ganz anders. Man spürt dann mehr von den Schmerzen der Menschen hier.

DIE FURCHE: Wie soll das aber gehen? Im Augenblick ist es praktisch unmöglich, als Tourist nach Syrien zu reisen.
Ghoneim: Nicht unbedingt als Tourist. Man braucht schon ein Visum, und nicht jeder bekommt eines, aber es ist sehr wohl möglich. Es ist in Syrien nicht so gefährlich, wie es in den Medien manchmal dargestellt wird

DIE FURCHE: Sind die Christen in Syrien in einer besonderen Lage?
Ghoneim: Nein. Christen wollen keine bevorzugte Bevölkerungsgruppe sein. Es tut sehr weh, dass Christen wegen der schlechten Wirtschaftslage ihre Heimat verlassen.

DIE FURCHE: Es wäre also wichtig, Perspektiven für Menschen in Syrien zu unterstützen.
Ghoneim: Ja. Aber ohne Hilfe auch aus Österreich können wir in der schlechten Wirtschaftslage nicht durchhalten.

DIE FURCHE: Es gibt gegen Syrien Wirtschaftssanktionen, die für die schlechte Lage verantwortlich gemacht werden.
Ghoneim: Das ist der Hauptgrund und ungerecht, weil die Sanktionen die Armen treffen – nicht die Regierung.

DIE FURCHE: Man müsste also auch in Österreich klarmachen, was Europas aktuelle ­Politik für die Syrer bedeutet.
Ghoneim: Wir in Syrien denken immer wieder: Die Menschenrechte sind im Westen zu finden. Aber wenn man wirklich human sein will, sollte man an die Armen denken. Alle Bischöfe Syriens haben gesagt, man solle die Wirtschaftssanktionen aufheben. Das Embargo heißt, keine Arbeit; und das fördert den Willen, ins Ausland zu gehen. Aber man muss etwas tun – etwa mit Projekten –, damit die Leute in Syrien bleiben.

Wenn jemand in Syrien krank wird und eine Operation braucht, dann kann ich nicht sagen: Warte, bis der Friede kommt. Darum müssen gerade Christen heute und jetzt handeln.

Hanna Ghoneim - Der griechisch-katholische Priester Hanna Ghoneim vor der Baugrube für die Regionalbäckerei im christlichen Dorf Maarouneh nahe Damaskus, deren Bau von der Korbgemeinschaft finanziert wird. - © ICO
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Der griechisch-katholische Priester Hanna Ghoneim vor der Baugrube für die Regionalbäckerei im christlichen Dorf Maarouneh nahe Damaskus, deren Bau von der Korbgemeinschaft finanziert wird.

DIE FURCHE: Es gibt in Europa, auch in Österreich, Flüchtlinge aus Syrien. Soll man diesen nahelegen, zurückzukehren?
Ghoneim: Man kann die Menschen nicht zwingen, dort zu leben, wo sie nicht wollen. Aber man kann den Menschen schon ins Gewissen reden, dass sie eine gewisse Verantwortung haben, in ihrer Heimat auch am Wiederaufbau teilzunehmen. Was den Flüchtlingen Sorge macht, ist, dass sie ihre Aufenthaltsgenehmigung in Österreich verlieren, wenn sie nach Syrien fahren. Auch wenn sie in Syrien helfen wollen, aber vielleicht schon eine Arbeit in Österreich haben, dann können sie deshalb nicht nach Syrien kommen, weil ihnen dann der Rückweg gesetzlich versperrt ist. So wird hilfsbedürftigen Menschen in Syrien Hilfe vorenthalten. Es wäre wichtig, den Weg nach Syrien für in Österreich lebende Syrer zu erleichtern.

DIE FURCHE: Wie sehen Sie das Verhältnis von Christen und Muslimen im Land?
Ghoneim: Das islamisch-christliche Verhältnis war und ist sehr gut. Es ist während des Krieges sogar besser geworden.

DIE FURCHE: Das bezieht sich nur auf den von der Regierung kontrollierten Teil Syriens …
Ghoneim: … dort ist das Verhältnis der Religionen immer noch harmonisch. Und der Zusammenhalt ist stärker geworden. Denn der Krieg hat alle getroffen – Christen wie Muslime. Man braucht einen Staat. Und dieser gehört allen Menschen.

DIE FURCHE: Im Irak ist es weithin zu einer Auslöschung des Christentums gekommen. Geht es in Syrien in eine ähnliche Richtung?
Ghoneim: Gott sei Dank noch nicht. Wenn ich hier bei uns von Christenverfolgung rede, dann meine ich die Wirtschaft, die Suche nach Leben, die Suche nach Arbeit.

DIE FURCHE: Das ist aber kein spezifisch christliches Problem:
Ghoneim: Das betrifft alle, und daher betrifft es auch uns Christen massiv.

DIE FURCHE: Jetzt handeln ist also dringlich.
Ghoneim: Wenn jemand in Syrien krank wird und eine Operation braucht, dann kann ich nicht sagen: Warte, bis der Friede kommt. Darum müssen gerade Christen heute und jetzt handeln.

Fakt

Korbgemeinschaft

Hanna Ghoneim hat die kirchliche Stiftung „Korbgemeinschaft – Brot für Syrien“ initiiert, die von Kardinal Christoph Schönborn errichtet wurde. Die von der Stiftung lukrierten Spenden werden in Syrien für kirchliche Einrichtungen und Priester verwendet, die in der Region Damaskus, in Homs und in Aleppo tätig sind. Die Hilfe kommt den Christen, aber auch vielen Muslimen zugute: So gibt es Unterstützungen für Mieten und Ener­giekosten, die sich viele ob der großen Inflation nicht leisten können, auch ärztliche Versorgung oder Schulbusse für Kinder werden unterstützt. Es geht auch darum, dass die Menschen in Syrien ihr Leben wieder in die Hand nehmen können. Das größte Projekt ist der Bau einer Regionalbäckerei im Dorf Maarouneh nördlich von Damaskus, die 8000 Fladenbrote pro Stunde herstellen soll – ein Grundnahrungsmittel gerade für die Armen.

Infos: www.korbgemeinschaft.at

Fakt

Initiative Christlicher Orient

Die Initiative Christlicher Orient (ICO) wurde vor 30 Jahren vom Linzer Liturgie-Professor Hans Hollerweger gegründet – ursprünglich zur Unterstützung von Tur Abdin, der letzten Christen-Enklave in der Südost-Türkei. Mittlerweile unterstützt die ICO Christen in den meisten Ländern des Orients, allein 2018 wurden 660.000 Euro für Projekte in Syrien, im Irak, in Jordanien, Libanon und Palästina aufgewendet. Für Slawomir Dadas, den derzeitigen Obmann der ICO (auch er gehörte zur österreichischen Reisegruppe in Syrien), ist die Begegnung mit den Menschen im Land eine der wesentlichen Aufgaben, die die ICO neben der Unterstützung von Projekten vor Ort leis­ten will. Am 23./24. September begeht die ICO ihre 30-Jahr-Feier mit ihrer Jahrestagung im Salzburger Bildungszentrum St. Virgil – das Thema: Die Türkei im Wandel.

Informationen und Anmeldung: http://www.christlicher-orient.a