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"Asma“ ist überall (II)

Auf ein Wort

Nun ist es tatsächlich passiert: Die UNO zieht sich hilflos aus dem Schlachthaus Syrien zurück. Die letzten Beobachter haben das Land verlassen. Die Weltgemeinschaft sieht dem Massensterben ratlos zu - in einem Land, dessen Bedeutung für den Großraum Nah- und Mittelost gar nicht überschätzt werden kann. Dort schwelen ja - unabhängig vom Syrien-Drama und doch auf vertrackte Weise vernetzt - zudem der latente Atomkonflikt Israel-Iran und viele kleine Glutnester zwischen Atlantik und Hindukusch.

Mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende des Sowjet-Kommunismus ist jetzt die alte Frontstellung wieder aufgetaucht: hier der "Westen“, dort Russland/China. Jetzt nicht mehr als ideologischer Grabenbruch, wohl aber als imperialer Interessenkonflikt.

Interessen und Moral

Die Kontroverse ist heftig genug, um den UNO-Sicherheitsrat seit Monaten zu lähmen. Und zugleich ist sie strategisch so sensibel, dass niemand eine militärische Lösung von außen wagt. "Syrien ist nicht Libyen“, sagen westliche Strategen - und begründen so das demonstrative "Totstellen“ der Regierung Obama nur zwei Monate vor der Präsidentenwahl. Also kann in Aleppo, Homs und Damaskus weiter geschossen, gemordet und gefoltert werden. Und zwar von beiden Kampfparteien, jedoch - so die UNO - ungleich brutaler von Assads Regime.

"Politics is about interests“, hat der alte Stratege Henry Kissinger gerne gesagt. Soll heißen: Interessen - nicht Moral - gestalten den Lauf der Welt. Das Seltsame am aktuellen Massensterben aber ist, dass zwar Regime und Rebellen, Russen und Chinesen, Irans Mullahs und Arabiens Fürsten ihre Interessen in Syrien genau kennen - Europa und der "Weltpolizist“ Amerika aber sind ganz ratlos und ohne Strategie. Hier prallt die Abscheu vor einer verbrecherischen Diktatur auf starke Gegeninteressen. Mancher Leserbrief zu meiner Syrien-Kolumne vor zwei Wochen hat dieses Dilemma deutlich gemacht: Ist Assad nicht doch die bessere Alternative, solange er nur die christlichen Minderheiten im Land schützt? Garantiert seine diktatorische "Stabilität“ nicht doch eine ruhigere Zukunft als ein möglicher islamischer Fundamentalismus? Usw. usw.

Enge Solidaritätskreise

"‚Asma‘ ist überall“, habe ich zuletzt an dieser Stelle geschrieben - und am konkreten Beispiel der gleichnamigen, westlich erzogenen syrischen Präsidentengattin aufzuzeigen versucht, wie alle humanitären Werte im Zeichen privater Macht- und Familien-Interessen verschüttet werden können - und im schlimmsten Fall das Leid Hunderttausender vergessen lassen.

Ein wenig spüren auch wir am Beispiel Syrien, wie sehr jede und jeder von uns - trotz Bekenntnis zu globalen Menschenrechten, ja christlicher Nächstenliebe - in solch enge subjektive Solidaritätskreise eingewebt ist. Konkret: Wie unterschiedlich wir den Wert, die Not und den Tod von Mitmenschen danach bewerten, ob sie Christen oder Muslime, Israelis oder Araber, Europäer oder Afrikaner usw. sind.

Wird unsere Gefühlswelt jemals zu einer globalen Mitmenschlichkeit imstande sein?

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