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Das schiitische Paradox

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Der Iran ist ein deklarierter Feind des Westens und der sunnitischen Regime. Doch im Kampf gegen den IS verschwimmen die Grenzen.

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Der Iran ist ein deklarierter Feind des Westens und der sunnitischen Regime. Doch im Kampf gegen den IS verschwimmen die Grenzen.

Im Irak gibt es nicht mehr viele Männer, die den Kolonnen des selbsternannten Islamischen Staats IS, im Kampf das Wasser reichen könnten." Es sind nicht IS-Propaganda-Beauftragte, die das behaupten, sondern sogenannte "Geheimdienstkreise" in den USA, welche zunehmend in der aktuellen Berichterstattung Raum finden - zuletzt etwa am Dienstag in der Washington Post. Die Bilder von in Panik fliehenden irakischen Soldaten und Polizisten nahe der Stadt Ramadi haben zu Beginn der Woche deutlich gezeigt, was damit gemeint ist: Die islamistischen Truppen sind nach wie vor auf dem Vormarsch, und das trotz Luftschlägen und massiver Aufrüstung der irakischen Armee durch die USA und ihre Verbündeten.

Beinahe zeitgleich mit der Eroberung der irakischen Stadt, knapp 120 Kilometer von Bagdad entfernt, kam es in Camp David zu einem bemühten Winkewinke von US-Präsident Barack Obama und den Scheichs von Kuwait und Katar. Der idyllische Landsitz des Präsidenten sollte eigentlich auch die Herrscher der anderen Golfstaaten, allen voran den saudischen König beherbergen, doch der sagte kurzerhand ab, ebenso die Scheichs und Emire von Bahrain, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die einen ließen sich krankheitshalber entschuldigen, der Herrscher des Oman ließ in aller Offenheit ausrichten er sei in England bei Pferderennen unabkömmlich.

Was die offensichtliche diplomatische Verstimmung mit den Erfolgen der IS zu tun hat? So ziemlich alles. Denn um die Erfolge der Radikal-Islamisten und ihrer Söldnertruppen bildet sich so etwas wie eine paradoxe Blase der Weltpolitik, in der der Iran eine Schlüsselrolle spielt. Teheran scheint nämlich die einzigen Bodentruppen zu haben, die den sunnitischen Extremisten noch Paroli bieten können.

Von Befreiern zu Plünderern

So reichte ein Aufruf des Irakischen Großayatollah Ali al-Sistani zu Beginn der IS-Offensiven, um 120.000 Mann zu den Waffen zu rufen. Binnen weniger Wochen schafften es diese Milizen der "Volksmobilisierung" die Stadt Tikrit aus den Händen des IS zu befreien. Dass es danach verbreitet zu Übergriffen auf die eben befreiten Sunniten der Stadt kam, hat aber den Ruf der Schiiten nicht unbedingt gefördert.

Die USA befinden sich also in einem strategischen Dilemma. Ohne die Iran-unterstützten Milizen gibt es kaum Chancen, die militärische Auseinandersetzung gegen den IS zu gewinnen. Genau das gleiche gilt für die kurdischen Milizen, die zuletzt die Stadt Kobanê in Syrien zurückerobern konnten. Sie sind zwar im Kampf ebenso geübt wie die IS-Truppen. Aber ihr Kampf richtete sich zuvor gegen den NATO-Staat Türkei, so wie sich die Schiitischen Truppen ihre Erfahrung in Gefechten mit US-Truppen und Sunniten im Irak holten. Kann man diesen Kriegern vertrauen?

Und noch mehr: Indem man sich gegenüber dem Iran nachgiebig zeigt und kolportiertermaßen die Allianz gegen den IS mit der Aufhebung des Handelsembargos und Nachgiebigkeit im Atomstreit belohnt - unterstützt man damit nicht jene hegemonialen Absichten des Regimes in Teheran, die Washington jahrzehntelang offen oder verdeckt bekämpft hat? Also die Hezbollah im Südlibanon, die Schiiten in Bahrain, und die Houti-Rebellen im Jemen. Gerade der Konflikt im Jemen zeigt die unsichere Diplomatie der USA, die einerseits die schiitischen Milizen im Irak unterstützen, Saudi Arabien aber im Fall der Houti-Rebellen verstärkt Waffen liefern.

Kriegerische Töne

Ermutigt durch die scheinbar vorteilhafte Lage für sein Land verschärfte Ayatollah Khamenei am Wochenende noch einmal den Ton gegenüber den sunnitischen Staaten: Man werde den unterdrückten Schiitischen Völkern in allen sunnitischen Ländern "so viel helfen wie möglich". Der Iran hat in diesem Spiel um Macht und Einfluss in der Region trotzdem schlechtere Karten als in der Zeit vor dem Aufstand in Syrien. Denn sein unverbrüchliches Bündnis mit dem Regime Bashir al-Assad hat Teheran schon enorm viel Geld gekostet, das in die Militärhilfe für das Regime ging.

Mehr als einhundert der in das Land entsandten Mitglieder der Revolutionsgarden sind gefallen. Doch von einer sich bessernden strategischen Lage für eine der Kriegsparteien kann auch nach vier Jahren blutigen Kriegs keine Rede sein. Dem Iran wie den USA droht also vor allem eines: Ein jahrelanges blutiges Tauziehen an allen Fronten -von Palästina bis in den Jemen, von Bagdad bis nach Damaskus. Gemessen an dem dabei zu erwartenden Blutzoll hatte der Satz des iranischen Präsidenten Hassan Rohani einen sehr zynischen Kern: Alle Araber sollten doch lieber Zuflucht im Camp Mohamed suchen als in Camp David.

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