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Ein Volk verschwindet

Dem Volk der Ktirden hat das Ende des irakisch-iranischen Krieges nicht Frieden, sondern nur neues Leid gebracht.

Großspurig wie er den Krieg begann, feiert der irakische Diktator Sadd^ Hussein nun unablässig dessen Ende, obwohl noch nicht einmal ein formeller Waffenstillstandbesteht, sondern eigentlichnur eine Kampfpause, während derer die Iraner tüchtig aufrüsten.

Immer schon ein großer „Sauberer“, läßt der „Held der irakischen Nation imd des Arabertimis“ wei-teijün wirkliche \md vermeintliche

Rivalen liquidieren. Unter diesen Umständen dürfen die Kurden im Norden des Landes nicht auf eine PoUtik der nationalen Versöhnung hoffen. Während des Krieges schon gingen irakische Truppen härter gegen die eigenen Kurden vor als gegen den iranischen Gegner. Kurdische Dörfer dem Erdbodengleichzumachen war weniger gefährUch, als persische Stellungen anzugreifen. Der Einsatz von Giftgas gegen die von den Iranern überrannte Ortschaft Halabdja rottete deren kurdische Bevölkerung aus, richtete aber nur wenig Schaden imter den Soldaten Khomeiiüs an, die mit Gasmasken versehen waren.

Kaimi an der iranischen fVont entlastet, richtete sich das Regime der irakischen Bath-Partei mit voller Wucht gegen die kurdische Min-deiheit. Im September vergangenen Jahres wurde ein wahrer Vernichs tungskrieg gegen die Kurden geführt, die durch den Giftgas-Einsatz nun selbst in ihren Felsenne-stem nicht mehr sicher sind. Mehr als 100.000 mvißten in die Türkei fUehen. Ironischerweise werden sie von der türkischen Armee versorgt, obwohl diese ebenso mit brutaler Härte gegen die eigenen Kurden vorgeht. In der Vergangenheit hatte die türkische Armee - mit Billigung Bagdads - mehrmals auf irakisches Gebiet übergegriffen, um kurdische

Verbände zu zerschlagen.

Die kurdische Bevölkerung in der Türkei (zehn von etwa 50 MuUonen Türken) wird seit 1987 etwas besser behandelt als zuvor. In Ankara ist manaufdenEG-Beitritterpichtund nimmt deshalb Rücksicht auf europäische Kritik an der Behandlung der Kurden. Bisher gibt es offiziell gar keine Kurden in der Türkei, sondern nur „Bergtürken“. Ihr Kampf geht danmi, die eigene Sprache gebrauchen und das kurdische Kulturerbe pflegen za dürfen.

Hinzu kommt in der Türkei allerdings noch eine starke soziale Komponente. Die kurdische Arbeiterpartei PKK richtet sich auch gegenkurdischeGroßgrundbesitzer. Zahlreiche Terroranschläge, meist von syrischem Boden aus, haben rund 1.200 Menschehieben gekostet und die türkische Armee auf den Plan gerufen. Diese versteht sich als Sachwalter des Erbes Atatürks. Der „Vater der Nation“ wollte von einer kurdischen Identität nichts wissen, weil die europäischen Mächte 1920 ein unabhängiges Kurdistan schaffen wollten, wodurch die Türicei noch weitere Ostprovinzen verloren hätte.

Daß die irakischenKurden in solch hoher Zahl sich deimoch den türkischen Soldaten anvertrauten, läßt die unsagbaren Greuel der Kriegsführung Bagdads erkennen. In welchen Proportionen man hier zu denken hat, läßt sich daran ermessen, daß als Folge einer einzigen Offensive allein 8.000 Männer des Barzani-Stammes spurlos verschwunden sind, - Zahlen, die keineswegs der Phantasie kurdischer Propagandisten entstammen, sondern belegt sind. Die HinterbUebe-nen der verschollenen Männer können sich mm einer Arabisierung erst recht nicht entziehen.

1970 erwarteten die Kurden eine

Verbesserung ihrer Lage in Khomeinis Reich, hatten sie doch wesentlich zum Stvirz des Schahs beigetragen. Sie wurden schnell enttäuscht, als die „Islamische Republik“ mit der gleichen Härte gegen kurdische Autonomiebestrebimgen vorging wie zuvor die Schah-Regienmg. Iranisch-Kurdistan wvirde zum Kriegsschauplatz, noch bevor der irakisch-iranische Krieg ent-braimte.

In Krisenzeiten machen die Herrschenden in Bagdad und Teheran gern Versprechungen, und die Kurden lassen sich immer wieder vor den Wagen der einen oder anderen Partei spannen. Ungeachtet all ihrer schlechten Erfahrungen mit Irakern und Iranern bleibt ihnen schUeßlich keine andere Wahl. Würden sie sich ganz aus den Konflikten ihrer Nachbarn heraushalten, stünden sie nachher deimoch als Verräter da. So bleibt jeweils nur das Glückspiel, nämlich zu erraten, welches das kleinere Übel sei -und Glück haben die Kurden dabei noch nie gehabt.

Das irsJdsche Bath-Regime hat

Moscheen vernichtet nuneinvinbewdhntes Niemandsland entlang der Grenze zu Iran und zur Türkei geschaffen. Dieser Aktion sind bereits etwa 4.000 kurdische Dörfer zum Opfer gefallen. (Auch hier werden historische Bauten, Kirchen und Moscheen niedergewalzt)

Femer findenUmsiedlungsaktio-nen gigantischen Ausmaßes statt. Fast eine Million Kurden sind bereits aus ihrem Stammland entfernt \md über andere Regionen verstreut worden, so daß es bald keine größeren Konzentrationen kurdischer Bevölkerung mehr geben wird. Diejenigen, die von einem Teil Kurdistans in einen anderen verfrachtet werden, können sich noch glücklich preisen. Die meisten Angehörigen dieses Bergvolkes wer^ den nach und nach in wüstenartiges Flachland imigesiedelt. Zehntausende w\irden zum Wiederaufbau der Stadt Basra am Golf zwangsverpflichtet.

In Kurdistan werden Araber angesiedelt, und zwar nicht nur aus dem relativ menschenarmen Irak. Hauptsächlich Ägypter werden unter den Netisiedlem sein. Im ver^ gangenen Jähr hat der Irak wieder eiimial eine der in der arabischen Welt so beUebten Staatenunion gebildet, diesmal zusammen mit Ägypten, Jordanien und dem Nordjemen. BedenkUch ist dabei, daß Iraks Partner die KurdenpoUtik Bagdads abdecken. Rund vier Millionen der 14 bis 15 Millionen Iraker sind Kurden. Saddam Hussein hätte Mühe, mit einer so starken Minderheit fertig zu werden, stünden ihmnicht „arabische Brudervölker“ zur Seite.

Das überbevölkerte Ägypten nimmt jede Gelegenheit wahr, seine Menschenmassen in alle Himmelsrichtungen hin zu exportieren. Da kümmert es wenig, weim Himdert-tausende von Kurden zu diesem Zweck entwurzelt werden. Die Ver^ treibung der Palästinenser hat hier nicht etwa erhöhte Sensibilität geschaffen. Im Gegenteil, die Besiedlung Kurdistans wird als Dienst an der arabischen Sache verstanden.

Als Bündnispartner Syriens und Lrans hat Libyen einmal eine Lanze für die Kurden gebrochen. Doch wechselt Gaddafis Position von Tag ‘ zu Tag (im Irak nicht anders als im Sudan und anderswo). Atißerdem genießen auch in Syrien die Kurden keine Autonomie, nur besiedeln sie dort ein viel kleineres Gebiet als im Irak oder in Iran. Teheran wird den Kurden das Kriegsbündnis nicht lohnen, deim der faschistoide Zentralismus des persischen Staatsvolkes im Zeichen der schiitischen üieokratie kann Autonomiebestre-bungen der sunnitischen Kurden ebensowenig verkraften wie das arabisch-chauvinistische Bath-Regime in Bagdad.

Wann immer der Irak und Iran nicht voneinander in Anspruch genommen werden, richten sie ihre Anstrengungen verstärkt darauf, die Kurden kleinzukriegen. Die Kurden müßten geradezu darauf hoffen, daß die iranischen Waffenkäufe in der Sowjetimion einem erneuten Waffengang Teherans mit Bagdad dienen, sonst werden die Ayatollahs mit ihren Kurden nicht anders verfahren als die „Partei der arabischen Wiedergeburt“ (Bath).

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