Krieg ums kurdische Öl

Die US-Kriegspläne gegen den Irak erfüllen die Kurden im Land mit Angst. Ihre mühsam errungene Freiheit steht auf dem Spiel, fürchten kurdische Intellektuelle, die den Amerikanern vorwerfen, dass es ihnen nur ums Erdöl gehe.

Der heißeste Punkt der Welt ist heute Kurdistan." Tiefe Ängste über die Zukunft der kleinen demokratieähnlichen Oase im Orient beherrscht heute das Denken vieler der rund fünf Millionen Kurden des Iraks, erläutert Falak Aidin Kakaie, Literat, Philosoph und führender Intellektueller, die äußerst kritische Situation des Nordiraks. Einige der in den Medien heftig diskutierten Pläne der USA zum Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein schreiben den Kurden eine Schlüsselrolle zu. Nach einem dieser Gedankenspiele würden US-Truppen mit Hilfe bewaffneter Kurden und anderer irakischer Oppositioneller - nach dem Vorbild des Afghanistan-Krieges - von kurdischem Territorium aus das Regime in Bagdad zu Fall bringen. Ein anderes - auch in den Medien verbreitetes - Szenario sieht Geheimoperationen des US-Geheimdienstes CIA ebenfalls vom Nordirak aus vor.

Iraks Kurden haben allen Grund Saddam und sein Baath-Regime zu hassen. Keine andere Volksgruppe des Zweistromlandes hatte unter der 23-jährigen Herrschaft dieses Despoten so gelitten wie die Kurden. Zehntausende Menschen starben in den achtziger Jahren bei Kampagnen der irakischen Armee, die nach der Überzeugung von Menschenrechtsorganisationen "Genozid-Charakter" trugen.

Radio für ein freies Kurdistan

Auch der heute 59-jährige Kakaie setzte jahrzehntelang sein Leben für die Grundrechte seines Volkes ein. Im Schutz der Berge hielt er die "Stimme des irakischen Kurdistan" am Leben, des Radiosenders der "Kurdischen Demokratischen Partei" (KDP), die durch ihre Sendungen den Widerstandsgeist des unterdrückten Volkes stärkte. Heute ist Kakaie einer der einflussreichsten Berater des KDP-Chefs Massoud Barzani und Regionalminister in dessen Regierung. Kakaies Schicksal ist symptomatisch für das unzähliger Intellektueller Kurdistans. Sieben Jahre lang schmachtete er in Saddams Gefängnissen, doch sein Kampfgeist blieb ungebrochen, unbeeinträchtigt blieb sein Ringen um die Grundrechte seines Volkes. Auf seinen Einfluss ist zurückzuführen, dass Iraks Kurden heute unter (fast) gar keinen Umständen mehr das Kriegsbeil ausgraben wollen.

Weitere Giftgaskatastrophe?

Amerikanische Kriegspläne erfüllen sie mit tiefer Skepsis. "Wir wollen nicht, dass unser Volk, unsere Region eine neue Katastrophe erleidet", betont Kakaie, der sich in Hunderten von Zeitungsartikeln für ein friedliches Zusammenleben zwischen Kurden und den arabischen Brüdern einsetzte. Die Kurden verfügen heute zwar über die größte Miliz der irakischen Opposition. Doch ihre rund 80.000 nur leicht bewaffneten Männer besitzen gegenüber den Truppen Saddams keine Chance. "Wir fürchten weniger eine Bodeninvasion der irakischen Armee", erläutert Kakaie. "Dafür haben wir uns gerüstet." Doch wenn Saddam erneut Giftgas einsetzt, "dann werden wir wieder wehrlose Opfer". Deshalb fordern so manche Kurdenführer, dass die Amerikaner in ihren Kriegsplänen zumindest vorsehen, die Kurden ausreichend mit Gasmasken auszustatten. Schließlich sei es "nicht unser Krieg", der hier geplant werde.

Es sind nicht nur Todesängste, die Iraks Kurden motivieren, sich nicht in amerikanische Komplottpläne einspannen zu lassen. Sie haben auch so viel zu verlieren, wie nie zuvor. Durch amerikanische und britische Aufklärungsflüge seit 1991 vor großangelegten Aggressionen Bagdads geschützt, konnten sie auf einem halbmondförmigen Territorium von etwa der Größe der Schweiz einen De-facto-Staat errichten: mit Oppositionsparteien und Meinungspluralismus - eine Seltenheit in der Region. Iraks Kurden genießen heute eine Freiheit, nach der sie sich jahrzehntelang sehnten und die dem Rest des Zweistromlandes als unerfüllbarer Traum erscheint. "Es ist uns noch nie so gut gegangen", gesteht Falak Aidin Kakaie.

Doch es ist eine geborgte Freiheit, von amerikanisch-britischer Gnade, außerhalb des internationalen Rechtes. Kakaie: "Es kann nicht so weitergehen. Wir müssen eine Lösung für Kurdistan finden." Aus diesem Grunde haben die beiden großen Kurdenparteien - die KDP Barzanis und die "Patriotische Union Kurdistans" (PUK) - alte Rivalitäten überwunden und präsentieren Amerikanern und Europäern gemeinsam einen Plan für die Zukunft. Er sieht eine Föderation mit einem parlamentarischen System und einer schwachen Zentralregierung vor sowie US-Garantien, dass sich die Kurden auch in Zukunft selbst verwalten können. "Wir sind zum erstenmal seit 70 Jahren einverstanden, im irakischen Staatsverband zu verbleiben", betont Kakaie. Das Ziel eines unabhängigen kurdischen Staates ist zurückgestellt.

Zankapfel Erdölvorkommen

Die zentrale und hochexplosive Forderung der Kurden ist aber Kirkuk als Hauptstadt ihres selbstverwalteten Territoriums. Kirkuk, Zentrum der irakischen Ölindustrie, liegt außerhalb der alliierten Schutzzone und ist historischer Zankapfel zwischen Briten, Amerikanern und lokalen Mächten. Im Grunde geht es wieder ums Öl, bemerkt Kakaie. Der Irak besitzt nach Saudi-Arabien die größten Ölschätze der Welt. Die Reserven werden auf mehr als 115 Milliarden Barrel geschätzt. "Der überwiegende Teil der Vorräte, die in den vergangenen 20 Jahren entdeckt wurden, liegt in Kurdistan, nördlich von Kirkuk, in Zakho, Erbil und Barzan." Und niemand wolle, dass dieses Öl in die Hände der Kurden fällt.

Tiefes Misstrauen prägt Iraks Kurdenführer gegenüber den wahren Absichten der USA. "Warum", fragt Kakaie, "haben die Amerikaner seit elf Jahren Milliarden von Dollar zur Aufrechterhaltung der Schutzzone im Nordirak investiert? Nun wollen sie die Früchte dieser Investitionen (Öl) ernten."

Nachdem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Kirkuk Öl entdeckt worden war, nahmen die Briten ihr Versprechen eines Kurdenstaates zurück und schlugen die Region ihrem irakischen Mandatsgebiet zu - zum großen Ärger der Türken, die seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches auf die Eingliederung dieses Gebiets bestanden. Dementsprechend wehrt sich die Türkei auch heute energisch dagegen, dass die Ölmetropole zur Hauptstadt eines autonomen Kurdistan werde. Bagdad wiederum versucht seit Jahrzehnten - und jüngst wieder mit besonderer Energie - durch brutale ethnische Säuberungen und Ansiedlung von Arabern aus dem Süden in der einst überwiegend von Kurden und Turkmenen bewohnten Stadt neue Tatsachen zu schaffen. Bis heute haben die Kurden nur einen Kampf gegen das Bagdader Regime ausgetragen. Doch die Entwicklungen in Kirkuk würden nach Ansicht Kakaies die Gefahr in sich bergen, dass sich dieser Konflikt zu einem arabisch-kurdischen ausweitet, mit katastrophalen Folgen für das ganze Land.

Angst vor türkischer Invasion

Auch Ankaras Absichten im Nord-Irak beängstigen die Kurden seit langem mindestens ebenso wie Saddams Ambitionen. Die Türken fordern von den USA als Bedingung für ihre Kooperation in einem Irak-Feldzug starken Einfluss im Nord-Irak: US-Zusagen, dass die Kurden dort nicht so stark werden, dass ihre Unabhängigkeitsgelüste neu erwachen und sie damit die rund 20 Millionen Kurden in der Türkei anstecken; eine Steigerung der Ölexporte von Kirkuk durch die Türkei. "Wir haben große Angst vor einer türkischen Invasion des Nord-Iraks", betont Kakaie.

Aber nicht nur die Brutalitäten des Nachbarn fürchten die Kurden. Mindestens ebenso schlimm erscheinen ihnen die regionalpolitischen Konsequenzen. Der Iran, um seinen strategischen Einfluss in der Region besorgt, würde nicht untätig bleiben. Er würde im Nord-Irak mitmischen und die Kurden würden wieder einmal alles verlieren. Dabei, meint Kakaie, liege die Errichtung eines pro-amerikanischen Regimes in Bagdad gar nicht im Interesse Ankaras, das jüngst die Beziehungen zu Saddam wesentlich verstärkt hat. Säßen Washingtons Schachfiguren einmal am Tigris, dann verlöre die Türkei stark an strategischer Bedeutung für den Westen.

Iraks Kurden können nicht vergessen, dass Washington sie im Laufe der Geschichte mehrmals in brutalster Weise fallen ließ. Tausende Menschen verloren deshalb ihr Leben, Hunderttausende mussten flüchten, zuletzt nach Ende des Kuwait-Krieges 1991. Damals hatte der Vater des heutigen US-Präsidenten das irakische Volk zum Aufstand gegen den Diktator aufgerufen. Als sich Kurden und Schiiten erhoben, ließen die USA Saddams Schergen in einem ungeheuer brutalen Gemetzel gewähren. Deshalb fällt es den irakischen Kurden heute so schwer, amerikanischen Garantien Glauben zu schenken.

Die Autorin ist Nahost-Korrespondentin.

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