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Saddams „Krieg auf Sparflamme“

Er lächelt freundlich aus allen Schaufenstern in den Geschäftsstraßen der irakischen Hauptstadt Bagdad; ein anderes Mal scheint er das Geschehen in den stark belebten Straßen mit mahnendem Blick zu mustern; in einer dritten Version wiederum erscheint er heroisch-entrückt, auf sich allein gestellt, den rund 13 Millionen Irakis den Weg in die Zukunft weisen.

Saddam Hussein, der allmächtige irakische Staatspräsident, gleichzeitig Premierminister, Vorsitzender des Revolutionskommandorates (die eigentliche Machtzentrale des Landes), Chef der regionalen Baath-Partei, Oberbefehlshaber der Streitkräfte, ist allgegenwärtig im irakischen Alltag.

In der nicht allzu großen Empfangshalle des Hotels Adagir in Bagdad zählten wir allein zwölf Saddam-Posters: Saddam als Staatsmann, Saddam als Feldherr, Saddam als Landesvater mit Kindern, Saddam am Arbeitstisch im Bagdader Präsidentenpalast, Saddam im Gespräch mit Fabriksarbeiterinnen, Saddam beim Gebet in der Moschee … Saddam Hussein - ein Tausendsassa!

Von der irakischen Propaganda stark in den Vordergrund gespielt wird derzeit natürlich Saddam als der ober-

ste Soldat des Landes. Kein Wunder: Irak befindet sich nun schon über zehn Monaten im Krieg mit seinem Nachbarn Iran; ein Krieg übrigens, von dem man in der Hauptstadt Bagdad nicht allzuviel merkt.

Die Versorgungslage scheint besser denn je zu sein (die Geschäfte sind rammvoll mit Waren aus aller Herren Länder), das wirtschaftliche Wachstum hat sich durch den Krieg überhaupt nicht verlangsamt - im Gegenteil: angeblich rund 20 Prozent mehr Geld, als im Fünfjahresplan vorgesehen ist, wird in diesem Jahr für Entwicklungsvorhaben ausgegeben.

Dementsprechend präsentiert sich Bagdad auch dem Besucher: Die ganze Stadt ist eine einzige riesige Baustelle, wobei die gigantische Bautätigkeit vor allem auch in Zusammenahng mit der im kommenden Jahr in der irakischen Hauptstadt stattfindenden Blockfreien-Konferenz zu sehen ist. Die derzeit fast alle noch im Rohbau befindlichen Großhotels, Konferenzzentren, Autobahnen, Bungalows für die Staatschefs der Blockfreien, Flughafenerweiterungen - also der gesamte Ausbau der Infrastruktur der Hauptstadt- sollen bis Herbst nächsten Jahres betriebsfertig sein.

Dies alles vermittelt den Eindruck ungewöhnlicher Dynamik, zumal die Heere ausländischer Gastarbeiter (vor allem Pakistanis, Filipinos, Rotchinesen, Ägypter, Jugoslawen usw.) und die unzähligen in Bagdad, aber auch im übrigen Irak tätigen Firmen aus Westeuropa und Japan der orientalischen Hauptstadt Bagdad ein zusehends welt- städtisches Gepräge geben.

Das dynamische Bild Bagdads wird noch durch eine andere Erscheinung geprägt: die überwiegend jugendliche Bevölkerung. Das Durchschnittsalter in der irakischen Hauptstadt beträgt 22 Jahre, in manchen Stadtteilen gar nur elf bis zwölf Jahre. Die Jugend beherrscht die Straßen Bagdads - und das, obwohl derzeit um die 250.000 junge Irakis an der Front stehen, im Krieg gegen den Iran.

Ein feindliches iranisches Flugzeug hat man schon seit Monaten nicht mehr am Himmel über Bagdad gesehen, dafür springen einem die orangefarbenen Zeppeline ins Auge, die über der Raffi

nerie von Bagdad und im Gelände rund um den von den Israelis Anfang Juni bombardierten Atomreaktor Tammuz in der Luft schweben: Sie sollen Tieffliegerangriffe verhindern.

Die orangefarbenen Zeppeline, die zahlreichen FLAK-Stellungen, die Masse von Uniformierten in den Straßen - Soldaten, Polizisten, Volksmilizionäre - die allerorts aufscheinenden Parolen, die Armee und Volksmiliz im Kampf gegen den Iran ermuntern, das Photographierverbot an strategischen Punkten - all dies holt die Realität wieder ein: Irak befindet sich im Krieg!

Jedoch: Nirgends ist ein verwundeter Soldat zu sehen, nirgends lassen Schäden auf Bombenangriffe schließen, die zu Beginn des Krieges auch in Bagdad auf der Tagesordnung standen - und das gleich mehrere Male!

Die Strategie der irakischen Staatsführung ist offensichtlich: Zwar soll sehr wohl weiter Krieg geführt werden - und zwar solange, bis Teheran in die Knie gezwungen ist beziehungsweise zu Verhandlungen einlenkt - andererseits soll die eigene Bevölkerung so wenig wie möglich in das Kriegsgeschehen hineingezogen werden, so wenig Entbeh

rungen wie möglich hinnehmen müssen, das Land insgesamt durch den Krieg in seiner Entwicklung nicht aufgehalten werden.

Die Irakis reklamieren indes den Sieg in diesem Krieg bereits für sich. Präsident Saddam Hussein in einem SPIEGEL-Interview: „Die irakische Armee ist der eindeutige Sieger.“ Das klingt insofern plausibel, als Bagdad von Anfang an nicht die Besetzung iranischen Territoriums als sein Kriegsziel angab, sondern letztlich nur gewisse Grenzkorrekturen erzwingen will.

Außer der Hafenstadt Khorram- schahr haben die Irakis bis jetzt keine größeren Eroberungen an den verschiedenen Frontabschnitten gemacht. Su- sangard, Ahwaz, Dezful und Abadan liegen jedoch nach wie vor im Würgegriff der irakischen Streitkräfte. Und Saddam Hussein drohte bereits:

„Sollte er (der Iran) weiterhin in Arroganz und Hochmut verharren, werden wir ihm zusätzliche Lektionen erteilen.“ Soll heißen: Wenn Teheran nicht zu Verhandlungen einlenkt, wird

der Irak sich zur Ęroberung weiterer Städte entschließen.

Gewiß ist aber, daß so schwer sich Saddam Hussein seinen Feldzug gegen den „Magier“ Chomeini nicht vorge- stejlt hat. Der iranische Widerstand war von Anfang an zäher als erwartet, die Führung in Teheran ist unter dem irakischen Angriffsdruck nicht gestrauchelt, wenngleich innere Machtkämpfe vom Kampfgeschehen an der irakisch-iranischen Grenze abgelenkt haben. \

Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Führung in Teheran stur bleibt. Sie will erst mit Bagdad verhandeln, wenn sich die irakischen Streitkräfte aus Iran zurückgezogen haben. Dementsprechend stur wird sich auch Bagdad verhalten müssen, will es in dieser Auseinandersetzung nicht das Gesicht verlieren. Und ganz offensichtlich haben die Irakis viel eher die Mittel (militärische und finanzielle), um stur bleiben zu können.

Trotzdem: Ein sich noch längere Zeit hinziehender Zermürbungs- und Abnützungskrieg ist auch für den Irak nicht so ohne weiteres zu verkraften. Wohl führt Saddam Hussein nach innen wie nach außen eine Art „Krieg auf Sparflamme“, versucht auch an der Front Mann und Material so gut es geht zu schonen.

Jedoch, rund 400 Gefallene pro Monat (offizielle Zahl), nach Schätzungen ausländischer Diplomaten in Bagdad sogar 800 -1000, dazu die zweifache bis dreifache Zahl an Verwundeten, sind eine beträchtliche Zahl an Opfern: alles zumeist junge Leute, die dem entwicklungshungrigen und aufstrebenden Land gewiß auf dem heimischen Arbeitsmarkt abgehen werden. Dasselbe gilt für den Iran; wo die Zahl der Opfer sicherlich noch weit höher ist: Im März gab der iranische Revolutionsführer Chomeirii einer islamischen Vermittlungsdelegation gegenüber die Gesamtzahl der bisherigen Todesopfer mit rund 60.000, die der Verwundeten mit

100.0 an.

Dazu kommen die enormen finanziellen Belastungen, die den beiden Ländern aus diesem Krieg erwachsen: zum Teil total zerstörte Infrastrukturen in gerade jenen Landesteilen, aus denen ihr ganzer Reichtum kommt: den Erdölgebieten; ungewöhnlich hohe Ausgaben für die Kriegsführung, vor allem für Material und Munition. Denn der Verschleiß an Waffen durch schlechte Wartung, Ersatzteilmangel und ungenügende Handhabung dürfte sehr hoch sein.

Zum anderen muß in einem Krieg, der im „Stil von 1917“ geführt wird, in dem die Hauptwaffe die Artillerie ist, der Munitionsverbrauch ebenfalls beträchtliche Ausmaße annehmen.

Allerdings läßt die Zahl der Gefallenen darauf schließen, daß jetzt in zunehmendem Maße auch Infanterietruppen eingesetzt werden, der Kampf dadurch blutiger und opferreicher wird.

Genau das aber paßt gar nicht in das Konzept Saddam Husseins, der seinen Leuten Opfer und Entbehrungen ersparen will. Schließlich ist dies ein Krieg, den er ganz allein - ob er nun gut oder schlecht ausgeht - zu verantworten hat. Sein ganzes Prestige als oberster Führer des irakischen Volkes, aber auch als potentieller Führer der arabischen Welt, hängt an diesem Kampf.

„Saddam Hussein -der Feldherr des neuen Qadisia“ bezeichnet ihn die irakische Propaganda in Anlehnung an die dreitägige Schlacht in Qadisia ųn Jahre 637, als ein arabisches Heer gegen die weit überlegenen Perser den ersten großen Sieg für den Islam errang. Und ganz im Sinne der in Bagdad regierenden Baath-Partei, die die Einheit der Araber zum Hauptziel ihrer Politik ge

macht hat, wird der Krieg gegen den Iran nicht nur als ein Kampf um die „legitimen irakischen Rechte“ (die volle Souveränität über den Schatt al- Arab, Grenzkorrekturen), sondern als Kampf der Araber gegen eine ausländische Macht dargestellt.

Bis jetzt stehen aber nur Jordanien und Nord-Jemen in diesem Krieg voll und ganz hinter Bagdad. Libyen und Syrien unterstützen sogar offen den Iran. Alle anderen arabischen Staaten, auch die mit Bagdad befreundeten Saudis und die anderen Golfstaaten, versuchen hingegen, so gut es geht, eine neutrale Position in diesem Konflikt zu beziehen.

Eine Sache, die Saddam Hussein bei seiner Rede anläßlich des 13. Jahrestages der irakischen Revolution am 17. Juli bitter beklagte: Wer Teheran im irakisch-iranischen Krieg unterstütze oder sich neutral verhalte, fördere die Uneinigkeit.

Sieht Saddam Hussein etwa schon die Felle davonschwimmen?

Kein Zweifel: Der Irak scheint diesen

Krieg bis jetzt viel besser zu verkraften als der Gegner, obwohl der Iran bevöl- kerungs-undflächenmäßigüberdreimal so groß ist. Aber der Uberlebenswille der revolutionär-religiösen Eiferer in Teheran ist doch ungewöhnlich zäh, der iranische Brocken könnte für Sadam Hussein letztendlich doch zu groß sein - vor allem langfristig gesehen.

Denn auf Dauer einen „Krieg auf Sparflamme“ zu führen, der dennoch einen beträchtlichen Blutzoll fordert, und die finanziellen und ökonomischen Ressourcen des Landes stark in Anspruch nimmt, könnte auch die scheinbar so kampfeswilligen und mutigen Irakis eines Tages kriegsmüde werden lassen.

Immerhin: Auch innerhalb der irakischen Gesellschaft gibt es potentielle Sprengkräfte, Kurden (mit denen Bagdad bis 1975 blutige Kämpfe austragen mußte) und Schiiten (die Chomeini zum Sturz des Baath-Regimes in Irak aufstacheln wollte, worauf einige auch prompt im Untergrund aktiv wurden) machen immerhin rund 75 Prozent der irakischen Bevölkerung aus, während an den Schalthebeln der Macht in Bagdad überwiegend Sunniten sitzen.

An der irakisch-iranischen Front könnte schon in allernächster Zeit einiges in Bewegung geraten. Saddam Hussein scheint ein zu schlauer Fuchs in der Politik zu sein, als daß er nicht ganz genau wüßte, wie hoch er in diesem Konflikt pokern darf.

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