In die Wüste geschickt

Saddam Hussein hat sich als Retter des verlorenen Volkes der Palästinenser inszeniert - und sie ins Land geholt. Nach seinem Sturz sind sie zwischen alle Fronten geraten.

Al Tanaf, Wüste: Aliaa sitzt mit anderen Kindern vor einem Zelt und malt Schlösser auf das mit Sandkörnern bedeckte Zeichenblatt: "Wenn ich die Augen zumache, höre ich den Wind, ich habe ein Wüstenschloss und bin kein Flüchtling." Aliaa ist eins der palästinensischen Flüchtlingskinder, deren letzter Ausweg das Camp in der Wüste zwischen Irak und Syrien ist, im Niemandsland nahe der syrischen Grenze. Aliaa sitzt im Sand, schaut in die Sonne, obwohl sie das eigentlich nicht soll. "In dieser Richtung ist Bagdad, ich will nach Hause." Was ihr am meisten fehlt? "Mein Papa, Abbi, aber der kommt nicht mehr, er ist tot."

Die Palästinenser im Wüstencamp haben zum zweiten Mal ihr Land verloren: Nach der Flucht aus Palästina haben sie im Irak gelebt. Nun sind sie ein zweites Mal geflohen - mit einem Reisepass, der nutzlos geworden ist, weil kein Land sie aufnehmen will. Letzte Station: Wüstencamp. Über 200 Kilometer entfernt von jeglicher Zivilisation. Die harten Lebensbedingungen der Wüste, eiskalte Winter, sechzig Grad heiße Sommer, schmutziges Wasser, mangelnde medizinische Versorgung und die Sandstürme machen das Leben der über 500 Flüchtlinge in diesem Camp zur Hölle.

200 Kilometer im Abseits

Nie gefeit vor den Belästigungen irakischer Sicherheitsleute leben die Menschen hier in ständiger Gefahr; offiziell ist der Zugang für Journalisten verboten. Mittels Handys kommunizieren die Campbewohner mit der Außenwelt, das Internationale Rote Kreuz sowie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR liefern Essen und Medizin, betreuen die gestrandeten Palästinenser mit dem Nötigsten. Aber gegen Sandstürme und Feuer im Camp gibt es keine Hilfe.

Wüstenstürme, Brände …

"Kurz vor Mitternacht", erzählt Aziz, "hat der Sturm losgelegt. Ich bin mit einem Freund im Zelt gewesen, wir laufen hinaus um die Kinder zu holen, um sie in ein Restaurant nahe des syrischen Grenzpostens zu bringen. Wir können nichts mehr sehen, überall Sand, der uns den Atem raubt. Wir haben ein Kind verloren, sind in ein Loch gefallen, meine Schulter hat höllisch geschmerzt." Aziz übergibt sich, wird ohnmächtig, sein Freund kämpft sich weiter durch die Sandmassen, findet das verlorene Kind und bringt alle sicher in das syrische Checkpoint-Restaurant. Die Kinder dürfen im Restaurant schlafen, "wie kleine Schafe am Boden", erzählt Aziz, er selbst wird aus dem Loch gerettet und in das Restaurant gebracht - seine Schulterfraktion wird wieder eingerichtet.

"Feuer ist schon zweimal ausgebrochen, drei Männer hatten schwere Verbrennungen, die Kinder Rauchgasvergiftungen. Die Menschen müssen endlich an einen sicheren und passenderen Ort gebracht werden", sagt ein UNHCR-Mitarbeiter. Der andere, bessere Ort lässt auf sich warten. Vereinzelt gelingt es, Visa für die Flüchtlinge für eine Weiterreise nach Kanada und Brasilien zu bekommen. Manchmal dürfen Frauen für einen Tag, zur Geburt ihres Kindes, in ein Krankenhaus nach Damaskus fahren, aber am nächsten Tag müssen sie mit dem Neugeborenen zurück in die Wüste. Die medizinische Versorgung im Lager selbst ist aber katastrophal.

Die meisten Wüstenbewohner kommen aus gebildeten Mittelklasse-Familien in Bagdad. Seit der US-Invasion 2003 ist dort nichts mehr wie früher: Die sunnitischen Palästinenser sind zum bevorzugten Ziel für schiitische Milizen geworden. "Der Krieg im Irak hat alles verändert, mein Land wurde mir zweimal geraubt. Zuerst Palästina, jetzt der Irak, Bagdad, meine Heimat", sagt Aziz. Er spricht perfekt Englisch: "Wir Palästinenser sind Verfluchte, unsere Pässe sind wertlos, meine Angehörigen werden im Irak ermordet, von Land zu Land getrieben."

Mit einem Pass ohne Wert

1948, nach der Staatsgründung Israels, kommen die ersten palästinensischen Flüchtlinge in den Irak. Die zweite Welle folgt 1967 nach dem Siebentagekrieg, die letzte 1991. Offiziell hat es rund 40.000 Palästinenser im Irak gegeben, inoffizielle Zahlen nach bis zu 90.000. In den letzten fünf Kriegsjahren sind die meisten von ihnen umgekommen oder geflüchtet, in Syrien und Jordanien illegal untergetaucht oder in der Wüste hängengeblieben.

Die rechtliche Problematik der irakischen Palästinenser, die ohne irakische Staatsbürgerschaft nur einen von der palästinensischen Autonomiebehörde ausgestellten Pass besitzen, ist heikel: Für kaum ein Land erhalten sie Visa und im Irak schweben die verbliebenen Palästinenser in Lebensgefahr. Anders als sunnitische oder schiitische Gruppen haben die Palästinenser in Bagdad, Mosul und Basra keine Truppen, die zu ihrem Schutz in den Kampf ziehen.

Saddams Liebkinder

Eine Verbesserung der Lage im Irak ist nicht in Sicht: Vor allem die palästinensisch-besiedelten Bezirke Bagdads "Al Baladiyat" und "Al Hurriya" geraten regelmäßig ins Visier irakischer Sicherheitskräfte, schiitischer Milizen wie der Mahdi-Army oder den Bader Brigaden. Den irakischen und amerikanischen Sicherheitskräften ist es nicht gelungen, ein halbwegs gesichertes Leben für die Palästinenser zu garantieren - im Gegenteil: Viele von ihnen stehen unter Terrorverdacht und werden ohne Beweise willkürlich verhaftet, gefoltert, entführt, ermordet, erpresst oder gegen Lösegeldforderungen festgehalten. Amnesty International dokumentiert im letzten Report 2007 Dutzende Fälle gefolterter und hingerichteter Palästinenser in Bagdad.

Der Keim des ethnischen Hasses der Iraker auf die Palästinenser ist ihre bevorzugte Stellung unter Saddam Hussein. Der irakische Diktator hat den palästinensischen Flüchtlingen Zugang zu Bildung, Arbeit, medizinischer Versorgung und günstigen Wohnungen verschafft. Nach dem Fall Bagdads 2003 verwandelt sich Saddams Inszenierung als "Retter des verlorenen Volkes" für die Palästinenser zur tödlichen Gefahr: Das vermeintliche Liebkind des verhassten Diktators wird zur verfolgten Minderheit, getötet und vertrieben - bis in die Endstation Al Tanaf, Wüste.

Die Autorin ist freie Journalistin.

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