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Die tickende Zeitbombe

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Syrien und die Palästinenser haben nunmehr endgültig im libanesischen Bürgerkrieg interveniert. Es geht nur noch vordergründig um Christen und Moslems — es geht in Wirklichkeit um Syrische Hegemonie und das Überleben der Palästinenser als politische, und militärische Kraft. Aber .haben sich die Syrer zu einem solchen Schritt entschlossen, ohne Moskau, ihre waffenliefernde Schutzmacht, zu fragen? Immerhin; es wäre denkbar — was auch die Chancen für eine Beendigung des Konflikts vergrößern könnte.

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Syrien und die Palästinenser haben nunmehr endgültig im libanesischen Bürgerkrieg interveniert. Es geht nur noch vordergründig um Christen und Moslems — es geht in Wirklichkeit um Syrische Hegemonie und das Überleben der Palästinenser als politische, und militärische Kraft. Aber .haben sich die Syrer zu einem solchen Schritt entschlossen, ohne Moskau, ihre waffenliefernde Schutzmacht, zu fragen? Immerhin; es wäre denkbar — was auch die Chancen für eine Beendigung des Konflikts vergrößern könnte.

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Anderseits rätselt man, ob es sich bei der Aktion Syriens um ein weiteres Signal dafür handelt, daß Damaskus die alten Träume von einem „Groß-Syrischen Reich“ wiederzubeleben versucht. Die vorausgegangene überraschende Annäherung zwischen den traditionell verfeindeten Regimes in Damaskus und Amman paßte bereits in diese Richtung. Syrien widersetzt sich auch den gegenwärtig heftig diskutierten Plänen für die Bildung einer palästinensischen Exilregierung und die Gründung eines Rumpfstaates Palästina in den noch israelisch besetzten Gebieten. In Damaskus ließ man zuweilen inoffiziell durchblicken, daß man sich überhaupt nicht mit dem Gedanken an die Entstehung eines weiteren Separatstaates im sogenannten „fruchtbaren Halbmond“ befreunden könne. Zu „Groß-Syrien“ rechnet man denn auch folgerichtig das heutige Syrien, den Libanon, Transjordanien und das gesamte ehemalige Palästina einschließlich Israel.

In Beobachterkreisen nennt man allerdings drei prosaischere Gründe: entweder wolle Damaskus und damit die hinter ihm stehende Sowjetunion einen neuen Krieg, dafür spreche auch die syrische Weigerung einer Rückkehr zu der Genfer Friedenskonferenz und die Versteifung auf eine Entscheidung durch die bekanntlich von Israel boykottierte Nahostdebatte vor dem UN-Weltsicherheitsrat, oder die Syrer wollten zusätzlichen Druck ausüben auf die zu erwartenden Verhandlungen im Nahen Osten.

Wozu ein militärischer Konflikt, eine Teilung des Libanon, ein Einmarsch der Israeli führen kann, ist für alle Beteiligten freilich völlig unbestimmt. Der Traum vom „Groß-Syrischen Reich“ geht daran vorbei, daß es ja immer noch um die Palästinenser geht und daß gerade diese auch in jeder neuen Konstellation präsumptive Unruheherde darstellen.

Das bürgerlich-christlich beherrschte „kapitalistisch“-phöni-zisch-levantinische Händlerregime der „Schweiz des Orients“ zeigte nie viel Sympathie für die revolutionären Ziele der ungebetenen palästinensischen Gäste in den Flüchtlingslagern. Nicht umsonst konnte Israels alte Dame, Golda Meir, einmal ironisch feststellen, sie wisse zwar nicht, wer die erste Unterschrift unter einen Friedensvertrag mit den Zionisten leiste, wohl aber kenne sie den zweiten: den Libanon.

Für Arafat ging es also um die Sicherung der „Operationsbasis Libanon“. Als er sie erreicht hatte, gab er den Rückzugsbefehl. Doch die von Syrien unterstützte Guerillagruppe „es-Saika“ („Der Blitzstrahl“) verweigerte als erste den Gehorsam. In Tripolis riß sie die Macht an sich und errichtete eine „Volksrepublik“. Im Südlibanon, im sogenannten „El-Fatach-Land“ mit dem berühmt-berüchtigten „Arafat-Pfad“, haben die Freischärler ohnehin schon lange das Wort. Bei den Randgruppen in und außerhalb der PLO stießen Arafats Appelle zur Zurückhaltung sowieso auf taube Ohren.

Letzteres galt vor allem für die früher verhältnismäßig schwachen und isolierten „Unabhängigen Nasse-risten“. Sie beteiligten sich an den Straßenkämpfen zunächst nur als Plünderer und Entführer und stellten die heimtückischen Heckenschützen. Doch dann entdeckte sie der libysche Nasser-Aufguß Gaddafi. Er versorgte sie mit Geld und Waffen und sie bekamen daraufhin unerhörten Zulauf aus den Flüchtlingslagern und der kriminellen Unterwelt der Hafenstadt Beirut. Ihr Anführer ist ein gewisser Ibrachim Koleitat. Er fiel politisch erstmals auf durch den im Auftrag des verstorbenen ägyptischen Diktators Gamal Abdel Nasser verübten bestialischen Mord an dem libanesischen Zeitungsverleger und Journalisten Kamel Murruwe (1958). Seine Karriere begonnen hatte er als besonders brutaler Zürnen hinter der „Place des Martyrs“.men hinter der „place des Martyrs“. Mit Erpressung, Raub und Mord kennt er sich weit besser aus als in der Politik.

Arafats andere Gegenspieler sind Achmed Dschibril vom „Generalkommando der Demokratischen Volksfront“, Georges Habache von der „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (Spezialität: Flugzeugentführungen), „Abu Ijad“ alias Salach Chalaf vom „Schwarzen September“, Zicheir Mochsin von „es-Saika“ (Spezialität: Guerillakrieg).

Sie alle gerieten durch Arafats selbst für Insider schwer durchschaubare taktische Manöver, obwohl sie (in allerdings abnehmender Frequenz) zuweilen noch durch spektakuläre „Ausfälle“ von sich reden machten, nach 1969 allmählich in immer größere Isolation. Die Massen waren kampfmüde und demoralisiert und folgten lange willig der Parole der „Gemäßigten“ vom „langen Marsch über die diplomatische Weltbühne“.

Doch die aufgezählten internationalen Erfolge stärkten schließlich erstaunlicherweise keineswegs die Stellung Arafats. Viele Palästinenser zogen aus seinen Bodengewinnen einen aberwitzigen Schluß: Wenn mit diplomatischen Mitteln schon so viel zu erreichen gewesen sei, erlange man den Rest jetzt bestimmt mit Gewalt. Die Radikalen erhielten überraschend wieder Zulauf. Sie hatten sich, wie sich herausstellte, ohnehin nicht abgefunden mit der ihnen auferlegten Isolierung. Die Beiruter Sowjetbotschaft (Hausherr ist der KGB-Guerillaspezialist Alexander Soldatow) versorgte sie, glaubt man den Beobachtungen eigens auf sie angesetzter Späher, mit Waffen.

Mehrere Araberstaaten raten Arafat und seinen Anhängern heute einmütig zur Anerkennung der vollendeten Tatsachen. Die USA zeigen sich zwar neuerdings gesprächsbereit, beharren aber gleichfalls auf der Anerkennung Israels. Auf ihr besteht gegenüber Arafat wie Syrien angeblich auch die Sowjetunion. Doch hier gerade liegt, sagt man im PLO-Hauptquartier, der Pferdefuß. „Der Kremsl rät uns zum Realismus“, sagt man dort, „gleichzeitig unterstützt er aber aktiv die aggressive ,Front der Verneinung' in unseren eigenen Reihen.“

Der PLO-Chef zeigt sich mittlerweile noch immer unrasiert, die fleischige rechte Hand zum Victory-Zei-chen nach Churchill-Vorbild erhoben und die linke um die „Kalaschni-kow“-Maschinenpistole geklammert, im olivfarbigen Kampfanzug in der Öffentlichkeit. Doch die schwarzweiße Keffije auf dem Kopf verdeckt nur den rapiden Haarausfall des mittlerweile 48jährigen. Selbst unter dem, wohl nicht zufällig, immer dichteren Bart, sieht man allmählich das Doppelkinn. Die Segeltuchkluft verdeckt nur den (kaum noch zu verbergenden) Bauchansatz. Hinter der undurchsichtigen Sonnenbrille lauert oft Müdigkeit. Die wulstigen Lippen verraten den für einen Revolutionär nicht gerade gesunden Hang zum guten Leben. Arafat haust längst nicht mehr in Erdhöhlen oder Flüchtlingslagern (falls er das überhaupt jemals wirklich getan haben sollte), sondern ihm stehen luxuriöse „konspirative“ Wohnungen in Beirut, Damaskus und anderen arabischen Hauptstädten zur Verfügung. Doch er muß auf der Hut sein; Nacht für Nacht schläft er in einem anderen Quartier. Dabei fürchtet er weniger den israelischen „Mossad“' als die Mörder aus den eigenen Reihen.

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