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Palästinenser zerstörten das subtile Gleichgewicht

In den sechziger und frühen siebziger Jahren schmückten noch idyllisch anmutende Beiwörter das Land und dessen Hauptstadt: Libanon - die „Schweiz des Nahen Ostens“; Beirut - „Paris des Orients“. Von „Idylle“ ist im Libanon heute freilich keine Spur mehr: jahrelang sich hinziehende Bürgerkriegswirren haben das Land in einen Trümmerhaufen verwandelt.

Einen äußerst sorgfältig recherchierten Überblick über den Bürgerkrieg im Libanon gibt eine Studie des deutschen Journalisten und Politologen D. Th. Schiller. Im folgenden seien ein paar wichtige Erklärungsansätze aus Schillers Studie wiedergegeben:

Man muß sich zuerst einmal vor Augen halten: Im Libanon, einem Staat mit 10.400 Quadratkilometern und rund 3,3 Millionen Einwohnern, leben nicht weniger als elf christliche Gemeinschaften (die wichtigsten davon: Maroniten, orthodoxe und katholische Griechen, orthodoxe und katholische Armenier usw.), Moslems (Sunniten und Schiiten), Drusen und Juden, außerdem auch noch Angehörige der kurdischen und alawitischen Minderheit nebeneinander!

Zur Grundlage der Zusammenarbeit zwischen den verschiedensten ethnischkonfessionellen Bevölkerungsgruppen wurde der 1943 ausgehandelte „Nation nalpakt“, ein schriftlich nicht festgehaltenes „Instrument eines transkonfessionellen und transnationalistischen Kompromisses, der die entscheidenden Bevölkerungsgruppen zum gemeinsamen politischen Handeln vereinte“.

Allerdings: „Keine einzelne Subkommune war in der Lage, ohne die Unterstützung anderer entscheidenden Einfluß auszuüben.“ Die Folge davon war, daß die verschiedenen ethnischkonfessionellen Gruppierungen andauernd um Machtpositionen kämpften. Dieses Ringen wurde noch verstärkt durch die traditionellen Strukturen einer Clan-Gesellschaft.

Normalerweise kann der Nationalismus ein Element der sozialen und politischen Integration eines Staates sein. Jedoch: Im Libanon gibt es gleich zwei wesentliche Nationalismen:

• den vor allem von den Christen betonten libanesischen Nationalismus, der mediterran-westlich ausgerichtet ist;

• den stark antiwestlich orientierten arabischen Nationalismus, der in eine Vielzahl regionaler Nationalismen aufgespaltet ist.

Angesichts dieser der libanesischen Gesellschaft innewohnenden Sprengkräfte muß eigentlich verwundern, daß das System äußere Interventionen und innere Unruhen Jahrzehnte hindurch überlebte.

Immerhin: Der Staat hatte ja auch mit beträchtlichen sozialen Problemen fertig zu werden, vor allem mit der Migrationsbewegung, der Landflucht armer schiitischer und sunnitischer Bauern, die zur Entstehung von Elendsvierteln rund um die Hauptstadt Beirut führten.

Schiller widerspricht jedoch vehement der These, daß es sich beim libanesischen Bürgerkrieg um den Ausbruch eines Klassenkonfliktes handle: „Unter Umständen wäre es durchaus möglich gewesen, die Welle von Unzufriedenheit abzufangen und durch Anpassung des Systems abzubauen.“

Das Faß zum Überlaufen im Libanon brachten äußere Faktoren: der israelisch-arabische Konflikt und der damit verbundene palästinensische Nationalismus: „Unter dem Eindruck dieser äußeren Elemente, besonders der Präsenz militanter palästinensischer Organisationen brachen ethnisch-konfessionelle Unterscheidungen wieder auf, die solange in einem sorgsam gehüteten Equilibrium des Nationalpaktes neutralisiert waren.“

Nach dem Sechstage-Krieg 1967 und nach ihrer Niederlage im jordanischen Bürgerkrieg des „Schwarzen Septembers“ 1970 waren verstärkt militante palästinensische Freischärler-Gruppen vor allem in den Südlibanon eingeströmt, weil sie hier ideale Voraussetzungen für ihre Operationsbasen gegen Israel gefunden hatten.

Folge: Wie im Fall Jordanien entwik- kelte sich die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) auch im Libanon immer mehr zu einem „Staat im Staate“.

Und da die PLO immer auch im wesentlichen ein Spielball arabischer Mächte war, zog sie den Libanon, ihre neue Operationsbasis, immer tiefer in den arabisch-israelischen und innerara bischen Machtkonflikt mit hinein.

An der libanesisch-israelischen Grenze häuften sich die Zwischenfälle. Palästinensische Freischärler sickerten durch die Grenze nach Libanon durch, verübten Terroranschläge. Israel startete Vergeltungsanschläge auf Fe- dayeen-Basen im Südlibanon.

Als die christlichen Führer versuchten, die Aktionsfreiheit der Freischärler einzuschränken (Kairoer Abkommen 1969), entstanden schon die ersten bürgerkriegsähnlichen Spannungen im Land mit den Palästinensern und den mit ihnen sympathisierenden militanten islamischen Bevölkerungsteilen auf der einen, den Christen auf der anderen Seite.

Zwischenfälle im Februar und April 1975 in Sidon und Beirut brachten das Pulverfaß Libanon zur Explosion.

Die libanesische Armee, durch innenpolitische Maßnahmen ohnehin schon geschwächt, verlor zusehends ihre Bedeutung als neutraler Ordnungsfaktor, nachdem sie christliche Milizen, mehr oder weniger offen unterstützt hatte.

Syrien hielt sich vorerst aus den Kämpfen im Libanon heraus. Sein „Hauptinteresse galt der Erhaltung des Status quo, in dem die verschiedensten Möglichkeiten zur Einflußnahme auf die nahöstliche Gesamtsituation offenblieben“.

Das Alarmsignal für Syriens Staatschef Hafez el-Assad waren dann die sich im Gefolge des Bürgerkrieges im Nachbarland breit machenden Teilungstendenzen: Vorstellungen wurden laut, wonach der Libanon in einen christlichen und islamischen Kanton aufgeteilt werden sollte. Denn die Christen sahen in einer Separation die letzte Möglichkeit, einer islamischen Herrschaft zu entgehen.

AnfangJuni 1976 überschritten reguläre syrische Truppen die libanesische Grenze. Asad kam damit den schwer bedrängten christlichen Verbänden zu Hilfe.

Freilich, um die „Rettung der Christen“ beziehungsweise um die Liquidie rung der Palästinenser war es dem syrischen Staatschef bei seiner Intervention nicht gegangen. Vielmehr wär ihm daran gelegen gewesen, die PLO wieder unter syrische Kontrolle zu bringen.

Alsbald zerfiel die „syrisch-christliche Zweckallianz“ wieder, nachdem sich die maronitischen Führer gegen das weitere Verbleiben der syrischen „Friedenstruppen“ ausgesprochen hatten.

Interessant zu erwähnen sind noch Schillers militärische Einschätzung der Milizen und Bemerkungen zur Kriegsführung:

Typisch für alle Milizen und Freischaren ist „das Fehlen einer einheitlichen Ausbildung, die Bestallung von Kadern nicht nach Erfahrungen, taktischen Fähigkeiten oder Führungsqualitäten, sondern nach Einfluß und Beziehungen, das Fehlen taktischer Grundkonzeptionen und das Unvermögen, eine militärische Aktion durchzuführen .. .“

Die Konsequenzen einer solchen Kriegsführung: die Vernichtung ganzer Stadtviertel (eine intensive Haus-zu- Haus-Säuberung wäre zu verlustreich), Plünderungen, Attentate, der Einsatz krimineller Elemente und ausländischer Söldner als Hilfstruppen.

Wie sich diese Art des Krieges in den Bürgerkriegsjahren für den Libanon selbst auswirkte: schätzungsweise 80.000 T ote, 130.000 Verwundete, 3000 Vermißte; 44 (von 110) Banken ausgeraubt, das Zentrum Beiruts und 90 Prozent seiner Hotels, der Hafen und das Geschäftsviertel zerstört.

Ein paar abschließende Bemerkungen noch zum Buch selbst: Es ist gut und verständlich geschrieben, klar aufgebaut. Das große Manko: In diesem Paperback finden sich fast soviele Druckfehler wie in einem zerschossenen Hochhaus in Beirut Einschußgarben von Maschinengewehrsalven.

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