Gibt es eine Chance auf Veränderung im Libanon nach der Ermordung von Ex-Premier Rafiq Hariri? Trotz aller Trauer, Wut und Angst keimt in Beirut auch ein wenig Hoffnung.

Der Libanon mit seinen unzähligen Opfern von Kriegen und Terror hat einen neuen Nationalhelden. Vor dem Grab des sunnitischen Multimilliardärs Rafiq Hariri im Herzen des von ihm wieder errichteten Beirut versammeln sich täglich unzählige Menschen zum Trauergebet. Christen verneigen sich vor dem toten Ex-Premier mit dem Zeichen des Kreuzes, Muslime rezitieren den Koran. Ehemalige Angehörige der drusischen und maronitischen Milizen, deren Kämpfer sich 1983 in den Bergen des Shouf gegenseitig massakriert hatten, trauern einträchtig um den großen Toten, der am 14. Februar einer gigantischen Bombe in Beirut zum Opfer fiel und, wie viele vor ihm, zum "politischen Märtyrer" wurde.

Noch nie zuvor stand eine libanesische Regierung so gedemütigt im Kreuzfeuer. Und: Noch nie zuvor wagten so viele Menschen die offene Herausforderung Syriens, das den Libanesen erbarmungslos seine Hegemonie aufzwingt. "Syrien hinaus!" brüllten Tausende Menschen aus den verschiedensten Schichten und politischen wie religiösen Fraktionen des Landes bei einer Massendemonstration im Beiruter Stadtzentrum. Viele sind überzeugt, dass Syrien und die mit ihm verbündete Beiruter Regierung direkt oder indirekt für die "Enthauptung des Libanons" (so die Tageszeitung As Safir) Verantwortung tragen.

"Hariri, Retter des Libanon"

"Unser Ruf soll über die ganze Welt dringen und all jene erreichen, die Wertschätzung empfinden für Freiheit und Demokratie. Denn der Zeitpunkt ist gekommen, um die Libanesen in ihrem Streben zu unterstützen. Heute hat sich eine Chance geöffnet für eine signifikante Veränderung des Status quo im Libanon - diese Chance muss ergriffen werden", schreibt der libanesische Daily Star. Inmitten des Schocks, der Trauer um Hariri und einer tiefen Angst, dieses grauenvolle Attentat könnte den Libanon nach einem Jahrzehnt relativer Ruhe und Stabilität wieder in den Strudel der Gewalt reißen, sehen manche Libanesen einen Hoffnungsschimmer. "Durch seinen Tod", sagt ein Beiruter Journalist, "könnte Hariri den Libanon retten." Denn unzählige Libanesen, die bis heute das Trauma des 15-jährigen Bürgerkrieges (1975 bis 1990) nicht überwunden haben, hat die Trauer um Hariri, der für sie nationale Ehre, Unabhängigkeit, Freiheit und Souveränität verkörpert, erstmals die Angst voreinander vergessen lassen.

Marionettenpräsident

Dennoch lässt sich noch nicht erkennen, welchen Weg - den der Freiheit oder den erneuten Blutvergießens - der kleine Levantestaat einschlagen kann. Hariris Tod hat einer Oppositionsbewegung gegen die syrische Hegemonie neue Kraft und neuen Schwung verliehen. Während traditionell die Religionszugehörigkeit im Libanon den Ausschlag für die blutigen Konflikte zwischen den diversen Fraktionen gab, verlaufen die Gräben nun anders. Sie teilen das Volk in die Anhänger und die große Mehrheit erbitterter Gegner Syriens.

Jahrzehntelang hatte sich die Opposition gegen den mächtigen Nachbarn im Norden auf die christlichen Maroniten beschränkt, die etwa 16 Prozent der Bevölkerung stellen. Doch seit das syrische Regime Bashar el Assads im Vorjahr eine Verfassungsänderung und damit die Verlängerung der Amtszeit des ihm treu ergebenen libanesischen Präsidenten Emile Lahoud erzwungen hatte, gewannen Syriens Gegner neuen Zulauf. Walid Dschumblatt, der Drusenführer, dessen Vater Kamal in den frühen 80er Jahren vom syrischen Geheimdienst ermordet worden war, überwand seine Angst und schloss sich lautstark der Opposition an. Hariri trat kurz darauf, im Oktober, als Premier zurück und unterstützte erstmals, wiewohl stillschweigend, Syriens Gegner. Ob sein Tod allerdings Libanons Sunniten - traditionell Verbündete der Syrer - in die Arme von Assads Feinden treiben wird, lässt sich noch nicht klar erkennen. Geistliche Führer der Sunniten mahnen - ebenso wie schiitische und christliche - in diesen Tagen die Libanesen vor allem, nicht erneut die Waffen gegeneinander zu richten. Sunnitische Würdenträger schlossen sich bisher den Rufen der Opposition nicht an.

Libanons Opposition ruft zum "nationalen Aufstand" (Intifada) gegen die libanesische Führung und Syriens Macht im Levantestaat auf. Passiver Widerstand ist nach ihren Vorstellungen die Strategie, welche die 14000 syrischen Besatzungstruppen verjagen soll. Zu den Forderungen der Opposition zählt der sofortige Rücktritt der Regierung Omar Karames und die Bildung eines Übergangskabinetts, das bis zu Neuwahlen im Mai versuchen soll, das Land aus den Turbulenzen zu führen. Von Dialog, den die Parlamentsmehrheit nun angeboten hat, will die Opposition nichts wissen. Sie beharrt auf einer internationalen Untersuchung des Mordes an Hariri, um die Schuldigen zu überführen und den Libanon endlich zu befreien.

Mit seinem Mosaik an religiösen Gemeinschaften - neben den Maroniten, Schiiten (40 Prozent der Bevölkerung), Sunniten (20 Prozent) und Drusen (sechs Prozent) - ist der Libanon der am meisten kosmopolitische Staat der arabischen Welt. Die französische Mandatsmacht hatte ab 1920 die damalige maronitische Bevölkerungsmehrheit im Libanon, Teil Groß-Syriens, stark begünstigt. Frankreich entließ 1943 eine Republik in die Unabhängigkeit, die auf einem konfessionellen Proporzsystem der Machtverteilung ruhte: Die Maroniten stellten den Präsidenten, die Sunniten den Premier und die Schiiten den Parlamentspräsidenten. Im Laufe der Jahrzehnte verschob sich aber das Gewicht der Bevölkerungsgruppen zugunsten der Muslime, die - schließlich gewaltsam - eine neue Machtaufteilung forderten.

Schleichende Annexion

Als die Palästinensische Befreiungsorganisation plo, 1970 aus Jordanien vertrieben, im Libanon einen "Staat im Staate" errichtete, führte dies nicht nur zu einer radikalen Schwächung der Zentralregierung. Die Palästinenser brachten auch radikale politische Ideen mit und legten die Saat für den Bürgerkrieg, der das Land zerfleischte. Nach 15 Jahren stand die "Schweiz des Orients" in Trümmern. Total erschöpft stimmten die libanesischen Fraktionen und Syrien, unter Vermittlung Saudi-Arabiens, im saudischen Taif 1989 einem Abkommen zu, das die Basis für nationale Versöhnung und Wiedererlangung der Souveränität legen sollte. Binnen zwei Jahren sollten die syrischen Truppen, die 1976 - formal infolge eines Hilferufs des maronitischen Präsidenten - in den Libanon gekommen waren, um die Libanesen zu befrieden, das Land verlassen.

Doch Damaskus hat nur die Zahl der Besatzungstruppen von etwa 30000 auf heute rund 14000 reduziert und diese in der libanesischen Bekaa-Ebene, nahe der Grenze zu Syrien stationiert. Systematisch eliminierte Syriens mittlerweile verstorbener Präsident Hafes el Assad im Laufe der Jahre politische Gegner unterschiedlichster Konfessionen mit dem Ziel, den Libanon, den Syrien nie als eigenen Staat anerkannte, de facto unter seine Herrschaft zu zwingen. Das gelang. Ohne den Segen aus Damaskus kann keine libanesische Regierung gebildet, kein Präsident gewählt, können keine wichtigen politischen Entscheidungen getroffen werden. Die libanesische Armee, die Geheimdienste stehen voll unter syrischer Kontrolle. Das Parlament, die Ministerien sind unterwandert, auch ökonomisch schröpft das arme Syrien die geschäftstüchtigen Libanesen nach Kräften.

"De facto", so Libanons Ex-Präsident Amin Gemayel, "haben wir eine schleichende Annexion erlebt." Der vom Weltsicherheitsrat im Vorjahr in der Resolution 1559 geforderte Abzug der syrischen Truppen allein würde daran nichts ändern. "Syrien", so Gemayel, "betrachtet seine Präsenz hier nicht als vorübergehend, nicht als fremde Okkupation, sonder als etwas natürliches. Für Damaskus ist der Libanon Teil Syriens."

Angst vor neuem Blutbad

Syrien verbinden nicht nur historische und kulturelle Gemeinsamkeiten mit dem schwachen Nachbarn. Der Libanon ist in der Auseinandersetzung mit Israel über den besetzten Golan für Damaskus von entscheidender strategischer Bedeutung. Deshalb befürchten viele Libanesen, durch Druck der Amerikaner, der Franzosen, der uno und der Libanesen zum Rückzug gezwungen, könnten die Herrscher in Damaskus nach altbewährter Methode die libanesischen Fraktionen gegeneinander aufhetzen, ein Blutbad anrichten, um dann den gequälten Nachbarstaat wieder aus dem Teufelskreis der Gewalt zu reißen und ihre Präsenz im "Bruderstaat" zu legitimieren. Syriens Verbündete im Libanon, die Privilegien und Reichtümer zu verlieren haben, würden ihm dabei auch gewaltsamen Beistand kaum versagen.

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