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Iranische Verstrickungen in Nahost

„Die Macht des Widerstandes (der schiitischen Hisbollah) und die Einheit der libanesische Armee lassen nicht zu, dass das zionistische Regime auch nur einen Baum fällt.“ Die Zeiten seien endgültig vorüber, da Israel „ohne Angst bis an die Grenzen Beiruts vorstoßen konnte,“ bekräftigt Said Jalili, Chef des iranischen „Nationalen Sicherheitsrates“ bei einem Besuch im Libanon. Und er fügt hinzu: „Libanon, Irak und Afghanistan sind Irans Sicherheitsgürtel.“ Die Iraner scheuen keine Mühe, um ihre bedrohte strategische Position in der Levante zu verteidigen. Seit der jüngste Versöhnungsgipfel zwischen den beiden Erzrivalen im Libanon, dem Syrer Assad und dem Saudi Abdullah, in Beirut iranische Ängste weckte, Riad könnte die engen Bande zwischen Damaskus und Teheran sprengen, überstürzt sich die Diplomatie des „Gottesstaates“.

Irans „Geistlicher Führer“ entsandte eilig auch seinen höchsten Berater, Ex-Außenminister Velayati, nach Beirut. Kein Zweifel, die „Islamische Republik“ setzt alles daran, dem schwer bedrängten Hisbollah-Chef Nasrallah den Rücken zu stärken.Irans Nervosität lässt sich aus der zentralen Bedeutung erklären, die die Hisbollah seit fast 30 Jahren in seiner geostrategischen Planung besitzt. Hauptziel ist die Änderung des Status quo in der Levante, um den Anspruch auf geostrategische Vormachtstellung zu untermauern.

Wechsel der Gunst

Immerhin profitiert der Iran eindrucksvoll von dem Gefühl politischer Ohnmacht in der arabischen Welt angesichts der Unfähigkeit der USA, die Krisen der Region zu lösen. Nach einer US-Umfrage aus fünf arabischen Ländern sank die Sympathie für US-Präsident Obama seit dem Frühjahr 2009 von 45 auf 20 Prozent, während 57 Prozent, mehr als doppelt so viele als 2009, überzeugt sind, dass sich iranischer Besitz von Atomwaffen für den gesamten Mittleren Osten als positiv erweisen würde.

Immer enger verstrickt sich Teheran nicht nur mit dem Libanon, sondern auch mit anderen Konfliktzentren, dem Palästinenserproblem, Irak, Afghanistan, Zentralasien. Um endlich eine neue irakische Regierung auf die Beine zu stellen, führen Amerikaner und Iraner offenbar Geheimverhandlungen. Zentrales Anliegen Teherans ist dabei die Suche nach einem Gleichgewicht zwischen sunnitischen und schiitischen Interessen in der Region sowie die Anerkennung seiner regionalen Vormachtstellung durch die USA. So sind es denn auch geostrategische und nicht ideologische oder religiöse Motive, die Irans Hass auf Israel nähren, auf die einzige Großmacht in der Region, die noch dazu von der einzigen Supermacht gestützt wird. Umgekehrt liegen die Wurzeln israelischer Obsession mit iranischer Atommacht in der Zerstörung seiner jahrzehntelangen Verteidigungsstrategie. Iran hat dabei mittels Hisbollah bereits Fortschritte erzielt, die Teheran weiter ausbauen könnte, wenn es durch den Besitz von Atomwaffen indirekt der Widerstandsfront eine Sicherheitsgarantie bietet.

Israels Verteidigungsstrategie beschränkt sich nicht nur darauf, einem Gegner unverhältnismäßig hohen Schaden zuzufügen, sondern setzt auf die Fähigkeit, potenzielle Feinde fast straflos, d. h. mit geringsten eigenen Verlusten, auch präventiv vernichtend zu schlagen. Die bloße Existenz iranischer Atomwaffen zwänge Israel über Jahre hinweg zu militärischer Zurückhaltung. Dank intensiver Aufrüstung durch Teheran und Damaskus hat die Hisbollah inzwischen ein Abschreckungspotential entwickelt, das den Libanon erstmals in seiner Geschichte aus seiner verzweifelten Rolle als hilfloses „ewiges Opfer“ befreit und ihm eine Verteidigungschance bietet. Keiner der Kontrahenten, weder Israel noch Hisbollah oder die Libanesen und schon gar nicht Iran, sind derzeit an einem blutigen Konflikt mit unabsehbaren Folgen weit über die Grenzen der Levante hinaus interessiert. Für Teheran geht es vor allem darum, die starke Schlagkraft der Hisbollah nicht zuletzt für den Fall eines israelischen Angriffs auf seine Atomanlagen zu sichern. Letztlich aber sei, so ein hoher israelischer Beamter, „ein Krieg im Norden der einzige Weg, um, die Achse des Übels‘ zu vernichten“.

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