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Kriegs-Nutznießer stört zuviel Frieden

Der Iran testet seine Raketen, Israels Luftwaffe trainiert für den Ernstfall und die USA warnen Teheran, es werde seine Bündnispartner im Nahen Osten verteidigen - Alarmstufe Rot für einen Krieg, den angeblich keiner will, dessen Androhung aber vielen nützt.

Für den nächsten Friedensnobelpreis gibt es einen ungewöhnlichen Kandidaten: Pistazien! Israel hat den weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Pistazienkernen und "der Löwenanteil, wenn nicht alles stammt aus dem Iran", behauptet der US-Botschafter in Tel Aviv, Richard H. Jones. Deswegen hat der Amerikaner vor kurzem einen Protestbrief an Israels Regierung geschickt. Für Jones ist die israelische Vorliebe für iranische Pistazien nämlich keine Friedensgarantie nach der Logik: Niemand erklärt einem Land den Krieg, von dem es das unwiderstehlichste Knabberzeug bezieht.

Der Botschafter wirft den Israelis vor, sie würden mit ihrer Pistaziensucht den Feind und dessen nukleare Ziele unterstützen: "Jede Pistazie bringt den Iran weiter in seinen Fähigkeiten in der Kernindustrie!" Jones fordert einen Importstopp für iranische Pistazien in Israel - auch wenn diese als türkische Kerne "getarnt" sind. Als Alternative bietet er, nicht uneigennützig, US-Pistazien. Die sind zwar nicht so gut, klagen die Israelis, aber politisch koscher.

Im Eskalationswettlauf

Mit dem wichtigsten Verbündeten will es sich das offizielle Israel im Eskalationswettlauf mit dem Iran auf keinen Fall verscherzen. Und US-Außenministerin Condoleezza Rice hat nach den letztwöchigen iranischen Raketentests im Persischen Golf postwendend eine Drohung an Teheran geschickt: "Wir nehmen unsere Pflicht, unseren Bündnispartnern bei der Selbstverteidigung zu helfen, sehr, sehr ernst. Darüber sollte niemand im Zweifel sein!"

Die US-Kriegssolidarität mit Israel wird kein Iraner in Frage stellen, genauso wenig wie die haushohe militärische Überlegenheit der US-israelischen Streitmächte. Warum provoziert dann der "Gottesstaat" den "Judenstaat"? - Und genauso verwunderlich: Warum lässt sich Jerusalem von Teheran provozieren? Weil es da wie dort und ringsherum Nutznießer dieses Konflikts gibt?

Es ist nicht sehr originell mit Ciceros "Cui bono?" nach den Hintergründen und Hintermännern aller von Menschen verursachten Krisen zu fragen - doch wenn die Antworten darauf so eindeutig und so erhellend ausfallen wie im iranischen Atomstreit, dann gilt die Frage: Wem nützt's?

"Israel hat keine Angst zu handeln, wenn seine Sicherheitsinteressen bedroht sind", erklärte der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak nach den iranischen Raketentests. Mit ihm ist ein erster Nutznießer des angedrohten Konflikts genannt. Baraks militärisches Muskelspiel kann ihm im bevorstehenden israelischen Wahlkampf nur helfen - noch dazu, wo dem Ex-Premier seine gescheiterten Friedensbemühungen mit den Palästinensern als Schwächezeichen nachhängen und er sich nur zu gerne wieder in seinem alten Ruf als siegreicher General sonnen würde.

Gerne wieder Helden sein!

Das große Manko in der israelischen Politik, kein hochrangiger Militär gewesen zu sein, verfolgt den gegenwärtigen Premierminister Ehud Olmert schon seit dessen Amtsantritt. Die desaströse Strategie Israels im Krieg gegen den Libanon im Sommer vor zwei Jahren hat die Volksmeinung über Olmerts militärisches Unvermögen bestätigt, ihn damals einer Absetzung schon kritisch nahe gebracht. Mit Rücktrittsforderungen ist Olmert jetzt wieder, aber dieses Mal aufgrund von Korruptionsvorwürfen konfrontiert - alles Gründe, warum es Olmert nur recht ist, dem Iran kompromisslos zu begegnen. Der militärische Dilettant kann sich als Garant für die Sicherheit präsentieren. Und solange der Feind die Schlagzeilen und Gemüter beherrscht, ist da wie dort weniger Platz und Zeit für die Skandalisierung des Kriminalfalls Olmert.

Getrieben werden Barak wie Olmert in ihrer Kriegsrhetorik von der israelischen Opposition, allen voran dem "Falken" Benjamin Netanjahu, der sich innen- wie außenpolitisch als legitimer Nachfolger des nach wie vor im Koma dahindämmernden "Oberfalken" Ariel Scharons zu präsentieren versucht.

Und Barak wie Olmert wie Netanjahu gemeinsam ist ihre Eifersucht auf und ihre Sorge über die wachsende Beliebtheit der Außenministerin Tzipi Livni in der israelischen Öffentlichkeit. Und wieder kommt allen Dreien die iranische Bedrohung sehr gelegen, desavouiert sie die eher kompromissbereitere Außenministerin doch als Sicherheitsrisiko und macht sie als dem Appeasement zuneigende Beschwichtigerin verdächtig. Und einmal des Appeasements überführt, hat keine Politikerin in Israel mehr eine Chance, denn Beschwichtigung hat schon gegen Hitler nicht funktioniert - und sitzt heute in Teheran nicht ein "neuer Hitler" an der Macht? Aber letztlich bestätigt Livnis Zurückhaltung ja nur das, was alle richtigen Männer sowieso wissen: Kriege führen ist Männersache!

Ein aus solchem Kriegsholz geschnitzter Mann zu sein, trauen die israelischen Strategen jedoch nur dem US-Präsidentschaftskandidaten John McCain, aber nicht seinem Konkurrenten Barack Obama zu. Deswegen heißt es schnell sein, bevor ein von israel-kritischen Beratern aus dem Jimmy-Carter-Gefolge beeinflusster Obama ins Weiße Haus einzieht.

John Bolton, der frühere US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, setzt Israels Angriff auf iranische Atomanlagen in der Zeit nach den US-Präsidentenwahlen am 4. November und vor der Angelobung des neuen Präsidenten am 20. Jänner 2009 an. Die arabische Welt würde einen Militärschlag gegen den Iran öffentlich verurteilen, sagt Bolton, sich aber insgeheim darüber freuen.

Die arabische Welt freut's?

Mit dieser Einschätzung liegt Bolton richtig: Von Saudi Arabien bis nach Ägypten - die vom Iran beanspruchte arabische Vormachtstellung nervt. Andererseits wird der Iran auf einen Militärschlag gegen seine Atomanlagen mit einer weiteren Destabilisierung des Iraks und Afghanistans antworten. Adressaten in den genannten Ländern, die sich über iranische Waffenlieferungen, Militär- oder Geheimdiensthilfe freuen, gibt es genug. So wie die Hisbollah im Libanon oder die Hamas im Gazastreifen gerne den Kollateralnutzen eines israelischen Angriffs auf den Iran einstreifen und einen Stellvertreter-Gegenangriff starten würden.

Diese Bedrohung fürchtet Israel viel mehr als iranische Raketen. So wie die USA die unkalkulierbaren Auswirkungen eines Konflikts mit dem Iran auf den Ölpreis mehr Angst machen als Präsident Mahmoud Ahmadinedschads Drohkulisse. Der wiederum ist im Iran der größte Nutznießer des Kriegskurses, weil er damit vom wirtschaftlichen Desaster in der Islamischen Republik ablenkt.

Alle Beteiligten drohen - aber wollen sie auch wirklich Krieg führen? Nein, denn die Provokationen können sie für ihre jeweiligen Interessen nützen, eine Eskalation könnte für jeden fatale Folgen haben. Doch die Geschichte lehrt: Irgendwann gibt es kein Zurück, dann rollt der Krieg - dann können selbst die besten Pistazien der Welt keinen Frieden erhalten.

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