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Scherbenhaufen in Nahost

Der Zeitpunkt für den Einmarsch im Libanon war von den israelischen Strategen denkbar günstig gewählt worden: die Weltöffentlichkeit starrte wie elektrisiert in den Südatlantik, wo Großbritannien und Argentinien ihre Waffen kreuzen; die Niederlage des Irak im Golf-Krieg gegen den Iran hatte die Kluft zwischen gemäßigten und radikalen Araber-Staaten nur noch vertieft und sie insgesamt handlungsunfähig gemacht.

Und von den USA waren vorerst ebenfalls keine Reaktionen zu erwarten, zumal die Reagan-Administration nach wie vor kein umfassendes Nahost-Konzept entwickelt hat.

Hatte der „Kampf gegen das zionistische Gebilde” als kleinster gemeinsamer Nenner die arabische Welt in kritischen Zeiten noch immer so recht und schlecht zusammenhalten können, so befürchten jetzt arabische Politiker offensichtlich, daß ein Gipfel derzeit selbst über dieses Thema keine Einigkeit erzielen könnte — so groß istüie Zerrissenheit.

Zwar spricht man auch jetzt wieder von der Bildung einer gemeinsamen Front aller muslimischen Staaten gegen Israel — trotzdem gehen die wüsten gegenseitigen Beschimpfungen weiter: Irak wirft dem syrischen Regime Assads vor, es stecke mit Israel, Iran und den Amerikanern unter einer Decke; von den Jordaniern wiederum muß sich Damaskus die peinliche Frage gefallen lassen, was denn die syrischen Truppen mit ihren Tanks und Raketen in Libanon unternähmen.

Kein Wunder, daß sich Syriens Staatschef Assad ebenso wie die PLO von den „arabischen Brüdern” zur Zeit völlig im Stich gelassen fühlen. Er hat aber auch genug dazu beigetragen, sich innerhalb der arabischen Welt selbst zu isolieren:

Sein blutiger Zwist mit den verhaßten Baath-Brüdern in Irak, seine Feindschaft zu Jordanien, seine führende Rolle in der arabischen Ablehnungsfront (Syrien, Libyen, Algerien, die Volksrepublik Jemen und die PLO), seine offene Parteinahme für Khomei-ni im irakisch-iranischen Konflikt, sein brutales, Vorgehen gegen die muslimische Opposition im eigenen Land—für all dies wollen ihm die gemäßigten arabischen Staaten jetzt offenbar die Rechnung präsentieren.

Assad steht vor dem Scherbenhaufen seiner eigenen Politik: Im Libanon mußte er eine empfindliche Niederlage gegen die Israelis einstecken und es scheint, daß er nun auch seine Rolle als Ordnungsmacht im Libanon los wird.

Los wird Damaskus durch den Schlag gegen die PLO aber auch ein wichtiges Instrument seiner Politik gegenüber der arabischen Welt: Sei es dadurch, daß die PLO durch die Zerschlagung ihrer politischen und militärischen Infrastruktur auf Jahre hindurch geschwächt ist; sei es dadurch, daß die Palästinenser den Syrern das Stillhalten während ihres Uberlebenskampfes im Libanon nicht vergessen und verzeihen werden.

Für Syrien ist dies umso gefährlicher, als es vor einer „Libanoni-sierung” im eigenen Land nicht gefeit ist. Denn was Syrien bei seinem Eingreifen im libanesischen Bürgerkrieg 1976 verhindern wollte — den Zerfall des Libanon in einzelne konfessionelle Enklaven — droht Assad aufgrund seiner auf die alawitische Minderheit gestützte Herrschaft im eigenen Land.

Nicht, daß dies unmittelbar bevorstehen würde. Aber die Ereignisse im Libanon und die Isolierung in der arabischen Welt könnten hier als Katalysatoren wirken.

Gefahren aber auch für die konservativen arabischen Staaten am Golf: zum einen, weü in diesen Staaten starke palästinensische Minderheiten leben und zum Teil in wichtigen Funktionen sitzen.

Dieses radikale Potential könnte für die Golfstaaten nach einer empfindlichen PLO-Niederlage noch explosiver werden.

Zum anderen ist die persische Gefahr nach der irakischen Niederlage alles andere als gebannt. Immerhin haben die Golf staaten Bagdad mit massiver Finanzhilfe unter die Arme gegriffen — sie könnten dafür von Khomeini noch die Quittung erhalten.

Was sich hier schon vor Wochen abgezeichnet hat, könnte durch das israelische Dreinschlagen im Libanon ebenfalls beschleunigt werden: daß sich diese konservativen Staaten mehr und mehr der Sowjetunion zuwenden: i Einerseits, weil sie von der amerikanischen Nahost-Politik endgültig die Nase voll haben, zumal Washington nicht in der Lage zu sein scheint, einen mäßigenden Einfluß auf Israels Politik gegenüber den Arabern auszuüben; zum anderen, weil sie sich von Moskau einen größeren Schutz gegenüber den die inneren Unruhen in ihren Ländern schürenden religiösen Eiferern aus Teheran erhoffen.

Israels Invasion hinterläßt wohl auch für die amerikanische Nahostpolitik einen Scherbenhaufen...

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