Vier Jahre nach der Invasion des Libanon durch Israels Truppen droht eine neuer Konflikt. Die Hisbollah ist in Bedrängnis und könnte einen Krieg auslösen.

In den Weisheiten eines Volkes steckt manchmal auch der Schlüssel zu seiner Tragödie. Aus dem achten Jahrhundert stammt folgende Weisheit, die von alten Libanesen gerne an die jüngeren weitergegeben wird: „Wer Frieden zu stiften versucht, erhält zwei Drittel der Prügel.“ Es scheint, als lebe dieses Land an der Küste Kleinasiens, das vom Altertum an ein Kulminationspunkt der Weltgeschichte war, nun schon seit Jahrzehnten nach dieser Regel. Konflikte, wo sie entstehen und wie blutig sie auch sein mögen, währen kleine Ewigkeiten, Frieden dagegen ist höchst vergänglich.

Aarida im Norden und Ain Ebel im Süden begrenzen ein Gebiet in der Größe Oberösterreichs. Seit Jahrhunderten leben hier 4 Millionen Menschen, Angehörige von 17 Konfessionen neben-, mit- und gegeneinander. Der Libanon sollte wegen seiner Kulturschätze und seiner einzigartigen Naturschönheit einer der schönsten Orte der Welt genannt werden, doch die Schönheit bleibt ein unerfülltes Potenzial. Dafür ist der Libanon Aufmarschgebiet beinahe aller Parteien im blutigen Nahostkonflikt geworden: Israel, Iran, Syrien, die PLO und ihre libanesischen Parteigänger treiben ihre diplomatischen und militärischen Ränke dort wie auf einem willkommenen Spielfeld. Das zeigt sich in diesen Tagen deutlicher denn je.

Drohungen und Gegendrohungen, Säbelrasseln und tödliche Grenzscharmützel, diplomatische Krisengipfel beschreiben einen seit Wochen anhaltenden Ausnahmezustand. Droht ein „heißer Sommer“, wie es die leiderfahrenen Libanesen nennen, ein neuer Krieg im Nahen Osten? Vieles spricht nach Ansicht internationaler Experten dafür, nur weniges dagegen.

Einer der Vorboten einer möglichen Eskalation: der Grenzzwischenfall bei Adaisse im Südlibanon in der Vorwoche, bei dem israelische Soldaten und libanesische Truppen aufeinanderprallten. Zwei Israelis und drei Libanesen starben bei den Kämpfen, die nach UN-Angaben von den Libanesen ausgelöst worden waren. Es war der folgenschwerste Zwischenfall seit dem Ende des Libanonkrieges 2006, bei dem 1080 Menschen, zumeist libanesische Zivilisten, getötet worden waren.

Ovationen an den Krieg

Doch von Schrecken über den Vorfall keine Spur: Voller Stolz ließ sich Libanons Präsident Michel Suleiman am Sonntag ins Grenzgebiet zu Israel fliegen, um dort seine Kämpfer zu loben und eine sofortige Aufrüstung der Armee um mehrere Millionen Dollar anzukündigen. Der syrische Aussenminister Ali al-Shami reiste nach Teheran, um sich von Israels Erzfeind Iran für die „Helden und Märtyrer“ der Armee loben zu lassen. Irans Außenminister unterstütze die libanesische Armee voll und stünde „Schulter an Schulter gegen die israelische Aggression“.

Die israelische Armee wiederum veröffentlichte Satellitenaufnahmen von jüngst ausgebauten Stellungen der libanesischen Hisbollah-Miliz an der südlichen Grenze. Schon im April hatte Israel Berichte veröffentlicht, wonach die schiitischen Kämpfer im Besitz von ballistischen Boden-Boden-Raketen des Typs Scud seien, mit einer Reichweite bis zu 300 Kilometern seien. Die Raketen seien vom Iran über Syrien im Frühjahr dieses Jahres geliefert worden. Damit wäre jede Stadt in Israel ein potenzielles Angriffsziel. Die israelische Regierung drohte daraufhin dem Nachbarn mit einem bewaffneten Konflikt. Das International Institute for Strategic Studies nimmt sogar an, dass sich „Israel veranlasst sehen könnte, nicht nur Ziele im Libanon, sondern auch in Syrien und im Iran anzugreifen“.

Die Hisbollah, die vom Iran mit Waffen und finanziellen Mitteln in Millionen-Dollar-Höhe unterstützt wird, dementierte die Berichte nicht. Ihr Anführer Hassan Nasrallah brüstet sich jedenfalls damit, die Hisbollah habe die Möglichkeit, jedes Ziel in Israel „auszuradieren“. Außerdem werde man das nächste Mal der Armee im Falle einer israelischen Aggression zu Hilfe kommen. Die neue Freundschaft zwischen der Miliz und der staatlichen Armee, die sich noch 2008 erbitterte Gefechte in Beirut geliefert hatten, verunsichert nun vor allem die USA. Washington hatte in den vergangenen beiden Jahren Hunderttausende Dollar in den Aufbau der libanesischen Armee investiert. Das Kalkül, die regulären Truppen könnten den Einfluss der Hisbollah eindämmen, scheint sich nun aber ins Gegenteil zu verkehren. „Mit sofortiger Wirkung“ ließ der US-Kongress deshalb am Montag die Militärhilfe einfrieren.

Im Libanon selbst wächst die Angst vor einem neuen Konflikt. Samir Geagea, der Führer der rechtsgerichteten Miliz „Forces Libanaises“, ortet den Hauptgrund für einen solchen Konflikt im eigenen Land. Die Hisbollah wolle „den Libanon in ein Schlachtfeld“ verwandeln, so Geagea. Auch Syrien, das bislang mit den Milizen des Schiitenführers Hassan Nasrallah im besten Einvernehmen stand, scheint wenig Hoffnung zu haben, einen Krieg vermeiden zu können. Trotz einer saudisch-syrischen Friedensinitiative schreiben syrische Medien explizit von einem möglichen Krieg im kommenden Jahr.

Brisanter UNO-Bericht

Dabei geht es vor allem um die möglichen Konsequenzen des im Dezember erscheinenden Abschlussberichts des UN-Libanon-Tribunals, der die Hintergründe der Ermordung des libanesischen Premiers Rafik Hariri im April 2005 untersuchen soll.

Die Ermittler im Auftrag der Vereinten Nationen, die ursprünglich von einem syrisch gesteuerten Komplott ausgegangen waren, fanden reichhaltige Indizien für eine Täterschaft der Hisbollah. Vor allem konnten Mobiltelefone, die bei dem Attentat benutzt worden sind, dem Kommandostab der schiitischen Miliz zugeordnet werden. Ein solches Ergebnis bringt die kämpfenden Schiiten in heftige innenpolitische Bedrängnis, beziehen sie ihre Legitimation und ihr lagerübergreifendes Ansehen im Libanon doch ausschließlich aus ihrer Rolle als bewaffneter Beschützer des Landes. Was käme der Hisbollah also gelegener als ein Krieg als Ablenkung und Stärkung der eigenen Position? Ein Konflikt, so die Experten des US-Thinktanks Brookings Institution, würde auch „das fragile Gleichgewicht der Institutionen im Libanon zerstören“. So gesehen könnte auch der Wahlspruch der Miliz als Wunsch an die Adresse Israels zu lesen sein: „If you hit, we hit you“.

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